Kon­stantin Wecker:

„Mit 50 war ich noch das Bubi“

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: JEFF MAN­GIONE TEXT: BAR­BARA RE­ITER

Als Musiker war Kon­stantin Wecker, 68, stets eine Klasse für sich. Men­schlich be­tra­chtet musste er mehrere Umwege gehen, ehe er wurde, was er ist: Ein kluger Mann, der für eine bessere Welt seine Stimme er­hebt. Ein Ge­spräch über die Lei­den des jun­gen Wecker, die Kraft von Weltlit­er­atur und den Wert von Verän­derung.

Herr Wecker, neues Buch, neues Mu­si­cal, neue CD: Ganz schön viel auf ein­mal. Kom­men Sie da beim Pro­moten nicht durcheinan­der?

Das kann schon passieren, aber „Oliver Twist“, das Mu­si­cal, ist für Sie ja nicht in­ter­es­sant, weil es in Ham­burg spielt. Ui, Sie haben ja schon die richtige CD. Ich kenne bisher nur die Promo-cd. Darf ich’s auf­macha?

Da kommt der Bayer durch. Bitte gerne.

Ja, da schau her. Die ist wirk­lich schön gewor­den.

Das ist nicht die er­ste CD, die Sie in Hän­den hal­ten. Im Laufe Ihrer Kar­riere waren etwa 40 LP- und Cd-pro­duk­tio­nen. Fühlt man da über­haupt noch et­was?

Und wie. Das ist ein schönes Ge­fühl. Vor allem ist alles noch so frisch. Wir waren erst im Jän­ner im Stu­dio und da wer­den viele Er­leb­nisse wach. Weniger, dass ich mir eine CD dauernd an­höre. Das is a Sch­marrn! Die Lieder kenn’ ich ja. Aber ich freu’ mich drauf, sie live zu spie­len. In ein, zwei Jahren wird jedes Lied ganz anders sein. Sie verän­dern sich mit den Auftrit­ten.

Haben Sie bes­timmte Bilder auch bei Ihren Live-auftrit­ten im Kopf?

Bei meiner „40 Jahre Wahnsinn“Tour habe ich ganz alte Lieder gespielt. Da ist viel aufge­flammt, Si­t­u­a­tio­nen, in de­nen ich sie gespielt habe. Ich muss zugeben, dass ich auf der Bühne streck­en­weise ein bissl nos­tal­gisch wurde.

Oje, die Nos­tal­gie …

Eine ge­fährliche Sache. Das muss man so­fort un­terbinden, wenn man An­sätze spürt. Aber es ist in­ter­es­sant. Meine Lieder entste­hen im­mer im Block – seit ich denken kann. Ich habe im­mer eine kreative Phase von ein paar Ta­gen. Auch die jüng­ste CD „Ohne Warum“ist in vier, fünf Ta­gen ent­standen. Nicht die Auf­nah­men, aber die ganzen Texte.

Sie sind ein sehr po­et­is­cher Men­sch, der wun­der­schöne Zeilen schreibt. Wis­sen Sie, woher diese Poe­sie kommt?

Ich bin bei vie­len Tex­ten nach dem Schreiben maß­los ver­wun­dert. Für mich ist es so, als würde je­mand an­derer das alles schreiben. Man kön­nte wahrschein­lich nicht schreiben, wenn man kein Ge­fühl für Sprache hätte. Das ist das Handw­erk­szeug. Aber beim Rest habe ich nicht das Ge­fühl, dass es von mir ist – oder mein Ei­gen­tum. Es geht ja dann in die Welt hin­aus. An­dere Sachen machen mich aber stolzer. Zum Beispiel, wenn ich zwei Kilo ab­nehme. Bei den Tex­ten freue ich mich zu­min­d­est, dass ich sie geschrieben habe.

Fünf Tage für ein ganzes Al­bum ist nicht lange. So erk­lärt sich auch, warum Sie ger­ade in jun­gen Jahren so viele Al­ben veröf­fentlichen kon­nten.

