An­ge­lika Kirch­schlager:

Ge­niale Gren­zgän­gerin

Kurier_Interview - - Inhalt -

Im The­ater an der Wien ist sie ab dem 13. Jän­ner als Prau Peachum in einer Ne­upro­duk­tion von Kurt Weills und Bert Brechts Meis­ter­w­erk „Die Dreigroschenoper“zu er­leben und damit wieder bei einem ihrer „ab­so­luten Lieblingskom­pon­is­ten“angekom­men. Denn An­ge­lika Kirch­schlager macht seit eini­gen Jahren nur noch „Dinge, zu de­nen ich kün­st­lerisch ste­hen kann, die mich in­ter­essieren“. Das kann eben eine Opern­pro­duk­tion wie die „Dreigroschenoper“oder auch HK „Nali“Gru­bers „Geschichten aus dem Wiener Wald“sein, wo sie in der Urauf­führung als Trafikantin Va­lerie zu er­leben war. Das kann aber auch ein Jazz-konz­ert mit Ru­fus Wain­wright sein, ein Duo-abend mit Kon­stantin Wecker, ein in­timer Lieder­abend oder eine Reise in die „so­ge­nan­nte Prov­inz, die es ohne­hin nicht gibt, die nur in den Köpfen der Men­schen ex­istiert“.

IN DENOLYMP. Ange­fan­gen­hataber­alles in Salzburg, ihrer Ge­burtsstadt, wo An­ge­lika Kirschlager am dor­ti­gen Mozar­teum Klavier und Sch­lagzeug studierte, ehe sie nach Wien an die Musikakademie wech­selte, um Ge­sang zu er­ler­nen. Der un­vergessene Wal­ter Berry nahm die junge Mez­zoso­pranistin un­ter seine Fit­tiche. Mit Er­folg: Noch während des Studi­ums wurde Kirch­schlagers außergewöhn­liches Tal­ent erkannt. Er­ste En­gage­ments an der Wiener Kam­meroper und an der Oper in Graz (damals ein wichtiges Kar­ri­ere­sprung­brett für viele Sänger) fol­gten. An Berry denkt Kirch­schlager bis heute zurück. „Ich ver­danke ihm sehr viel und er fehlt mir sehr“, sagt sie über den im Jahr 2000 über­raschend ver­stor­be­nen Bass­bari­ton. Nach Graz ging alles sehr sch­nell. Drei Preise beim renom­mierten Bel- vedere-gesangswet­tbe­werb be­deuteten auch die kün­st­lerische Ein­trittskarte in die Wiener Staat­soper, wo sie ab 1994 dem En­sem­ble ange­hörte. Mozart sang sie hier – etwa die Hosen­rolle des Cheru­bino in „Le nozze di Figaro“, die Zer­lina in „Don Gio­vanni“oder auch die Muse in Of­fen­bachs „Hoff­manns Erzäh­lun­gen“an der Seite von Neil Shicoff. Und natür­lich viele, viele an­dere Par­tien. Eine von Kirch­schlagers Pa­raderollen wurde der Oc­ta­vian im „Rosenkava­lier“von Richard Strauss. Un­vergessen sind auch ihre Melisande in Claude De­bussys „Pel­léas et Melisande“bei den Salzburger Oster­fest­spie­len sowie ihre be­we­gende Gestal­tung der Sophie in Ni­cholas Maws „Sophie’s Choice“am Lon­doner Royal Opera House Covent Gar­den und an der Volk­soper Wien. Und natür­lich kam ir­gend­wann auch Ge­orge Bizets „Car­men“.

