Ste­fanie Reinsperger:

Sie spielt halt gern

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: JEFF MAN­GIONE TEXT: BAR­BARA MADER

Die Ne­stroy-preisträger­ing und Schaus­pielerin des Jahres, Ste­fanie Reinsperger, über In­sze­nierun­gen mit Bar­biepup­pen, ver­rückte Wiener und die Dinge, die sie am The­ater „to­tal nar­risch“machen. Eine Begeg­nung mit einer Frau, die einen mitreißt.

Was die Kri­tikerum­frage der Fachzeitschrift „The­ater heute“im Som­mer 2015 of­fiziell machte, war nichts weiter als eine Bestä­ti­gung: Wer Ste­fanie Reinsperger auf der Bühne er­lebt hat, etwa im umjubel­ten Stück „Die lächer­liche Fin­ster­nis“von Wol­fram Lotz oder in Ewald Pal­met­shofers „die un­ver­heiratete“, dem war längst klar: Diese Frau ist ein schaus­pielerisches Na­tur­ereig­nis. Wie sie auf der Bühne tobt, wütet, zit­tert, bet­telt, flüstert, rast, liebt, fleht; wie sie sich – so abge­droschen dieser Aus­druck wirken mag, hier passt er – die Seele aus dem Leib spielt, die Bühne zu ihrem Spielplatz, ihrer Kamp­farena, ihrem Zuhause macht: das geht di­rekt ins Herz, lässt keinen un­beteiligt. Und dann trifft man diese schaus­pielerische Naturge­walt ... und sie heißt St­effi. Man denkt, das ist, als würde man einen Chi­huahua Rambo nen­nen. Im Ge­spräch stellt sich dann her­aus: ir­gend­wie passt’s doch auch.

MIT RAUER STIMME. Ja, sie ist DIE Reinsperger, eine auch im In­ter­view sehr ex­pres­sive, beein­druck­ende 27jährige Frau, die mit rauer Stimme di­rekt sagt, was sie will, denkt, fühlt, weiß. Die viel lacht und mit ihrem bre­iten Lächeln, oft auch Grin­sen, viel von sich selbst gibt. Die selb­st­be­wusst sagt, einen Men­tor zi­tierend: „Du triffst eine Entschei­dung und wenn du merkst, es war die falsche, dann triffst du eine neue.“Die „aus dem Bauch her­aus“entschieden hat, das Burgth­e­ater gegen das Volk­sthe­ater auszu­tauschen. Das, was viele als Wei­h­estätte des The­aters und als Krö­nung einer Schaus­pielka­r­riere schlechthin empfinden, hat sie einge­tauscht gegen ein Aben­teuer. Warum? „Die The­men, die Stücke und die Regis­seure, mit de­nen ich im Volk­sthe­ater ar­beite, sind mir näher. Hier kön­nen De­bat­ten stat­tfinden.“

THEATERZEIT, LEBEN­SZEIT. Die Bühne ist ihr Leben, aber nicht nur ihres. The­ater ist Ver­ant­wor­tung. „Als Schaus­pieler kön­nen wir Dinge for­mulieren, die ein Zuschauer nicht kann. Dafür haben wir ein­er­seits Texte. Aber die Bühne ist schon per se der Ort für gesellschaft­spoli­tis­che Äußerun­gen. The­ater muss die Men­schen verän­dern.“Das sitzt. Hier spricht DIE Reinsperger. Und dann ist sie die St­effi aus Baden, die als Kind die Maria im Krip­pen­spiel war. Die mit Bar­biepup­pen Theater­stücke in­sze­nierte und ganz un­beküm­mert sagt: „Ich spiel’ halt gerne.“Der enorme Er­folg, ja, der freut sie. Aber The­ater ist ein Ge­mein­schaft­spro­dukt. „Wir ste­hen alle zusam­men auf der Bühne. Das ist un­sere gemein­same Leben­szeit.“Er­frischend und al­lüren­frei. Aufgewach­sen ist Ste­fanie Reinsperger in Lon­don und in Ser­bien, der Vater ar­beit­ete im Außen­min­is­terium. Als sie neun war, über­siedelte die Fam­i­lie nach Niederöster­re­ich, wo sie später die Han­del­sakademie ab­solvierte. „Meine El­tern und ich haben gerne Witze über die so­ge­nan­nte fundierte kaufmän­nis­che Aus­bil­dung gemacht. Aber wirk­lich vorstellen kon­nte ich mir das nie.“Wir uns auch nicht. Mit vier ist sie schon auf der Bühne ge­s­tanden, im Lon­doner Kin­derthe­ater. „Der Ort The­ater hat mich im­mer verza­ubert. Mit allem, was dahin­ter­steckt.“Und mit „allen“, die dahin­ter­stecken, denn: „Wenn der Portier die Tür nicht auf­sperrt und der Mi­tar­beiter an der Kassa die Karten nicht verkauft, dann findet The­ater nicht statt. Das ist ein Ge­samtkunst­werk.“An dem sie drin­gend teil­haben wollte. Bir­git Minich­mayr, die ist ihr großes Vor­bild. „Als ich sie das er­ste Mal sah, dachte ich: Wow. Ein Men­sch, der die Bühne zum Leben­sraum erk­lärt. Das ist es.“

SPIELPLATZ BÜHNE. Das Wohnen auf der Bühne, das ist jetzt ihres. „Ich fühle mich da oben geschützter als im Leben. Die Bühne ist der schön­ste Spielplatz.“Ihre Traum­rolle? „Medea“, die durfte sie bere­its in Düs­sel­dorf spie­len. Was, wenn man ihr das „Gretchen“an­böte? „Lieber würde ich Mephisto spie­len.“

Man würde ihr das zu­trauen. Sie kann aber auch ganz anders. Etwa teigige Wald­viertler Land­polizistin­nen wie in der Fernsehserie „Braun­schlag“spie­len. Am Film mag sie die Möglichkeit, zart, leise und in­tim zu sein. Doch The­ater, das ist „Im-mo­ment-sein. The­ater pusht mich und macht mich to­tal nar­risch.“Sie liebt die In­ter­ak­tion mit dem Pub­likum. „Bei meinem Betrunk­e­nenMonolog in ,die un­ver­heiratete’ ver- ließ ein Zuschauer wu­tent­brannt den Saal. Natür­lich wurde er mein Dia­log-part­ner, er hat sich fast nicht raus­ge­traut!“Das Pub­likum, sagt sie, müsse spüren, dass es wahrgenom­men wird. „Die Zuschauer sind mein drit­ter Spiel­part­ner.“

DAZWIS­CHEN GIBT’S NIX. Und wie fällt ihre Kri­tik über die Wiener Spiel­part­ner aus? Sind sie anders als in Düs­sel­dorf? „Die Wiener sind wahnsin- nig. Es ist ein un­fass­bares Geschenk, in dieser Stadt Kün­st­lerin zu sein. Sie lieben oder sie hassen dich, dazwis­chen gibt’s nix.“Sie ist eine Sch­wärmerin. Be­fragt nach der Je­linek’schen Sprache, mit der sie als „Nora“im Volk­sthe­ater zu tun hat, und für die sie hym­nis­che Kri­tiken ern­tete, kommt ein lang gezo­genes „Ich li­i­i­i­iebe das.“Das steckt an. Man liebt mit ihr. Ste­fanie Reinsperger. Sie reißt einen mit und haut einen um.

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