Nazar:

Bis­sig & nach­den­klich

Kurier_Interview - - Inhalt -

Wieso woll­ten Sie ein Falco-fea­ture auf Ihrem Al­bum „Cam­ou­flage“haben?

Ich bin mit drei Jahren nach Wien gekom­men. Und das Er­ste, was ich von ihm mit­bekom­men habe, war „Mut­ter, der Mann mit dem Koks ist da“. Mir hat die Num­mer und das Video viel gegeben, weil ich meine ei­gene In­ter­pre­ta­tion davon hatte. Denn ich habe als Kind nicht ver­standen, dass es dabei um Dro­gen geht. Ich habe nur gese­hen, dass da ein Mann mit Kohle kommt, der der ar­men Frau et­was zum Heizen bringt. Und wir haben damals halt auch in Wien in sehr schlim­men Ver­hält­nis­sen gelebt – mein Bruder, meine Mut­ter und ich in einer 25-Quadrat­meter-woh­nung. Und ich habe ja einen Stief­vater, der ist Öster­re­icher. Er war – und ist noch im­mer – ein Fan von öster­re­ichis­chen Fil­men und Tv-se­rien und öster­re­ichis­cher Musik. Er hat mir das sehr na­hege­bracht.

Wie sch­wer war es, vom Falco-nach­lass die Rechte für „Die Königin von Eschna­pur“freizubekom­men?

Das war schon ein müh­samer Prozess. Ich habe Kom­mentare im Netz gele­sen, dass Falco das zu seinen Le­bzeiten nie zuge­lassen hätte – das wis­sen sie, weil sie ja alle beste Fre­unde von ihm waren! Dabei hat in diesem Fall tat­säch­lich noch Fal­cos Mut­ter kurz vor ihrem Tod das Okay dafür gegeben. Aber wir mussten das davor mit Thomas Rabitsch klären, dann mit dem La­bel Sony und dann mit dem Fal­coNach­lass. Viel Bürokratie, aber dafür ist es dann mit vier Monaten ohne­hin sch­nell gegan­gen. Und im Übri­gen ver­di­ene ich daran keinen Cent. Auch das wer­fen sie mir im Netz vor, be­haupten, ich hätte das nur we­gen des Geldes gemacht. Aber ich musste alle Rechte abgeben.

Sie sagen, Sie sind sehr arm aufgewach­sen. Sie waren ja auch einige Zeit in Traiskirchen. Wie waren damals die Zustände dort?

Daran kann ich mich nicht erin­nern, ich war noch viel zu klein. Ich habe nur eine – sehr sch­limme – Erin­nerung daran: Ich bin als Kind operiert wor­den und hatte danach einen Gips auf bei­den Beinen bis rauf zur Brust – einen Liegegips, wo noch eine Stange zwis­chen den Beinen war. Dann war damals eine Hochzeit un­ten im Saal und ich bin in der Nacht im Zim­mer aufgewacht und habe Angst bekom­men. De­shalb habe ich wah­n­witzig ver­sucht, die Treppe run­terzuge­hen. Das war so eine lange Wen­del­treppe und ich bin natür­lich gle­ich bei der er­sten – weil ich mit dem Gips nicht steigen kon­nte – die gesamten Treppe run­terge­flo­gen. Davon habe ich jetzt im­mer noch eine Narbe am Kopf. Aber prinzip­iell finde ich es sch­limm, wenn man Leute nicht zuwan­dern lässt, die es notwendig haben. Und es ist ja nicht so, dass die Flüchtlinge den Staat Geld kosten, der Staat bekommt ja Geld von der EU dafür, dass er Flüchtlinge aufn­immt. Ich bin sehr froh, dass ich hier leben kann und danke Gott, dass es diese Repub­lik geschafft hat, hier Sta­bil­ität aufzubauen. Aber ich würde gerne ein­mal jene Leute, die Flüchtlin­gen mit Hass begeg­nen, in der Sit­u­a­tion sehen, dass sie selbst flüchten müssen und in einem Land mit Hass aufgenom­men wer­den.

Haben Sie das Ge­fühl gehabt, mit Hass aufgenom­men wor­den zu sein?

