Martin Suter:

„Banken, Dro­gen und Sch­wein­swürstli“

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: GER­HARD DEUTSCH TEXT: BAR­BARA MADER

Beim Spazier­gang durch das win­ter­liche Zürich er­fuhren wir, warum der Sch­weizer Best­seller­autor Martin Suter manch­mal wie der Papst riecht und was passiert, wenn man nige­ri­an­is­ches Gras un­ter­schätzt. Außer­dem: Warum man die Zeit nicht zurück­drehen kann und sie auch nicht alle Wun­den heilt.

Mon­tagfrüh am Zürcher Sech­seläuten­platz. Der Franken steht hoch, und ein neuer Banken­skan­dal beschäftigt Europa und die Sch­weiz. Ein guter Zeit­punkt für einen Spazier­gang mit Martin Suter, der dieser Tage seinen neuen Ro­man veröf­fentlicht – in dem es aus­gerech­net um schmutzige Sch­weizer Bankengeschäfte geht. Suter lebt jetzt wieder in seiner Heimat­stadt. Nach Jahren in Ibiza und Gu­atemala ist er mit seiner Frau, der Mode-de­signerin und Ar­chitek­tin Margrith Nay Suter, und seiner Tochter hi­er­her zurück­gekehrt. Er mag die In­fras­truk­tur hier, den tadel­losen Öf­fiverkehr, die gute Lage. Suter wird uns „sein“Zürich zeigen: Den See, der Trinkwasserqual­ität hat, in dem er aber trotz­dem nicht badet, das Großbanken­vier­tel, in dem er­fun­dene und reale Skan­dale stat­tfinden und das ihm als In­spi­ra­tion für seinen Ro­man diente; das schicke Einkaufsvier­tel an der Bahn­hof­sstraße, das am sel­ben Ausverkauf wie Wien und na­hezu jede Großs­tadt dieser Welt lei­det: Über­all diesel­ben in­ter­na­tionalen Ket­ten, die die Stadt ihrer Iden­tität be­rauben. Den­noch gibt es auch hier noch lokale Klein­ode wie das Glock­en­spiel, auf dem sich zu jeder vollen Stunde die Tracht­en­pärchen drehen: „Guete Sun­ntig mi­te­nand, häisst’s im ganze Sch­wyz­er­land.“Suter, dieser so dis­tin­guiert wirk­ende Herr im feinen Woll­man­tel und den Maßschuhen, singt fröh­lich mit. Er wird an diesem Vor­mit­tag noch mehrere uner­wartete Dinge tun. Etwa, bei seinem Lieblings­bäcker für den KURIER Brot kaufen. Oder uns den besten Wurst­laden in der Alt­stadt zeigen: Prétôt De­likatessen, aus­gerech­net in der Kut­tel­gasse, wo es Spezial­itäten wie Em­men­taler Sch­wein­swürstli gibt. Und uns zuletzt in die Bodega Es­pañola im Zürcher Nieder­dorf auf einen „Apéro“be­gleiten. Zurück wird der Duft seines Eau de Toi­lettes bleiben, es riecht alt­modisch, sagt er selbst. Nach Weihrauch. „Damit riecht man wie der Papst“. Im In­ter­view spricht Suter mit einer leisen Fröh­lichkeit, freimütig und of­fen. Das Ge­spräch hat er zur Sicher­heit aufgeze­ich­net. Let­ztens ist es passiert, dass einer Jour­nal­istin das Auf­nah­megerät nach dem In­ter­view in den Kanal gefallen ist. Sie war über einem Gully ge­s­tanden, das Dik­tierg­erät passte ge­nau zwis­chen die Git­ter­stäbe. Solche Zufälle sind typ­isch für Suter-geschichten. Er selbst hat ja auch ein­schlägige Er­fahrun­gen. Vor vie­len Jahren sollte er ein­mal einen afrikanis­chen Musiker in­ter­viewen. Der tauchte zwar nicht auf, dafür aber einige seiner Frauen, die Joints brachten. Man pro­bierte. Und un­ter­schätzte das nige­ri­an­is­che Gras. Das In­ter­view gestal­tete sich schwierig. „Ich ver­stand die Wörter, aber nicht den In­halt“. Bei fol­gen­dem In­ter­view wurde nur die Droge Kof­fein kon­sum­iert.

Eventuell machen Sie sich mit dem Krimi „Mon­te­cristo“in der Sch­weiz un­be­liebt. Darin wird aus­gerech­net hier il­le­gal richtiges Geld gedruckt.

Bis jetzt kon­nten meine Leser zwis­chen Fik­tion und Wirk­lichkeit un­ter­schei­den. Ich bin kein En­thül­lungsjour­nal­ist, ich bin Ro­mancier.

Wie haben Sie die Ex­perten der Eid­genös­sis­chen Fi­nanzver­wal­tung dazu überre­den kön­nen, Sie bei diesem für die Fi­nanzver­wal­tung nicht ger­ade schme­ichel­haften Ro­man zu be­raten?

Ich habe ih­nen den Plot erzählt, sie haben gelächelt und gesagt, das wäre nicht sehr wahrschein­lich, aber haben bere­itwillig und vergnügt geholfen.

Sie schreiben seit Langem über die Sch­wächen der Man­ager. Durch die Fi­nanzkrise wurde die Branche gebeutelt. Ist die alte Hy­bris nun wieder da?

