Campino:

Blutige Nase als Preis für das Aben­teuer

Kurier_Interview - - In­halt - FO­TOS: FRANZ GRU­BER TEXT: BRIGITTE SCHOKARTH

Tote-ho­sen-sänger Campino über den Er­folg von „Tage wie diese“, die Wand­lung der Band, deren Buch, Kom­merz und die poli­tis­che Hal­tung

Dreißig Jahre lang kon­nten Sie mit den Toten Ho­sen bei Ihren Live-shows ein kon­stant ho­hes En­ergie-level hal­ten. Es gibt nicht viele, die das kön­nen. Wie haben Sie das gemacht?

Ich glaube, dass die Fans daran einen großen An­teil haben, weil sie uns auch durch schwierige Zeiten tra­gen. Let­z­tendlich wird bei uns der Konz­ertabend zur Hälfte vom Pub­likum be­strit­ten. Wie alle da zusam­men feiern und gemein­sam solche Mo­mente zele­bri­eren – das ist das, was den Reiz des Abends aus­macht. Es geht ja bei uns weniger umdie Hits, son­dern eher darum, was für eine Stim­mung herrscht. Das ist let­ztlich der Grund, warum die Leute sagen: Let­ztes Mal hat es Spaß gemacht, das wollen wir uns nochmals geben.

Ho­sen-konz­erte sind wie eine rit­u­al­isierte Party ...

Ein Konz­ert von uns besteht tat­säch­lich aus vie­len Ri­tualen, aus vie­len ungeschriebe­nen Ge­set­zen. Eines davon ist zum Beispiel, dass, egal, wo du herkommst, egal, wie alt du bist, wie auch im­mer du dich gibst, der Abend zusam­men über­standen wird. Dass alle zusam­men tanzen, vor der Bühne feiern und sich wieder hochziehen, wenn sie ein­mal hin­fallen. Es geht uns auch darum, an uns zu ar­beiten. Du musst Abend für Abend – wie auch ein Theater­schaus­pieler – im­mer wieder den Zu­gang zu diesem Mo­ment finden, an dem du et­was aussend­est. Es kann nicht sein, dass „Hier kommt Alex“so gespielt wird, als hät­ten wir das schon 1000-mal gespielt, was wir natür­lich getan haben. Aber wir müssen es raushauen, als wär’s zum er­sten Mal. Das ist eine Ein­stel­lung, die wir sehr ernst nehmen. Und wenn wir es nicht schaf­fen, „Alex“so zu spie­len, dann müssen wir das Lied aus dem Pro­gramm nehmen.

Sie gel­ten als Öster­re­ich-fan, sind recht oft hier ...

Ich bin im­mer wieder sehr gerne in Öster­re­ich, auch, weil ich Wien so mag. Tra­di­tionell komme ich zum Sk­i­fahren. Meine El­tern haben mir auf der Ger­l­itzen in Kärn­ten das Sk­i­fahren beige­bracht, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Und es war für mich wirk­lich lustig, jetzt mit meinem Sohn Lenny im sel­ben Ho­tel zu sein und ihm dort das Sk­i­fahren beizubrin­gen.

Wie alt war Lenny da?

Ich glaube, ich habe ihn schon als Drei­jähri­gen das erste Mal dahin ge­bracht. Ich kon­nte ihm das genau so ver­mit­teln, wie meine El­tern es mir ver­mit­telt haben. Das war sehr schön und wichtig für mich. Lenny ist dort densel­ben kleinen Hang run­terge- rutscht wie ich. Die Ger­l­itzen ist ein kleines Skige­biet – klein, aber fein. Und sehr famil­iär, man kennt sich. Let­ztlich kon­nte ich da bei meinem Sohn sehr viel von dem wieder­erken­nen, was ich als Bub dort er­lebt habe: Selbe Limo getrunken, selbes Essen, sel­ber Lift.

Sie sagen im­mer wieder, dass Sie der Riesen­er­folg mit „Tage wie diese“über­rascht hat. Wo­ran lag das?

In dieser Heftigkeit hat uns das über­rascht, weil wir nichts an­ders gemacht haben als sonst. Uns ging es ja nie schlecht. So wie ich das empfinde, waren wir ohne­hin glücksver­wöhnt. Dass wir da dann noch ein­mal ein Al­bum hin­le­gen durften, das so eine Euphorie aus­löst, uns die Chance gibt, vor vie­len neuen Zuschauern zu spie­len, ist toll.

