Otto Schenk:

„Böse aufs Alt­sein“

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: FRANZ GRU­BER TEXT: DI­ETER CHMELAR

Otto Schenk blickt „nie“von seiner – fast ver­wun­schen schö­nen – Woh­nung auf die Stadt, die ihm ohnedies zu Füßen liegt. Heute, mit 85, ist ihm mancher­lei „Ma­te­ri­aler­mü­dung“lästig. Der let­zte Kopf­s­tand? Zehn Jahre her. Doch die kün­st­lerische Mit­teilungslust ist unge­brochen – wenn nur die Leut’ an der richti­gen Stelle lachen. Gedanken über Lächer­lichkeit & Zärtlichkeit.

Bei Schenks zu Hause ist ein eigenes Stück. Wie die Eheleut’ – seit mehr als einem hal­ben Jahrhun­dert – miteinan­der spie­len, ist zärtlich und za­uber­haft. Es wirkt oft wie lauter Zank und leiser Zynis­mus und ist doch nix als „un­z­er­reißbare“Zunei­gung. Für den elegis­chen Erzkomö­di­anten (Ei­gen­def­i­ni­tion: Theaterer) hat Renée Michaelis schon 1956 ihre junge, vielver­sprechende Schaus­pielka­r­riere aufgegeben. Er macht sich deswe­gen heute noch „mehrmals täglich“Vor­würfe ... Ge­fürchtet ist sein ge­nialer „Grant“– auf die Frage, wie oft er von der Dachter­rasse der In­nen­stadt­woh­nung aus auf den St­effl blicke, knurrt er: „Nie.“Zum (zugegeben sehr bun­ten) Steck­tuch des Re­porters merkt er, wie beiläu­fig daran nestelnd, grundgütig an: „Grat­uliere. Des passt jo zu gor nix ...“

Herr Schenk, jetzt sind Sie 85. Zufrieden, wo Sie doch im­mer schon mit dem Al­ter koket­tierten? Oder spüren Sie eine gewisse „Ma­te­ri­aler­mü­dung“?

Sie haben recht: Ich hab’ die Ju­gend nie richtig gern als Ju­gend genossen, ich wollte im­mer äl­ter sein. Aber jetzt hab’ ich über­haupt keine Lust mehr aufs Alt­sein. Ich bin böse aufs Al­ter, vor allem, wenn ich sehe, welch wun­der­baren Men­schen es mir fortwährend weg­n­immt. Ich kann das Loch gar nicht schildern, dass mir Hel­muth Lohner ( 23. Juni 2015) mit seinem Tod ins Leben geris­sen hat. Wir waren blutjunge und schlecht­bezahlte Par­ti­sa­nen an der Josef­s­tadt, die sich über alte Regis­seure lustig gemacht haben. Er war ein un­wider­stehlicher Ver­führer von Gottes Gnaden und ein ganz kom­plizierter Men­sch. Das war grad sein Reiz. Er ver­stand mich besser als ich mich sel­ber. Heute fürchte ich die jedes Jahr dro­hen­den Ge­burt­stagsre­den, die ja im­mer mehr Nekrolo­gen äh­neln. Aber ich bin das Ge­fühl noch nicht völ­lig los, dass ich mich teilen – also dem Pub­likum mit­teilen – will.

Wofür oder wem sind Sie dankbar?

Meinen Kind­heitss­chrecken ( Anm.: als i n der Naz­izeit diskri­m­inierter „ Hal­b­jude“i n Wien) – da­rauf wuchs erst mein Tal­ent, aufm eige­nen Mist, den ich er­lebt und durch­schrit­ten hab’. Da­raus ent­stand wohl auch die Liebe zu einem Pub­likum, das nicht nur Heißhunger nach je­dem Blödsinn, sondern Appetit auf Un­ter­hal­tung hat. Es ist ja sowieso un­ver­mei­dlich, dass die Leut’ lachen. Lieber is mir an den richti­gen Stellen.

Was fehlt Ih­nen per­sön­lich mit 85?

Der let­zte Kopf­s­tand auf der Bühne ist schon gute zehn Jahre her („Othello darf nicht platzen“). Und mit dem Eis­laufen war ge­nau in dem Augenblick Schluss, als mich einer ang’rem­pelt hat und zum er­sten Mal nicht er, sondern ich aufm Bo­den lag.

Wie gehen Sie mit Sch­wächen um?

Was das Kör­per­liche be­t­rifft, fehlen mir viele Einzel­heiten. Die Beine zum Beispiel – und die Luft. Aber ich nütze meine Ge­brechen am The­ater wie ein Quick­tänzer (reifer Gigolo) zu Sekun­den der Geschick­lichkeit. Man spielt alte Rollen besser, wenn man schon eine gewisse Er­fahrung mit dem Scheit­ern hat. Man sollte wis­sen, dass man im Al­ter viel Lächer­liches tut und man sollte ler­nen, darüber zu lachen. Das Wichtig­ste ist Zärtlichkeit, sie währt am läng­sten. Dazu gehört auch Un­fre­undlichkeit – das ist oft gar nicht un­typ­isch für eine gute Fre­und­schaft und sogar für eine große Liebe.

Wie haben Sie Ihre Frau er­obert?

Durch Späße und Gerede, durch meine Erschei­n­ung und mein gock­el­haftes Ge­habe wäre es nie gelun­gen. Damit war sie in­tellek­tuell nicht ver­führbar. Aber plöt­zlich saßen wir zu zweit in einem Kellerthe­ater, sie ohne Gage, ich frisch raus­ge­flo­gen. Da hat sich der ganze Herzen­skof­fer mit­samt der Wäsch’ aufge­tan – da ist ein Ge­spräch ent­standen, das bis heute an­hält.

Was ist der Zauber Ihrer Frau?

Sie war un­endlich be­gabt, ein­fach un­fähig, un­natür­lich zu sein. So wie sich die Schrift Goethes in 83 Jahren nie verän­derte, so hat sie ihre Ju­gend­stimme, auch heute, im be­gin­nen­den Al­ter, in dem sie schwebt, nie einge­büßt. In jeder Stadt, in der ich war, war ich ein bis­serl ungern. Aber wenn sie dazukam, be­gann die selbe Stadt zu leuchten. Wir schauen uns seit Jahren nach einer gemein­samen Ab­trittsart um. Ein Autoun­fall oder so was.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.