AUF DIE ÜBERHOLSPUR. Alle in­ter­na­tionalen Opern­häuser sicherten sich die Di­en­ste der Aus­nah­mekün­st­lerin; Lieder­abende gab An­ge­lika Kirch­schlager nicht nur im Musikverein oder im Konz­erthaus, sondern in der ganzen Welt. Der Ter­minkalen­der war plöt­zlich über­voll. Dann die Trendwende. „Ich habe damals be­wusst die Entschei­dung getrof­fen, aus dem ir­rsin­ni­gen Star­be­trieb auszusteigen und nur mehr Dinge zu machen, die ich mit dem Herzen mi­tra­gen kann. Ich bin als Sän­gerin viele Jahre wie mit einem auf­frisierten Klein-pkw auf der Überholspur gefahren, jetzt habe ich die Spur gewech­selt und eine ge­fun­den, die mir passt“, so Kirch­schlager im KURIER-GE­spräch. Nach­satz: „Und ich habe diese Entschei­dung nie bereut.“

ZU NEUEN UFERN. Dazu hat sie auch einen Grund, öffneten sich doch neue Türen. Mit Kon­stantin Wecker und dem Pro­gramm „Liedestoll“ging sie auf Tour, mit Mar­i­anne Säge­brecht hat Kirch­schlager ein eigenes Pro­gramm en­twick­elt und auch mit Hu­bert von Gois­ern. Mit dem kanadis­chen Singer-song­writer Ru­fus Wain­wright er­oberte sie die Jaz­zEcke, mit Chan­sons gewann sie die Herzen neuer Zuhörer und mit ihrer „Lieder­reise“2012 begeis­terte sie neue Pub­likumss­chichten für den klas­sis­chen Liedge­sang. Damals bereiste sie die öster­re­ichis­chen Bun­deslän­der und sang auch an entle­ge­nen Orten das große, klas­sis­che Liedgut. Wie es dazu kam? Kirch­schlager: „Ich komme ja aus dem Salzbur­gis­chen, und da hat man mich eines Tages gefragt, ob ich nicht einen Bene­fiz-lieder­abend geben würde. Ich habe zuge­sagt, und es war eine wun­der­schöne Er­fahrung, vor Men­schen zu sin­gen, die zum er­sten Mal Mahler oder Schu­bert gehört haben. Nach dem Auftritt kam etwa ein Mann zu mir und meinte: ,Dass mir der Mahler so g’fallt, hätt’ i mir nit denkt.‘ Man muss also nur die Berührungsäng­ste, auch die eige­nen, ab­bauen.“Weit­eres Re­sul­tat dieser „Lieder­reise“waren eine CD gle­ichen Na­mens (bei Preiser) und ein eigenes „Lieder­reise“-buch (Styria Ver­lag), die dieses ungewöhn­liche, höchst er­fol­gre­iche Pro­jekt doku­men­tierten.

WEG ZU SICH SELBST. „Das Schön­ste an all diesen Pro­jek­ten war und ist aber, dass ich auf diese Weise auch zu mir selbst ge­fun­den habe. Ich bin ja eine Frau, die schon sehr viel er­lebt hat. Nicht unähn­lich der Trafikantin Va­lerie in Nali Gru­bers ,Geschichten aus dem Wiener Wald‘, die viele Men­schen emo­tional an sich herange­lassen hat, aber nie ihren Hu­mor, ihre pos­i­tive Ein­stel­lung ver­loren hat“, sagt Kirch­schlager. Ruhe findet die längst zur Kam­mer­sän­gerin er­nan­nte Kün­st­lerin neben der Bühne auch beim Un­ter­richten, in di­versen Ausstel­lun­gen, bei Fre­un­den und bei Sohn Felix. „Felix ist mein ganzer Stolz. Er hat gle­ich beim er­sten An­treten die Auf­nah­meprü­fung an der renom­mierten und ex­trem stren­gen Ernst-busch-schaus­pielschule in Ber­lin geschafft. Und vielle­icht stehe ich eines Tages ja mit ihm gemein­sam auf der Bühne. Das wäre ein Traum.“Träume hat An­ge­lika Kirch­schlager noch viele. „Es gibt noch so viel zu entdecken, zu er­leben, zu er­lieben. Ich werde sehen, was die Zukunft bringt. Es gibt je­den­falls schöne Pläne für das The­ater an der Wien, wo ich mich ab­so­lut zu Hause fühle. Auch an­dere Pläne sind im Hin­terkopf vorhan­den.“Denn: „Ich erfinde mich je­den Tag neu.“So lautet übri­gens auch der passende Ti­tel ihrer Au­to­bi­ografie.

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