Zu meiner Zeit war das ganz anders. Damals war es noch sehr stark so, dass du das bekom­men hast, was du gegeben hast. Wenn du ein nor­maler, höflicher Men­sch warst und keine Prob­leme verur­sacht hast, hatte nie­mand ein Prob­lem mit dir. Selbst in Fa­voriten, wo ich im­mer noch wohne, einem Bezirk, in dem es heute kocht und brennt, wo die Pro­leten heute einen ex­tremen Hass gegen Aus­län­der haben, war das zu meiner Zeit nicht so. Als wir damals nach Öster­re­ich gekom­men sind, haben wir sehr viel Liebe bekom­men. Zum Beispiel werde ich die Frau Mali mein Leben lang nicht vergessen. Denn meine Mut­ter musste halt im­mer bis spät am Abend ar­beiten, weil sie in einem Restau­rant Teller gewaschen hat. Die Frau Mali war un­sere Nach­barin und hat im­mer auf mich und meinen Bruder aufgepasst, als wären wir ihre eige­nen Kin­der. Un­des­gab die Elfi, das ist eine Bekan­nte von mir, die hat mich auch fast wie ihren eige­nen Sohn großge­zo­gen. Die war damals Nach­mit­tags­be­treuerin am There­sianum, hat dann meine Mut­ter ken­nen­gel­ernt und gesagt, dass ich mit ihr zur Nach­mit­tags­be­treu­ung kom­men soll. Und deswe­gen – bevor wir zu viel über neg­a­tive Dinge sprechen: Zu meiner Zeit gab es sehr viele Öster­re­icher, die un­fass­bar viel für mich und meine Fam­i­lie getan und uns sehr viel Liebe gegeben haben.

Im Song „Cam­ou­flage“geht es um Masken, die wir im All­tag auf­set­zen. Meinen Sie damit das Show­biz?

Nein, generell: Wir tar­nen uns per­ma­nent. Ich bin zum Beispiel über­all tä­towiert. Eine Frau geht aus, schminkt sich, zieht sich ein ganz bes­timmtes Out­fit an – sei es, weil sie einen Mann ken­nen­ler­nen will, oder anders in einer bes­timmten Ge­sellschaft nicht akzep­tiert wird. In dem Song sage ich, dass wir uns in dieser Ge­sellschaft im­mer mehr dahin en­twick­eln, uns Masken aufzuset­zen, um je­man­dem oder et­was gerecht zu wer­den.

Warum haben Sie das Wort zum Al­bumti­tel erko­ren?

Weil mir ein­fach mit meinem Ausse­hen, das dem Pro­to­typ eines Kanaken entspricht, sehr oft nicht ein­mal die Chance gegeben wird, dass je­mand in mein Al­bum rein­hört. Die sehen mein Bild, schließen da­raus, dass ich ir­gen­dein bru­taler Kanake bin und hören de­shalb schon gar nicht in die Musik rein. Da habe ich gedacht, na, dann gebe ich euch eben diese Tar­nung.

Ich nehme an, der Song „Kanax“ist eine zynis­che Ab­hand­lung von allen Vorurteilen, die sie je gehört haben.

Teil­weise Vorurteile, aber auch Dinge, die ein­fach so sind. In dem Song sind sehr viele Zeilen so, wie Kanax nun ein­mal sind.

Welche Zeilen sind wahr, welche sind Vorurteile?

99 Prozent von dem Text sind richtig. Dabei darf man nicht vergessen, dass Kanax ein Be­griff für Kanaken ist, die nicht viel davon hal­ten, sich zu in­te­gri­eren. Ich habe den Song be­wusst auf das Al­bum genom­men, weil ich wusste, dass die jun­gen Kanaken den richtig abfeiern wer­den, weil sie denken, dass das eine Hymne für sie ist. Aber ich glaube auch, wenn sie das öfter hören und dann auch ge­nau zuhören, wer­den sie schon ver­ste­hen , dass das eine Art Fingerzeig ist, mal darüber nachzu­denken.

In dem Song „In­tro“sagen Sie: „Ich schieße mit Blei“. Und ich habe das ganze Al­bum über den Ein­druck, dass Sie ein­er­seits sehr auf Frieden be­dacht sind, aber zwis­chen­durch doch wieder nicht ganz sicher sind, ob gewisse Dinge mit Frieden zu er­re­ichen sind. Sind Sie da tat­säch­lich in einem Kon­flikt?

