Mercedes Hel­nwein:

Neuer Stern

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: GIL­BERT NOVY TEXT: NINA ELLEND

Ihr Vor­name hat Klasse. Ihr Nach­name einen Ruf. Doch Mercedes Hel­nwein, Tochter von Maler Got­tfried Hel­nwein, hat ihre ei­gene, un­ver­wech­sel­bare Hand­schrift ge­fun­den. Kein Wun­der, dass Kun­st­papst Damien Hirst und Hol­ly­wood­star Ni­co­las Cage ihre Werke im Dutzend kaufen. In L. A. gab die Kün­st­lerin Ein­blicke in ihre Welt.

Chi­na­town. Mercedes Hel­nwein liebt diesen Stadt­teil von Los An­ge­les. Auch wenn sie die Straßen­schilder vor der Türe ihres Ateliers nicht lesen kann. Das kon­nte auch Ro­man Polan­ski nicht, als er dort 1974 den gle­ich­nami­gen Film mit Jack Ni­chol­son und Faye Du­n­away drehte. „Das Fremde vor meiner Haustüre in­spiri­ert mich für meine Ar­beit“, sagt die quirlige 34-Jährige, die ihrem Vater Got­tfried Hel­nwein, 65, so gar nicht ähn­lich sieht. Keine Frage: Das rote, dichte Haar und den weißen Porzel­lan-teint hat sie von ihrer Mut­ter Re­nate, 61, geerbt, die seit 1977 mit dem exzen­trischen öster­re­ichis­chen Maler ver­heiratet ist. Das Tal­ent hat Mercedes Hel­nwein allerd­ings von ihrem Vater in die Wiege gelegt bekom­men. So wie ihre Brüder Cyril, 37, Ali, 32, und Amadeus, 27, die eben­falls kün­st­lerisch tätig sind. Ge­boren wurde Mercedes 1979 in Wien: „Ich be­sitze noch im­mer nur den öster­re­ichis­chen Pass und habe keine an­dere Na­tion­al­ität angenom­men, ob­wohl ich seit 28 Jahren nicht mehr dort lebe“, so Hel­nwein, die in ihrem braun-kari­erten Retro-kleid und mit der Fün­fziger­jahre-hochsteck­frisur an den Film „Zurück in die Zukunft“ erin­nert. Deutsch zu sprechen hätte sie

über die Jahre ver­lernt, „aber ich ver­stehe sehr viel“. 1985 sei ihren El­tern „die Welt in Wien zu eng gewor­den“: Die Fam­i­lie über­siedelte nach Deutsch­land, um auf Schloss Burg­brohl in der Eifel ein neues Zuhause zu fin­den. 1997 fol­gte der Umzug nach Tip­per­ary in Ir­land – wieder in ein Schloss mit viel Wohn- und Freiraum. Als Kind stand Mercedes ihrem Vater oft für seine ban­dagierten und mal­trä- tierten Kin­der­bilder Modell. Span­gen und chirur­gis­che In­stru­mente nahm sie dafür in den Mund. Vielle­icht ze­ich­net sie de­shalb heute keine Kin­der. Erwach­sene Frauen und wenige Män­ner malt sie hinge­gen mit Lei­den­schaft. „Bei uns zu Hause herrschte im­mer eine ex­trem kün­st­lerische At­mo­sphäre. Ich wurde sehr lib­eral er­zo­gen und habe meinen Vater oft auf Reisen be­glei- tet. Das hat mich sehr geprägt“, sagt sie und zeigt auf die vier Me­ter hohen Wände ihres Loft-ateliers, die mit ihren groß­for­mati­gen Ze­ich­nun­gen geschmückt sind. „Ich habe, seit­dem ich denken kann, im­mer einen Stift bei mir gehabt und et­was auf Papier gekritzelt.“Vor­erst schrieb Mercedes Hel­nwein Gedichte und an­dere Texte: „Ge­malt habe ich nur so neben­bei. Ich wollte lieber Schrift­stel­lerin als