Als junger Mann hatte ich kreative An­fälle, man kann es ruhig so beze­ich­nen. In der Ju­gend hatte ich eine viel größere Bilder­flut. Wie wäre es sonst möglich, dass ein Baude­laire im Al­ter von 20 Jahren Meis­ter­w­erke schreibt, die an­dere in 1000 Jahren Leben­szeit nicht schreiben wür­den? Sie schöpfen aus einer mys­tis­chen Quelle, der Sie in so jun­gen Jahren sonst nicht gewach­sen gewe­sen wären. Wis­sen Sie, was ich mir über­legt habe?

Noch nicht.

Stellen Sie sich vor, der Mozart wäre nicht zufäl­lig in ein El­tern­haus ge­boren wor­den, wo ein Spinett ge­s­tanden ist. Dann wäre dieses unglaubliche Tal­ent ver­loren gegan­gen. Wom­öglich hätte er Fußballer wer­den müssen oder was weiß ich. Oder ist das Schick­sal so gnädig, dass er in die richtige Fam­i­lie hineinge­boren wurde?

Sie sind ein in­ten­siver Denker. Ist das von Zeit zu Zeit nicht sehr En­ergie-raubend?

Na ja, es gibt ja zwei Arten von Denken. Das eine macht Freude, weil man be­wusst denkt. Das wird Ih­nen jeder Wis­senschaftler bestäti­gen. Was wir aber alle ken­nen, sind diese Gedanken, die einen über­rollen. Da kom­men die Zukun­ft­säng­ste und die ganzen Trau­mata raus, die man in sich gespe­ichert hat. Das ist, glaube ich, auch der Grund, warum Men­schen be­gonnen haben, zu medi­tieren. Sie woll­ten das in dem schreck­lichen Aus­maß nicht mehr haben.

Re­den wir vom schö­nen Denken. Wie haben Sie es geschult?

Zum kon­struk­tiven, schö­nen Denken wird man an­geleitet, wenn man sich mit Kul­tur beschäftigt. Wenn ich einen Dos­to­jew­ski lese, sind meine Gedanken eine Woche schöner. Ich würde sogar sagen, ich bin kurzfristig ein besserer Men­sch. Das ver­flüchtigt sich dann lei­der wieder, aber es regt im­mer zum Wei­t­er­denken an.

Wer hat Ih­nen das Tor zur Weltlit­er­atur geöffnet? Ihre El­tern?

Das größte Glück meines Lebens war wahrschein­lich mein El­tern­haus. Meine El­tern waren keine Nazis und haben mich schon als Kind ernst genom­men. Sie haben mich auch nicht mit Kul­tur belästigt, sondern sie mir mit ihrer Freude daran näher ge­bracht. Die Pu­bertät hätte ich ohne Ge­org Trakl nicht über­standen. Ich habe mich mit Dichtern und Schrift­stellern iden­ti­fiziert. Das waren meine Ret­ter.

Ungewöhn­lich, dass sich ein Ju­gendli cher mit gehobener Lit­er­atur beschäftigt.

Heute gehst du in eine Buch­hand­lung und find­est für junge Men­schen alles mögliche. Zu meiner Zeit gab es das nicht. Ich hatte nur die Bücher, die zuhause in der Bi­b­lio­thek standen. Meine Mama hat Gedichte geliebt und sie auswendig vor­ge­tra­gen. Nicht als große Show, sondern während der Hausar­beit. Da hat s’ den „Er­lkönig“vor­ge­tra­gen. Das­fandichin­spiri­erend. Mitzwölf habe ich Eichen­dorff gele­sen und dann ein Jahr wie er geschrieben, später auch wie Trakl. Nicht so gut natür­lich, aber in dem Stil. So habe ich mich in ver­schiede­nen Stilen der Lit­er­atur geübt.

Sie zi­tieren in In­ter­views oft die großen Dichter und Denker. Bewun­dern­swert, dass Sie sich das alles merken.