Dass Sie mit „Tage wie diese“auf Ö3 gespielt wur­den, hat aber auch die Kri­tik ge­bracht, Sie seien „kom­merziell“gewor­den.

Wir haben mit dieser Scheibe schon eine Art Rückbesin­nung auf die Melo­dien vorge­habt. Das stand während der Auf­nah­men im Stu­dio im Raum: Lass uns wieder die al­ten Qual­itäten ausspie­len. Fre­unde von uns nan­nten uns damals nie „die Jungs von der Opel-gang“, son­dern „die Jungs von der Vo­cal-gang“. Mit dem Al­bum „Bal­last der Repub­lik“woll­ten wir wieder die Stim­men und das Lied in den Vorder­grund rücken und weniger be­weisen, wie hart wir sein kön­nen – ohne da­rauf zu schie­len, wie das im Ra­dio ankommt. Ein­fach nur, weil wir wieder Lust auf

Melo­dien hat­ten. Ich glaube, da sind zwei Dinge zusam­mengekom­men: Erstens, dass wir uns um ein paar Prozent­punkte in diese Rich­tung gedreht haben. Zweit­ens, dass auch die Ra­dios bereit sind, mehr zu riskieren, denn die harten Gi­tar­ren sind ja eigentlich schon mit Nir­vana im Main­stream angekom­men. So waren wir mit „Tage wie diese“in einer Po­si­tion, die man sich niemals strate­gisch zurechtle­gen kann. Auch, dass das Lied dann von Fußbal­lMannschaften aufge­grif­fen wurde – das sind Zufälle, die kannst du nicht pla­nen.

In dem Buch „Am An­fang war der Lärm“wird Ihr ewiger Kon­flikt zwis­chen kom­merziellem Er­folg und Ihrer sozialen und poli­tis­chen Hal­tung ange­sprochen. Hat sich der mit diesem Er­folg nochmals ver­stärkt?

„Tage wie diese“war schon noch ein­mal ein unglaublicher Schub. Man meint, wenn man 30 Jahre dabei ist, ist man mit allen Wassern gewaschen und lässt sich davon nicht mehr beein­drucken. Aber wenn ich mich genau beobachte, habe ich mich auch hier wieder ver­führen lassen. Da ging eine gewisse Gier los – und ir­gendwo fängt man an, es als selb­stver­ständlich zu nehmen, dass die Leute einen abfeiern. Man wird so ein biss­chen unbeschei­den und be­ginnt, im­mer noch mehr zu wollen. Man darf aber nicht an­fan­gen, dadurch sein Um­feld zu vergessen. Gier ist et­was, was in vie­len von uns steckt. Und die ist ein ganz wider­wär­tiger Ge­selle. Man muss sich im­mer be­wusst sein: Diese Gier lauert ir­gendwo und darf nicht un­bändig durch die Ge­gend streifen.

Sie sind zu Beginn der Kar­riere sehr rüpel­haft und gewis­sen­los aufge­treten. Wann kam der Wan­del zu einer gewis­senhaften Hal­tung?

Das ist in mehreren Schrit­ten geschehen. Ges­tartet sind wir mit der Prämisse, kein Klis­chee be­di­enen zu wollen. Ich war vor den Ho­sen in dieser Band na­mens ZK, eine FunPunk-band. Ich fand es ex­trem schwierig, je­den Tag gut gelaunt auf die Bühne zu gehen. Also war später klar, wenn die Toten Ho­sen raus­ge­hen, geben sie sich so, wie sie sind: Wenn wir trau­rig sind, sind wir trau­rig, wenn wir wü­tend sind, sind wir wü­tend und wenn wir al­bern wollen, tun wir das. Wir be­di­en­ten keine Klis­chees. Auch nicht in­ner­halb der Punk-szene. De­shalb keine Led­er­jacken, son­dern nur selbst gekauftes Zeug aus Klam­ot­ten-lä­den.

Sie waren damals ja im­mer sehr bunt gek­lei­det ...