Ma­lerin wer­den.“Als sie 13 Jahre alt war, veröf­fentlichte die deutsche fem­i­nis­tis­che Zeitschrift Emma ihren Comic „Die Män­ner schla­gen zurück“. Bald merkte Hel­nwein allerd­ings, dass ihre Ze­ich­nun­gen An­klang fan­den – Men­schen boten ihr Geld dafür an: „Ich bin da­raufgekom­men, dass es für je­den Kün­stler ir­gend­wann wichtig ist, dass seine Kunst gese­hen wird. Nur für mich alleine in meinem Zim­mer zu malen, ist un­in­ter­es­sant.“Schöne, mys­ter­iöse Gesichter haben die jun­gen Frauen, die sie mit Bleis­tift, Farb­s­tift, Tusche und Pastell malt. Aber auch in Aquarell- und Öl­tech­nik ar­beitet sie gerne. Fo­to­re­al­is­tisch wirken die Porträts, die sie mit Licht und Schatten in Szene setzt. Neben Postkarten, die sie auf Flohmärk­ten er­steht, di­enen lebende Mod­elle als In­spi­ra­tion. „Es han­delt sich oft um ganz unauf­fäl­lige Sch­warz- Weiß-fo­tos, die ich als Vorlage für meine Bilder wähle. Die Szenerie spricht mich aus ir­gen­deinem Grund an.“Über die Jahre kon­nte sich Hel­nwein einen Kostüm­fun­dus auf­bauen, um ihre Mod­elle im­mer wieder neu einzuk­lei­den. Kranken­schwest­ern und Frauen in Uni­form zählen zu ihren jüng­sten Lieblingsmo­tiven: „Dazu passend habe ich einen Kurz­film gedreht, den ich bei Ausstel­lun­gen zeige. Ich habe alles, vom Dre­hbuch

über Kam­era bis Regie, selbst gemacht. Nur die Musik hat mein Bruder kom­poniert.“In ihren Videos ve­r­ar­beitet Mercedes Hel­nwein The­men ihrer Ze­ich­nun­gen: Men­schen in ab­sur­den und geheimnisvollen Si­t­u­a­tio­nen, die in rät­sel­hafter Weise in Beziehung zueinan­der ste­hen. Hitch­cock hätte seine Freude daran gehabt. Keine Frage: Ihre Bilder tragen eine un­ver­wech­sel­bare Hand­schrift, die eine geheimnisvolle Stim­mung ver­strö­men. Das dürfte auch den britis­chen Kun­st­papst Damien Hirst fasziniert haben, als er im März 2010 alle Ar­beiten ihrer Ausstel­lung „Whistling Past the Grave­yard“in der „A Gallery“in Lon­don aufkaufte: „Das hat mich sehr über­rascht. Ich wusste nicht, dass er Kunst sam­melt. Ein Fre­und von ihm hatte die Ausstel­lung be­sucht und ihm von meinen Bildern erzählt. Dann kam er selbst vor­bei und hat alle gekauft.“Auch Hol­ly­wood­star Ni­cholas Cage zählt, neben Kult-regis­seur Wim Wen­ders, zu den Samm­lern ihrer Werke. In in­ter­na­tionalen Kun­stkreisen wird Hel­nwein als „Shoot­ing-star“und „Some­one to watch“beze­ich­net. Das Schreiben hat Mercedes Hel­nwein trotz ihres Er­folgs im bild­ner­ischen Bere­ich nie aufgegeben: 2004 grün­dete sie gemein­sam mit der amerikanis­chen Kün­st­lerin Alex Prager den Ver­lag Devils Porch­light Press. Nach mehreren Erzäh­lun­gen und Kurzgeschichten er­schien 2008 ihr Ro­man „The Po­ten­tial Haz­ards of Hester Day“bei Si­mon & Schus­ter in New York. Soeben wurde das Buch ins Franzö­sis­che über­setzt. Mehr lit­er­arische Werke sollen in Zukunft fol­gen: „Das Schreiben un­ter­schei­det sich vom Malen. Es ist ist ein kom­plett an­derer kreativer Prozess, den ich auf keinen Fall mis­sen möchte.“An ihre Kind­heit in Wien erin­nert sich Hel­nwein gerne zurück: „Es wäre toll, in Wien ein­mal eine große Ausstel­lung zu machen. Ich habe sehr schöne Erin­nerun­gen und komme nach wie vor im­mer wieder zu Be­such. Mein Vater ist der Stadt auch sehr ver­bun­den.“In Los An­ge­les lebt Mercedes Hel­nwein seit 2002. Ihre Fam­i­lie pen­delt zwis­chen L.A. und Ir­land. Sie selbst fühle sich in Kal­i­fornien wohler als in Ir­land. Amerika habe sie kün­st­lerisch sehr in­spiri­ert: „Ich liebe L.A., den Spirit der Stadt. Er lässt mir alle Frei­heiten. Und hier gibt es viele Gle­ich­gesin­nte, die zu meinen Fre­un­den zählen.“

Hel­nwein ar­beitet mit Bleis­tift, Farb­s­tift, Tusche und Pastell, aber auch in Aquarel­lund Öl­tech­nik

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