Elina Garanča:

Star mit Bo­den­haf­tung

Kurier_Interview - - Inhalt -

Wenn sie singt, geht die sprich­wörtliche Sonne auf. Und wenn sie auf der Bühne steht, ist die Opern­welt völ­lig in Ord­nung. Kein Zweifel: Elina Garanča ist einer der ab­so­luten Su­per­stars der Klas­sik­welt, bril­liert an den größten Häusern und bei den wichtig­sten Fest­spie­len und hat sich dabei doch ihre Natür­lichkeit, ihre Bo­den­ständigkeit be­wahrt. „Es gibt zwei Eli­nas. Die Elina, die hof­fentlich gut singt und spielt, die auch gern Au­to­gramme gibt und vielle­icht sogar gefeiert wird. Und dann ist da die Elina, die ihren Kin­dern Geschichten vor­li­est, die mit ih­nen Win­nie-puuh-lieder singt, die sogar Kühe melken kann, denn das habe ich in Riga als Kind auch gel­ernt“, sagt Garanča im Kurier-ge­spräch. Lachen­der Nach­satz: „Manch­mal beze­ichne ich mich als die beste sin­gende Melk­erin.“ Stich­wort Ge­sang. „Da bin ich jetzt in einer Phase des Über­gangs“, be­tont Garanča. „Viele Par­tien, die ich bis dato gesun­gen habe, werde ich bald hin­ter mir lassen. Aber wenn eine Tür zugeht, öff­nen sich an­dere.“

AB­SCHIED UND NEUBEGINN. Konkret meint Garanča: „Ich denke, meine Zeit mit Mozart etwa ist vor­bei, Auch den Oc­ta­vian im ,Rosenkava­lier‘ von Strauss werde ich nach einer Ab­schied­spro­duk­tion an der New Yorker MET in zwei Jahren nicht mehr sin­gen.“Lachend: „Ich glaube ein­fach nicht, dass mich die Men­schen ewig als jun­gen Burschen in Hosen sehen wollen. Und auch meine eige­nen Stimme sagt: ,Elina, lass es gut sein.‘“Dieser Fach­wech­sel habe auch et­was mit ihrer Stimme zu tun, so die Kün­st­lerin. „Seit der Ge­burt meiner bei­den Kin­der hat sich meine Stimme verän­dert. Ich finde, sie ist dun­kler, reifer, voller gewor­den. Und da­her ist es Zeit, in das le­ichte drama­tis­che Fach zu wech­seln. Ich bin da schon fleißig am Aus­pro­bieren.“Doch welche Rollen pro­biert Garanča aus? „Eine San­tuzza aus ,Caval­le­ria rus­ti­cana‘ kommt sicher, die Dalila aus, ,Samson et Dalila‘ auch. Eine Eboli in Verdis ,Don Carlo‘ ist bere­its fix­iert, auch die ,Aida‘-am­neris werde ich machen. Nur An­fra­gen in Sachen Wag­ner habe ich bis jetzt abgelehnt. Das be­deutet aber nicht, dass eines Tages nicht eine ,Lo­hen­grin‘Ortrud oder eine ,Par­si­fal‘-kundry in meinem Kal­en­der ste­hen kön­nen. Aber dafür sollte die Stimme fast noch ein biss­chen härter sein. Wir wer­den sehen, wohin mich mein Weg let­ztlich führt. Ich bin selbst neugierig.“

Was je­doch auch in den kom­menden Jahren gesetzt ist, sind Garančas Auftritte bei „Klas­sik un­ter Ster­nen“in Stift Göt­tweig (NÖ), das am 6. Juli 2016 bere­its zum ne­un­ten Mal stat­tfinden wird. „Ich liebe Göt­tweig, das ist mir zu einer Art Heimat gewor­den. Wir sind da eine richtige Fam­i­lie. Aber auch hier gilt: Man muss neugierig bleiben und dem treuen Pub­likum jedes Jahr et­was Neues bi­eten.“

CHAOS UND ORD­NUNG. Garanča weiter: „Ich über­lege gemein­sam mit meinem Mann Karel Mark jedes Jahr, was wir dies­mal Spezielles tun kön­nten. Aber für die Or­gan­i­sa­tion in Göt­tweig ist er zuständig. Ich kön­nte das nie, dazu bin ich viel zu chao­tisch. De­shalb kön­nte ich auch nie ein Fes­ti­val leiten, ob­wohl mir das sicher Spaß machen würde.“ Aber wie vere­in­bart Elina Garanča ihren Beruf mit ihrem Pri­vatleben, im­mer­hin ist Ehe­mann Karel Mark Chi­chon als Diri­gent auch sehr gut gebucht? „Ich ver­suche, meine Fam­i­lie so oft wie möglich um mich zu haben. Vor allem jetzt, solange meine Töchter – die eine ist fast zwei, die an­dere vier Jahre alt – mich noch brauchen. Später stört man als El­tern ja ohne­hin. Aber jetzt geht meine Fam­i­lie vor. Meine Mut­ter ist ja 2015 gestor­ben, we­shalb ich auch viele beru­fliche Termine ab­sagen musste. Ich wollte in dieser für uns alle schw­eren Zeit an der Seite meines Vaters sein. Und seit dem Tod meiner Mut­ter weiß ich umso mehr, wie kost­bar es ist, mit den geliebten Men­schen Zeit ver­brin­gen zu dür­fen. Denn es gibt Mo­mente, die kann man nie mehr nach­holen.“