Ich vergesse schon auch viel. Am aller­schlecht­esten merke ich mir meine eige­nen Texte. Ich kann Ih­nen jetzt aus dem Stand den „Pan­ther“vom Rilke auf­sagen, aber wenn Sie mich spon­tan nach einem meiner Lied­texte fra­gen, habe ich ein Prob­lem. „Wenn der Som­mer nicht mehr weit ist“geht ger­ade noch.

Und bei Live-auftrit­ten?

Die Conny Froboess hat vor ein paar Jahren gle­ichzeitig drei Haup­trollen gespielt und ein­mal erzählt: Wenn sie am Nach­mit­tag spie­len müsste, ohne auf der jew­eili­gen Bühne zu sein, wüsste sie über­haupt nichts. Man muss schon am Ort des Geschehens sein, damit die richti­gen Re­gio­nen im Hirn an­i­miert wer­den. Außer­dem habe ich auf der Bühne am Flügel im­mer meine Textmappe dabei. Da­raus habe ich nie ein Hehl gemacht.

Sie haben vorhin von Ihrem El­tern­haus erzählt. Hat­ten Sie ein gutes Ver­hält­nis zu Ihren El­tern?

Mein Vater war ein sehr san­fter, ver­söhn­licher Men­sch. Er hatte seine Mei­n­ung und war auch Paz­i­fist, aber er hat nie je­man­den moralisch verurteilt. Die Mama war auch großar­tig – kämpferisch und eine sehr starke Frau. Aber eine Mut­ter-sohn-beziehung ist nie le­icht. Vor allem, wenn man ein Einzelkind ist. Ich war zum Beispiel mit 50 noch „das Bubi“. Also, sie hat schon auch ...

Wirk­lich? Haben Sie sich nicht dage­gen gewehrt?

Ich muss fair­erweise sagen, dass meine Mut­ter ein großes Ver­hält­nis zu meiner Kunst hatte. Auch, wenn wir nicht viel hat­ten, hat sie trotz­dem nie ver­sucht, mich auf einen se­ichteren Weg zu brin­gen, damit mehr Geld ins Haus kommt. Nur men­schlich hat sie mich im­mer kri­tisiert. Und zwar in allem, was ich gemacht habe. Mein Vater hatte einen Vorteil. Er war sel­tener da und hat sich rar gemacht. Damit wird man natür­lich in­ter­es­san­ter.

Sie hat­ten in jun­gen Jahren eine aus­geprägte „Sex, Drugs and Rock’n’roll“Phase. Wie sind Ihre El­tern denn damit umge­gan­gen?

Ganz ein­fach. Meine Mut­ter wollte mich per­ma­nent verän­dern. Sie hat gemeck­ert und geschimpft. Mein Vater war ein bissl welt­fremder. Als ich ihm alles erzählt habe, hat er mit San­ft­mut reagiert.

Sie haben zwei Söhne. Angenom­men, sie kä­men in eine ähn­liche Sit­u­a­tion wie Sie: Wären Sie so tol­er­ant wie Ihr Vater?

Was wäre ich für ein Vater, wenn ich es nicht wäre? Ich habe zu viele Er­fahrun­gen in diesen Din­gen, um nicht zu wis­sen, was hilft und was nicht. Aber ich glaube, ich habe Glück. Meine Söhne sind anders.

Und wenn es um Dro­gen ginge?

Ich möchte das Thema nicht mehr bere­den. Lassen wir das doch ein­mal. Das ist 22 Jahre her. Ir­gend­wann is amal a Ruah.

Dann re­den wir über Ihre Kette. Sie tragen sie oft. Wofür steht sie?

Ich war mit „Kul­tur des Friedens“, einer von in­ter­na­tionalen Kün­stlern gegrün­de­ten Vere­ini­gung aus Deutsch­land, 2003 im Irak. Wir haben gegen den Ein­marsch der Amerikaner demon­stri­ert. Ohne den Scheiß-krieg gäbe es den „IS“nicht. Damals war alles sta­bil. Was ich damals beschimpft wor­den bin von Jour­nal­is­ten. Dass ich für Sad­dam Hus­sein wäre – Blödsinn! Wir wussten nur über Bushs Lü­gen Bescheid. Es stand alles im In­ter­net. Man hätte sich nur in­formieren müssen.