Sie ist diskreter gewor­den, aber nicht grund­sät­zlich geläutert.

Sie selbst waren schon sehr jung sehr er­fol­gre­ich, bere­its mit 24 Jahren in der Geschäft­sleitung der Wiener Wer­beagen­tur GGK. Ist dieser frühe Er­folg auch ein Nachteil? Ereilt einen da auch die Midlife-cri­sis früher?

Ja, die kam schon früh, die Midlife­Cri­sis. Und der Er­folg ... das war damals alles viel spielerischer, als es heute wäre. Ich habe auch im­mer wieder et­was anders gemacht. Ich bin mit 25 nach einem Jahr Wien ein Jahr durch Afrika gereist. Dann bin ich zurück­gekom­men, wollte Schrift­steller wer­den, aber es hat mich im­mer in die Wer­bung gezo­gen, weil es so le­icht ver­di­entes Geld war. Und ich hatte im­mer einen et­was teuren Geschmack. Ein Fluch und ein Se­gen.

Sie schreiben nun über einen nicht mehr ganz jun­gen Mann, Jonas Brand, Ende dreißig, der sich so gar nicht aufs Kar­ri­eremachen ein­lassen will. Eine Reak­tion auf Ihre frühe Kar­riere?

Er ver­weigert die Kar­riere nicht, aber er will sie nicht auf dem Ge­biet, auf dem er sein Geld ver­di­ent. Er hat nicht den Ehrgeiz und den Spaß, den ich in der Wer­bung hatte. So ist das eben, wenn man einen Kom­pro­mis­sjob macht. Ich habe meinen Job im­mer mit Spaß gemacht, das würde ich dem Jonas Brand auch raten.

Sie haben im­mer, wenn Sie keinen Spaß mehr hat­ten, et­was an­deres gemacht?

Ja, ich gehörte dieser glück­lichen Gen­er­a­tion an, die keine Ex­is­ten­zäng­ste haben musste.

Eine Gen­er­a­tio­nen­frage? Haben es die Jun­gen heute schwerer?

Ich glaube schon. Viele von uns haben Jobs aufgegeben und keinen Mo­ment daran gezweifelt, dass sie wieder einen bekom­men. Das ist jetzt völ­lig anders. Und damals war Wer­be­tex­ter ein sel­tener Beruf. Das waren gesuchte Leute.

Viele von ih­nen sind dann Schrift­steller gewor­den.

Wir waren alles ver­hin­derte Schrift­steller. Wir haben alle gedacht, wir machen das nur tem­porär.

Es herrschen schwere Zeiten in der (Sch­weizer) Ver­lagswelt: Nach dem Kursab­fall des Euro ging es für die Sch­weizer Buchver­lage an die Sub­stanz. Machen Sie sich als Au­tor Sor­gen?

Mein Markt ist der Euro­markt. Deutsch­land, Öster­re­ich, Frankre­ich, Ital­ien. Da ist alles 15 Prozent

bil­liger. Klar, das merkt man ganz di­rekt. Aber es ist nicht so, dass es mir Sor­gen macht und Sparen ist nicht meine Stärke.

Als er­fol­gre­ich­ster Au­tor der Sch­weiz müssen Sie sich auch keine Sor­gen um Geld machen. Wie haben Sie Ihr Ver­mö­gen eigentlich an­gelegt?

In un­seren Häusern.

Sie haben ein Mil­lio­nen­pub­likum. Und dann gibt es Kri­tiker, die be­haupten: Suter kann nicht schreiben.

Ja, diesen Ver­riss aus der Zeit kenne ich. Dieser Kri­tiker ist aber in der Min­der­heit.

Dieser Ver­riss steht übri­gens auf der Wikipedia-seite zu Ihrer Per­son.

Ja, das Prob­lem war, dass ich einen Ro­man geschrieben habe na­mens „Die Zeit, die Zeit“. Wenn man den sucht, findet man im­mer auch gle­ich diese Kri­tik aus der Zeit.

Sie beze­ich­nen „Die Zeit, die Zeit“als Ihr Lieblings­buch. Es geht darin um zwei Män­ner, die ver­suchen, die Zeit zurück­zu­drehen. Haben Sie selbst nach dem Tod Ihres Sohnes mit diesem Gedanken gespielt?

Nun, das wäre natür­lich schön. Aber es geht ih­nen nicht darum, die Zeit zurück­zu­drehen, sondern die Verän­derun­gen rück­gängig zu machen. Die Idee dieser Zeit­mas­chine ist ein altes Thema von mir. Der Zeit­punkt, an dem ich sie nun wieder bear­beitet habe, kön­nte mit dem Tod meines Sohnes zu tun haben. Aber ich mag es nicht, wenn Schrift­steller ihre Prob­leme auf dem Rücken der Leser be­wälti­gen.

Geht das Leben wirk­lich im­mer weiter?

Bis zum Tod. Aber für mich gibt es schon eine Zeit davor und eine Zeit danach. Ich glaube auch nicht, dass die Zeit die Wun­den heilt. Man lernt, damit zu leben.

Ein Zi­tat Ihres Lands­man­nes Max Frisch: Wann haben Sie aufge­hört zu meinen, dass Sie klüger wer­den oder meinen Sie’s noch?

Ich weiß schon lange, dass ich nicht klüger werde. Ich ver­suche lediglich, nicht mehr die gle­ichen Fehler zu machen.

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