Con­chita Wurst:

„Das bin ja nur ich“

Kurier_Interview - - Inhalt - FOTO: GIL­BERT NOVY TEXT: BRIGITTE SCHOKARTH

Selb­st­sicher, char­mant und im­mer best dressed: Con­chita Wurst hat nach ihrem Sieg beim Euro­vi­sion Song Con­test der (Show-)welt Ihren Stem­pel aufge­drückt

Sie haben erst rund ein Jahr nach dem Sieg beim Song Con­test Ihr De­bütAl­bum „Con­chita“veröf­fentlicht. Ist es nicht schwierig, nach einer so lan­gen Zeit als So­ci­ety-figur den Fokus wieder auf die Rolle als Sän­gerin zu richten?

Es stört mich nicht, wenn der Fokus auf meiner Per­sön­lichkeit liegt. Für mich lag der Er­folg beim ESC ab­so­lut am Ge­samt­paket. Ge­nauso, wie ich mich als Sän­gerin darstellen wollte, wollte ich auch diesen Mo­ment nicht ver­stre­ichen lassen, um der Welt zu sagen, was ich denke.

Sie treten jetzt öfter mit Kurzhaar und schicken Hose­nanzü­gen auf. Tun Sie das, um Tom und Con­chita, die Ihrer Aus­sage nach im­mer mehr ver­schmelzen, op­tisch anzunäh­ern?

Nein, ich bin ein­fach ex­per­i­men­tier­freudig und liebe die Mode. Aber es stimmt: Was zu Beginn noch wahnsin­nig ge­trennt war, ist jetzt in vie­len Be­lan­gen eine Per­son. Als ich an­f­ing, in der Öf­fentlichkeit Con­chita zu sein, war diese Figur anders an­gelegt. Ich dachte damals, jetzt bin ich endlich die Per­son, die ich auf der Bühne sein möchte. Ich habe damit aber auch Er­wartung­shal­tun­gen nachgegeben. Ich dachte, ich bin ein Drag-artist, da muss man laut, frech und lustig sein, Witze auf Kosten an­derer machen. Das bin ich aber eigentlich nicht und es ist mir auch schw­erge­fallen. Con­chita ist jetzt mehr zu einer Figur gewor­den, wo ich sagen würde, als Tom würde ich wohl die gle­ichen Ant­worten geben – aber dabei nicht so sicher sein.

Ist Tom san­fter als Con­chita?

Ich baue mit Con­chita ja eine Dis­tanz auf. Ich dis­tanziere mich mit dieser Kun­st­figur von Tom, weil ich mich als Con­chita unaufhalt­bar fühle: Da weiß ich, wer ich bin, wie ich sein möchte, und das macht mich wahnsin­nig sicher. Da denke ich: Wenn ich Fehler mache oder Schwachsinn erzähle, ist es au­then­tisch. Als Tom bin ich un­sicherer. De­shalb auch der Schritt, eine Kun­st­figur zu er­schaf­fen: Ich wollte alles von meinem Leben haben – ein Pri­vatleben und ein Büh­nen­leben. Ich war als Tom nicht so groß und über­trieben, wie ich es jetzt bin und im­mer sein wollte. Als Con­chita kann ich sagen, das ist meine Mei­n­ung! Als Tom würde ich mir Gedanken machen, wie et­was ankommt.

Sie be­to­nen im­mer wieder, wie sehr Sie den Rum­mel um Ihre Per­son ge­nießen. Wird es Ih­nen nie zu viel?

Nein, nicht zu viel. Aber ich bin selbst meine größte Kri­tik­erin. Und da fällt es mir dann manch­mal schon sch­wer, zu ge­nießen. Selbst wenn ich einen Auftritt in dem Mo­ment stim­mig fand – wenn ich ihn mir nach­her an­schaue und denke, oh, das war nicht so gut, ver­schwindet das Ge­nießen. Wie zum Beispiel meine Per­for­mance beim ESC. Da dachte ich auch, du hast gewon­nen, aber hmm ...

Was hat Sie daran gestört?

Ein­mal war ich zu flach, dann wieder zu spitz, und mal hat das Tim­ing nicht gepasst. Das ist ein zweis­chnei­di­ges Sch­w­ert: Ein­er­seits mo­tiviert mich das, an­der­er­seits denke ich: „Was mache ich da über­haupt, wenn ich nicht ein­mal einen Ton hal­ten kann?“

Man hat aber deut­lich gespürt, dass Sie wirk­lich et­was trans­portierten – was meiner Mei­n­ung nach auch der Grund war, dass Sie damals gewon­nen haben.

Das glaube ich auch. Das lag an diesem Song „Rise Like A Phoenix“. Als ich den hörte, hat­ten wir zwei Songs zur Auswahl, waren schon sehr weit in den Vor­bere­itun­gen und la­gen su­per in der Zeit. Aber ich sagte so­fort: „Dieser Song muss es sein! Stopp. Alles von vorne.“Da war ich dann auch kom­pro­miss­los. Denn es ist eine Tat­sache, dass man das Pub­likum nicht belü­gen kann.

Sie waren mit Ihren An­liegen in vie­len in­ter­na­tionalen Talkshows zu Gast. Allerd­ings zumeist bei Leuten, die dafür schon aufgeschlossen waren. Was kann das be­wirken?

Das ist sch­wer zu beant­worten, weil es für mich so sur­real ist: Denn das bin ja nur ich – ich bin nicht Madonna oder Lady Gaga. Und ja, ich war oft in Run­den, wo das ohne­hin schon akzep­tiert wurde. Aber selbst wenn ich mit Leuten in Verbindung kam, die in meiner Ab­we­sen­heit anders sprechen wür­den, waren sie in dieser Sit­u­a­tion im­mer sehr, sehr diplo­ma­tisch.

Weil Sie diplo­ma­tisch sind?

Ich re­spek­tiere den an­deren Stand­punkt, bin aber halt nicht ihrer Mei­n­ung. Aber vor allem be­w­erte ich die Leute nicht nach ihrem Stand­punkt. Das ist ja ge­nau das, was ich ver­suche, zu trans­portieren: Wir wollen alle das Gle­iche – mit Re­spekt be­han­delt wer­den und lieben dür­fen. Und weder die Haut­farbe noch die sex­uelle Ori­en­tierung bildet deinen Charak­ter. Das ist die Wahrheit und dage­gen gibt es auch keine Ar­gu­mente. Deswe­gen arten solche Ge­spräche nie in Streit aus.

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