Roland Neuwirth:

„Sehn­sucht nach eigener Sprache“

Kurier_Interview - - Inhalt - FOTO: JÜRG CHRI­S­TANDL TEXT: ANNA- MARIA BAUER

Der Wiener Musiker Roland Neuwirth über 40 Jahre Ex­trem­schram­meln, die Ab­schied­s­tour 2016 und sein Nicht-auswan­dern nach Amerika

Ver­gan­genes Jahr haben Sie mit Ihren „Ex­trem­schram­meln“40 Jahre Band­ju­biläum gefeiert. Nun ist Ihre let­zte CD „Des End vom Liad“er­schienen. Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekom­men?

Durch eine Wan­der­gi­tarre. Die hatte mein Vater im Wäschekas­ten hän­gen und die hat mich unglaublich fasziniert. Im­mer wieder habe ich ver­stohlen hingeschielt. Ir­gend­wann hat mein Vater mir drei Griffe gezeigt. Den Rest habe ich mir selbst beige­bracht. Ohne Noten lesen zu kön­nen.

Das haben Sie aber nachge­holt?

Ja, mit 23. In der Musikschule. Bis dahin dachte ich ja, ich sei ein Far­biger aus Louisiana (lacht). Ich habe damals haupt­säch­lich Blues und Jazz gespielt. Das Lebens­ge­fühl, das dabei mitschwingt, kommt von dort drüben.

Die Affinität zu Amerika sieht man auch an Ihrer Klei­dung.

Nor­male Klei­dung ist mir ja höchst zuwider. Auch nor­male Au­tos. Ich fahre einen Chrysler 300D, ein „Zuhäl­ter­auto“, einer der let­zten Amerikaner. Und mein Bauern­haus im tief­sten Nor­den von Niederöster­re­ich sieht ein biss­chen aus wie ein Her­ren­haus in den Süd­staaten. In­klu­sive Schaukel­stuhl auf der Veranda.

Aufgewach­sen sind Sie aber in Wien?

Ja, aufgewach­sen bin ich in einer Ar­beit­er­sied­lung in Florids­dorf. Das war nicht schön, das war eigentlich der Blues. Die Häuser waren zer­bombt, alles war ir­gend­wie muf­fig. Dann haben meine El­tern aber eine Ge­mein­de­woh­nung in Dorn­bach bekom­men und plöt­zlich war es son­nig. Das war wie im 7. Him­mel.

Woll­ten Sie mal nach Amerika auswan­dern?

Mit 21 Jahren habe ich mir das ern­sthaft über­legt. Ich weiß auch nicht, was mich dann wirk­lich davon abge­hal­ten hat. Aber man richtet es sich ja über­all ein, wenn man halb­wegs fleißig ist – oder war (lacht). Und man ist ja nir­gendwo ein an­derer Men­sch. Zahn­schmerzen hat man in New York ge­nauso wie hier.

Wieso haben Sie von Blues und Jazz zum Wiener­lied gewech­selt?

Man hat eine Sehn­sucht nach der eige­nen Sprache. Ob auch nach der eige­nen Musik, das weiß ich nicht; aber für mich hän­gen Musik und Sprache un­trennbar zusam­men.

Aber ganz recht war Ih­nen das tra­di­tionelle Wiener­lied of­fen­bar nicht...

Als wir ange­fan­gen haben zu spie­len, gab es ger­ade diese Kitsch­pe­ri­ode im Wiener­lied. Diese unerträgliche sieben­süße Musik für eine Gen­er­a­tion, die sich selbst in die Taschen gel­o­gen hat; die die heile Welt wollte. Wir waren dage­gen eher Bürg­er­schreck-mäßig un­ter­wegs. Dafür sind wir aber auch aufs Ärg­ste be­flegelt wor­den.

Im Laufe der Zeit haben Sie dann aber doch eine Menge Fans bekom­men. Ist ein Konz­ert beson­ders in Erin­nerung geblieben?

Meine Tournee in Amerika. Das war im­mer schon ein großer Traum. Und dann ist es tat­säch­lich zu­s­tande gekom­men. 13 Konz­erte in 16 Ta­gen. Von Kanada bis nach San Diego. Die Leute sind auf den Ses­seln ge­s­tanden, das war wun­der­bar. Hier habe ich das alte Wien ken­nen­gel­ernt.

Wie das?

Die aus­ge­wan­derten Ju­den, die haben alle Deutsch gesprochen, als wären die erst gestern rübergekom­men wären. Akzent­freies Wiener­isch.

Das man in Wien fast nicht mehr hört...

Es ist trau­rig, dass die Leute nicht mehr Wiener­isch re­den. Es würde ja eigentlich schon genü­gen, wenn man das öster­re­ichis­che Id­iom beibehält. Das ist ja ge­nauso vom Ausster­ben bedroht.

Was kommt beim Kom­ponieren zuerst: Text oder Musik?

Im Ideal­fall bei­des, da schießt Melodie und Text zu­gle­ich ein.

Kann man das erzwin­gen?

Also man wartet sicher­lich nicht da­rauf. Wenn et­was ein­schießt, muss man es halt sch­nell auf­schreiben, egal, wo man ist. Dann ze­ichne ich sch­nell fünf Linien in der Straßen­bahn. Da­heim muss man dann wirk­lich ar­beiten. Jeder Fliegen­schiss muss ja hingeschrieben wer­den. Kom­ponieren ist zu 10 Prozent In­spi­ra­tion und 90 Prozent Tran­spi­ra­tion.

Im Som­mer startet Ihre Ab­schied­s­tour. Wer­den Sie die Musik ver­mis­sen?

Aber mit der Musik höre ich doch nicht auf! Ich kom­poniere sicher­lich weiter. Li­bretti für Operetten vielle­icht. So richtig schön bis­sige. Ein Leben ohne Musik? Das ist un­denkbar.

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