So woll­ten wir uns auch in­ner­halb der Punk-szene ab­gren­zen. Als dann die poli­tis­che Front zer­bröck­elt ist, wurde uns klar: Wir wollen die linke Al­ter­na­tive der harten Rock-musik sein. Vor allem als die Rechts-rock-musik aufgekom­men ist, war das entschei­dend. An­son­sten haben wir sehr lange ver­sucht, mit un­serer Naiv­ität diesen Spruch aufrechtzuer­hal­ten: „Die Toten Ho­sen: Be­treten auf eigene Ge­fahr, Ihr seid für euch selbst ve­r­ant­wortlich, wir garantieren für nichts!“Aber der ist uns spätestens bei un­serem 1000. Konz­ert im Hals stecken geblieben, als ein Mäd­chen zu Tode kam. Das hat eine Law­ine an Gedanken aus­gelöst: Warum machen wir das eigentlich? Geht es nur darum, im­mer mehr Zuschauer und mehr Er­folg zu haben oder ste­hen dahin­ter auch noch an­dere Dinge? Da habe ich ver­standen, dass es eine Ver­ant­wor­tung den Leuten gegenüber gibt, wenn die kom­men und sich ver­trauensvoll in un­sere Hände begeben. Das hat dann zu einer Ern­sthaftigkeit geführt, die vielle­icht manch­mal auch den Charme von uns genom­men hat. Vielle­icht sind wir dadurch ein Stück lang­weiliger gewor­den, das kann ich nicht beurteilen. Aber das hat Kon­se­quen­zen gehabt und war sehr prä­gend für die Ver­fas­sung, in der wir heute sind.

Sie sagten, dass die Ar­beit an Ihrem Buch ein quälen­der Prozess gewe­sen sei, weil Sie sich dabei „vie­len Din­gen

aus der Ver­gan­gen­heit stellen mussten“. Welche Dinge waren das? Und warum war das quälend?

Als Band haben wir eine Rol­len­verteilung en­twick­elt, agieren, wenn wir zusam­men­sitzen, wie das voneinan­der er­wartet wird. Aber wenn diese Struk­tur aufge­brochen wird, und ein Jour­nal­ist je­den einzeln in­ter­viewt, kom­men ganz an­dere Sachen auf: Die Sichtweisen der an­deren, wie sie die Dinge einem Drit­ten gegenüber beschreiben ... da wurde es span­nend.

Welche Sichtweisen der an­deren haben Sie über­rascht?

Es stimmt natür­lich, dass ich oft zu spät komme, da bin ich eine Sch­lampe. Aber was meine Wu­taus­brüche angeht... das muss ich wohl akzep­tieren, wie es im Buch dargestellt ist. Wenn das so of­fen im Raum steht, wird da et­was dran sein. De­shalb ver­suche ich, da­raus zu ler­nen.

Im Buch heißt es auch, dass Sie während der let­zten Tour de­pres­siv waren. Wo­ran lag das?

Es ist sicher nicht so ein­fach, dass es an diesem Hit „Tage wie diese“lag oder an dem Er­folg, dass man danach eine kün­st­lerische Leere ver­spürt. Ich würde es auch nicht De­pres­sion nen­nen, son­dern eher de­pres­sive Stim­mungen. Aber es ist meine feste Überzeu­gung, dass wir Men­schen für alles, was wir tun, einen Preis zu zahlen haben. Bei uns be­deutet das Leben in der Öf­fentlichkeit, das Leben auf Tour, dass man dabei auch eine gewisse Ober­fläch­lichkeit leben muss, weil man sonst gar nicht mehr klarkom­men würde. Und das ist halt der Preis. Nehmen wir an, ein Men­sch würde nur in seiner Woh­nung bleiben. Der würde ziem­lich gesund bleiben, aber er wüsste nicht, wie sich ein Aben­teuer an­fühlt. Wer raus­geht und das Aben­teuer hat, holt sich halt öfter mal eine blutige Nase.

Wenn de­pres­sive Stim­mungen als Preis nicht zu hoch sind: Welcher Preis wäre zu hoch?

Für mich wäre das der Tag, an dem ich mich selbst nicht mehr finde. Ich muss ein zu­ver­läs­siger Part­ner sein: für meine Fre­unde, für mein Um­feld, für meinen Sohn, für meine Beziehung.

„Es ist meine feste Überzeu­gung, dass wir Men­schen für alles, was wir tun, einen Preis zu zahlen haben.“

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