LICHT UND SCHATTEN. Also hat es auch Schat­ten­seiten, so in der Öf­fentlichkeit zu ste­hen und als Sän­gerin der­maßen gefragt zu sein und vergöt­tert zu wer­den? Garanča: „Natür­lich will jede Sän­gerin geliebt oder sogar vergöt­tert wer­den. Nur das geht sich nicht im­mer aus. Ein falscher Ton, und die Men­schen merken das. Das ist vielle­icht ein Nachteil un­seres Berufs.“Lachend: „Dafür gibt es auch einen kleinen Vorteil, wenn man in der Öf­fentlichkeit steht: Man bekommt vielle­icht le­ichter einen Tisch in einem guten Restau­rant. Denn gutes Essen und Süßigkeiten sind eine meiner ab­so­luten Sch­wächen.“

AL­TER UND ANSPANNUNG. Doch zurück zur Musik. Än­dert sich die Sicht auf bes­timmte Rollen im Laufe der Jahre? Und ist selbst ein Su­per­star wie Garanča vor ihren Auftrit­ten noch nervös? „Meine Sicht auf bes­timmte Büh­nen­fig­uren än­dert sich sel­ten. Sie sind ja so geschrieben und so kom­poniert, wie wir sie ken­nen. Aber sicher geht man manch­mal noch mehr in die Tiefe. Die Kol­le­gen aber än­dern sich und wech­seln. Und wir wer­den alle äl­ter. Das ist Lauf der Dinge. Dazu kommt im­mer eine gewisse pos­i­tive Anspannung. Das Adrenalin vor je­dem Auftritt, das ist im­mer da. Ich glaube, so alt kann man gar nicht wer­den, um diese Anspannung abzule­gen. Und ich finde das gut so, denn man bleibt auf diese Art wach. Zur Rou­tine darf unser Beruf nie wer­den. Das hat das Pub­likum nicht ver­di­ent, denn es zahlt viel Geld, um uns zu hören. Wer in der Oper nur Rou­tine, nur Handw­erk abliefert, steht auf ver­lore­nen Posten und hat in der Kunst eigentlich auch nichts zu suchen.“

SUCHEN UND FIN­DEN. Was aber würde Garanča, die un­ter dem Ti­tel „Wirk­lich wichtig sind die Schuhe“eine sehr ehrliche, aber auch sehr hu­mor­volle Au­to­bi­ografie veröf­fentlicht hat, jun­gen Sän­gerin­nen und Sängern heute raten? „Ler­nen, ler­nen und ler­nen. Und sich selbst im­mer hin­ter­fra­gen. Das Leben ist ein ewiges Suchen und Fin­den. Und nur wer sich selbst als Men­sch ge­fun­den hat, kann auch an­dere Men­schen auf der Bühne verkör­pern und in an­dere Charak­tere schlüpfen. Und was die Tech­nik be­t­rifft, ist es ganz wichtig, im­mer wieder mit Ge­sangspäd­a­gogen zu ar­beiten. Ich selbst ar­beite regelmäßig mit meinem Ge­sangslehrer. Das hilft mir und meiner Stimme enorm.“Garanča weiter: „Per­sön­lich ist es ganz wichtig, bei einem Er­folg nicht abzuheben. Man sollte im­mer am Bo­den bleiben. Denn man wird von den Me­dien, dem Pub­likum oder den Mar­ket­ing-strate­gen oft sch­nell zum ,Star‘ gemacht. Aber so ein Hype kann ebenso sch­nell vor­bei sein, wenn man all diese Lor­beeren nicht auch kün­st­lerisch ein­löst. Wer sich als Über­flieger sieht und sich wom­öglich auch so ver­hält, wird eine böse Bruch­landung er­lei­den. Denn das Fliegen ist et­was für Flugzeuge, nicht für uns Men­schen. Und ganz ehrlich: Es wäre mir auch viel zu anstren­gend. Da­her bin ich viel lieber ein­fach die Elina aus Riga. Das re­icht mir völ­lig zum Glück.“

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