Elis­a­beth Orth:

„Du musst dir die Bühne jung er­hal­ten“

Kurier_Interview - - Inhalt -

2015 beg­ing sie ihr 60-jähriges Büh­nen­ju­biläum und mit dem Ti­tel Doyenne wurde sie im Fe­bruar 2015 auch of­fiziell die er­ste Schaus­pielerin des Burgth­e­aters. Dabei wollte sie einst ein­fach eine „gute Schaus­pielerin“sein. Elis­a­beth Orth über Rou­tine und Neuan­fang.

Sie sind oft aus­geze­ich­net wor­den und nun Doyenne. Be­deutet Ih­nen das viel?

Ja. Und die Doyenne ist eine beson­dere Ausze­ich­nung. Weil sie ver­bun­den ist mit dem Signum: Es muss eine er­ste Schaus­pielerin sein. Wenn ich zurück­denke: Ich wollte ein­mal eine gute Schaus­pielerin wer­den. Und jetzt bin ich eine er­ste. Da kann man sich unge­fähr vorstellen, was mir das be­deutet.

Doyenne bleibt man lebenslang. Ein En­gage­ment bis zum Tod. Eine schöne Vorstel­lung?

Man weiß ja nicht, wie lang man lebt. Ich werde ganz bes­timmt die Bühne nicht mehr be­treten, wenn ich merke, dass die Werkzeuge nicht mehr stim­men, wie meine Mut­ter das genannt hat. Der Atem, das Sprechen. Wenn der Kör­per nicht mehr mit­tut, dann würde ich sagen: Sehr verehrtes Burgth­e­ater, bitte holt euch die näch­ste Doyenne.

Sie haben sich gewün­scht, eine gute Schaus­pielerin zu wer­den. Wann merkt man, dass man eine gute Schaus­pielerin ist?

Es muss von außen kom­men. Man­lässt sich’s sagen oder schreiben. Wenn sich das dann ein paar Mal wieder­holt, und das kann dauern, dann fängt man vor­sichtig an, es gerne zu glauben.

Schaus­piel­erei ist ja, bei aller Rou­tine, mit jeder Rolle ein neuer An­fang.

Das muss es sein. Das ist ja die Her­rlichkeit des Berufs.

Gewiss her­rlich, aber auch sehr anstren­gend.

Ja. Und sch­wer asozial, weil man un­brauch­bar ist. Man hört an­deren nicht or­dentlich zu, weil man sich auf seine Rolle konzen­tri­eren muss. Und das Textler­nen wirft einen in die Schulzeit zurück, wo man Gedichte auswendig zu ler­nen hatte. Es gibt Kol­le­gen, de­nen das zu­fliegt. Zu diesen gehöre ich nicht.

Wie ler­nen Sie Text?

Hart. Ich schiebe das lange weg, spiele faul. Und ir­gend­wann ist Klausur. Lesen, noch ein­mal lesen, entsetzt merken, was man noch nicht kann. Die Klas­siker sind meis­tens le­ichter, wenn man Jam­ben sprechen kann. Schiller hab ich le­ichter gel­ernt als jetzt Pal­met­shofer.

Sprechtech­nik scheint heute weniger wichtig gewor­den zu sein.

Das stimmt lei­der. Die Akustik dieses Hauses ist nicht ideal, aber das ist keine Entschuldigung dafür, nicht sprechen zu kön­nen. Ir­gend­wann ist lei­der die Mode aufgekom­men, zu sprechen, wie einem der Schn­abel gewach­sen ist. Das ist furcht­bar, das ist nicht der Sinn des Berufes. Da kann ich auch bei der Greiß­lerin ein Gedicht auf­sagen.

Viele junge öster­re­ichis­che Schaus­pielKol­le­gen haben sich angewöhnt, zu sprechen, als wären sie Deutsche, damit sie auch für Film und Fernse­hen in­frage kom­men.

Ich nenne das Wen­zel Lüdecke. Der hat ja früher alles syn­chro­nisiert. Das ergibt diese merk­würdig un­dif­feren­zierte Sprech­weise.

Einer, der sich seine au­then­tis­che Sprache be­wahrt hat, ist Ihr Sohn Cor­nelius Obonya. Ab wann war für Sie klar, dass er die Fam­i­lien­tra­di­tion weit­er­führt?

Er kam eines Tages und sagte, Mami, ich glaube, ich mache keine Matura, we­gen Chemie und Physik. Ganz mein Sohn! Ich war ge­nau wie meine El­tern und dachte, um Gottes Willen, ein gefährlicher Beruf! Er hat sich dann, ohne dass ich es wusste, im Rein­hardt­sem­i­nar be­wor­ben und als einer von ganz weni­gen be­standen. Ich wusste, ich kann re­den, was ich will, er wird das machen.

Sie sind bekannt für Ihr En­gage­ment gegen An­tisemitismus. Haben Sie den Ein­druck, er nimmt wieder zu?

Ja. Nicht nur der prim­i­tive vom Stammtisch, sondern auch der, der sich an der Regierung Is­raels aufhängt. An­tisemitismus ist wie eine Giftschlange. Sie hebt im­mer ir­gendwo ihren Kopf.

Hat es für Sie je­mals et­was an­deres als The­ater gegeben?

Archäolo­gie. Mein Vater aber sagte: Wie stellst du dir das vor? Mein lustiger, fau­nis­cher Vater hat da plöt­zlich vom Geld gere­det!

Ihr Enkel heißt At­tila wie Ihr Vater. Was, wenn er mit der Fam­i­lien­tra­di­tion bricht und Buch­hal­ter wird?

Kommt drauf an, wo.

Wir haben ja gese­hen, dass man auch am The­ater gute Buch­hal­ter braucht.

Dur­chaus. Wir wis­sen alle nicht, was dieses Jahrhun­dert brin­gen wird. Ob The­ater weit­er­hin sub­ven­tion­iert wird. Kul­tur ist Luxus, das wird sch­nell gesagt.

Sie waren „Nora“, „Prinzessin Eboli“. und Pal­met­shofers „Alte“. Kann man sich auf der Bühne beim Al­tern zuschauen? Ist das Äl­ter­w­er­den so le­ichter oder schwerer?

Wenn man den All­tag wegschieben kann, dann ist das Äl­ter­w­er­den keine Tragik. Es ist der All­tag, der die Stem­pel setzt. Vom Kreuzweh bis zu sch­lecht ver­heilen­den Wun­den. Du musst dir die Bühne jung er­hal­ten, schauen, dass dir der müh­selige All­tag die Bühne nicht ver­saut. Eine Her­aus­forderung. Aber wenn ich mich in der Früh nicht gut fühle, und weiß, ich hab Vorstel­lung, dann ist Schluss mit Sch­lecht­fühlen. Al­ter war nie ein Prob­lem für mich. Ich habe es nie ver­leugnet und mich nie jünger gemacht. Ich hab im­mer gesagt, ich bin Vorkriegsware.

Wer Sie auf der Bühne sieht, sieht, dass Sie alles geben. Was nehmen Sie von der Bühne mit?

Die Lust und die Neugier.

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