Und die Kette steht für Frieden?

Ja, das sind die Peace-far­ben. Wir hat­ten Patenkinder im Irak, von de­nen wir nicht wis­sen, was aus ih­nen gewor­den ist. Die haben wir mit dem Verkauf der Ket­ten un­ter­stützt. Heute un­ter­stützen wir damit an­dere Dinge. Viele denken ja, meine Kin­der hät­ten sie gemacht. Das stellt man sich so trau­rig vor. Da sitzen zwei Söhne und flechten eine Kette für den Vater. Mein Gott na, wirk­lich nit.

Herr Wecker, Sie gel­ten heute als en­gagierter Bürger, der seine Stimme nicht nur zum Sin­gen er­hebt. Sie haben, wie jeder Men­sch, Fehler gemacht. Wie schafft man es, sich im Laufe eines Lebens so radikal zu verän­dern wie Sie? Über­spitzt gesagt: Vom Bösewicht zum Gut­men­schen.

So gut bin ich nun auch wieder nicht! Verän­derung ist nicht nur schwierig, sondern das Wichtig­ste, was es gibt. Wir wären sonst er­starrt in un­seren Denkweisen. Wenn man öfter kräftig gescheit­ert ist – und das bin nicht nur ich – muss man Ei­gen­ver­ant­wortlichkeit­fürdiesess­cheit­ernübernehmen. Es ist nicht der böse Her­rmaier­schuld oder der liebe Gott. Wer das kapiert, wird merken, wie gnädig dieses Scheit­ern eigentlich war. Es hat dich woan­ders hinge­führt. Ich habe mich dem Schick­sal im­mer gerne über­lassen, auch wenn es weh getan hat. Im Rück­blick auf mein Leben bin ich näm­lich der Mei­n­ung, dass das Schick­sal im­mer klüger war als ich. Es hat mir zur richti­gen Zeit die notwendi­gen Fehlschläge gegeben. Eine Lei­denssi­t­u­a­tion ist die einzige Chance, Mit­ge­fühl zu en­twick­eln.

Kön­nen Sie das näher er­läutern?

Wenn ein kleines Kind sich noch nie et­was ge­brochen hat und je­mand rennt miteinemge­broch­ene­n­ar­mvor­bei, hat es keine Ah­nung, dass das „Aua“macht. Es muss selbst ein­mal hinge­fallen sein, um zu wis­sen, was we­htut. Dann kann es auch Mit­ge­fühl für an­dere en­twick­eln. Aber un­sere Ge­sellschaft hat das Mit­ge­fühl ver­loren – rest­los. Deswe­gen rufe ich in einem Lied auch zur Rev­o­lu­tion auf – zu einer Rev­o­lu­tion des Bewusst­seins und des Ge­fühls natür­lich.

Was geht Ih­nen im Bezug auf Rev­o­lu­tion durch den Kopf, wenn Sie poli­tis­che Ver­anstal­tun­gen wie den G-7-gipfel ver­fol­gen?

Die Poli­tiker haben sich ent­fernt von uns. Wie Jean Ziegler sagt: Sie sind Mar­i­onet­ten wirtschaftlicher In­ter­essen gewor­den. Das ist et­was, was wir spüren. Was wäre es für eine Geste gewe­sen, wenn ein Poli­tiker zu den Protestieren­den gegan­gen wäre und mit ih­nen gere­det hätte? Mein 15-jähriger Sohn war im Camp dabei. Er hat mir auch erzählt, dass die Polizei in­ter­essiert daran war, dass es es­kaliert.

Sie rufen zur Rev­o­lu­tion des Bewusst­seins und der Ge­fühle auf. Das klingt sehr po­et­isch, nur bleibt ein schaler Nachgeschmack. Man hat das Ge­fühl, dass das alles nichts mehr bringt.

I woaß. Aber es geht ein­fach nit anders. A paar müssen noch weit­er­ma­cha!

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