Das haben Sie sehr gut und richtig erkannt. Am Ende des Tages nimmt man aber in der Hip-hop-sprache Sätze wie „Ich schieße mit Blei“nicht, um auszu­drücken, dass man je­man­den töten will. Das ist ein Bild, um anzuzeigen, dass ich mich gegen die, die mich an­greifen, wehren möchte. Und was defini­tiv bei mir ein Fakt ist: Ich bin der Mei­n­ung, dass gewisse Dinge nicht im­mer mit Frieden und Ge­sprächen gelöst wer­den kön­nen. Aber auch nicht mit Krieg. Ich bin der Mei­n­ung, dass manche Dinge auch rup­piger ange­fasst wer­den müssen, damit et­was in Bewe­gung kommt. Man sieht das ja an der öster­re­ichis­chen Poli­tik – ger­ade was die Aus­län­der­poli­tik be­t­rifft. Da wer­den viel zu viele Dinge zu be­hut­sam ange­grif­fen, um nur ja nie­man­den zu tr­ef­fen. Und an­der­er­seits wird dann von der FPÖ so bru­tal vorge­gan­gen, was dann eine unglaubliche Ex­plo­sion aus­löst. Um ans Ziel zu kom­men, muss ein Mit­tel­weg ge­fun­den wer­den.

In dem Song „Eines Tages“sprechen Sie über Ihren Vater. Warum erst jetzt?

Ich war ein Baby, als er gestor­ben ist. Das ist ein schwieriges Thema für mich. Denn ein­er­seits habe ich da meinen leib­lichen Vater, den ich so nie wahrgenom­men habe. An­der­er­seits gibt es diesen Robert, meinen Stief­vater, der in unser Leben gekom­men ist, als ich zehn Jahre alt war. Er hat mich aufgenom­men wie sein leib­liches Kind. Robert ist der der beste Men­sch auf der Welt für mich. Er ist für mich mein Vater. Aber 14 Jahre, nach­dem wir geflo­hen sind, war ich dann zum er­sten Mal wieder im Iran. Ich habe seine Fam­i­lie getrof­fen und bin mit ih­nen auch an sein Grab gefahren. Das war ein sehr komis­ches Ge­fühl. De­shalb fällt es mir sch­wer, darüber zu re­den und ich sage nur kurz, dass wir uns eines Tages im Paradies sehen wer­den.

Sind sie noch regelmäßig im Iran?

Ich war die let­zten neun Jahre nicht mehr dort, weil ich auf­grund der Musik Angst hatte. Es gab schon viele Fälle von Musik­ern, die in den Iran ein­reisen woll­ten und dann festgenom­men wur­den, weil diese Art von Musik dort ver­boten ist. Die einzige Musik, die gespielt wer­den darf, ist en­tweder fröh­liche, in der es um das Land geht, oder re­li­gions­be­zo­gene Musik. Aber das hat sich auch erst in den let­zten Jahre gemildert. Davor gab es über­haupt keine Er­laub­nis dafür, du wur­dest ver­haftet, wenn du im Auto west­liche Musik gespielt hast. Das war schon sch­limm. Aber meine Mut­ter war jetzt auf der iranis­chen Botschaft und hat sich erkundigt, ob es ein Prob­lem geben kön­nte, wenn ich ein­reise. Die sagten nein, also werde ich das sehr bald ein­mal ver­suchen. Mal schauen, was dann dabei rauskommt.

Haben Sie je einen an­deren Job als den des Musik­ers angestrebt?

Ich habe sehr viel gear­beitet, war Verkäufer in einem Shop an einer Tankstelle, Hil­f­sar­beiter am Bau, habe im Wiener­wald gekell­nert. Aber wirk­lich zufriedengestellt hat mich das nicht. Aber nach­dem ich keine Aus­bil­dung hatte, hatte ich nie die Möglichkeit, einen an­deren coolen Job zu fin­den. Und ich hab halt auch viel Blödsinn auf der Straße gemacht.

Spie­len Sie damit auf den Vor­fall mit der Pis­tole an?

Nein, da­rauf, dass ich halt Gras ger­aucht habe. Zum Glück war’s nur Gras und ich habe nie härtere Dro­gen genom­men. Das mit der Pis­tole war eine ganz an­dere Geschichte – das war der größte Blödsinn. Da habe ich mich

„Ich bin der Mei­n­ung, dass gewisse Dinge nicht im­mer mit Frieden und Ge­sprächen gelöst wer­den kön­nen. Aber auch nicht mit Krieg. Ich bin der Mei­n­ung, dass manche Dinge auch rup­piger ange­fasst wer­den müssen, damit et­was in Bewe­gung kommt. “

dazu ver­leiten lassen, dass ich einem Idioten, der mich wochen­lang belei­digt hat und gedroht hat, mich umzubrin­gen, zu sagen: „Na, dann komm halt vor meine Woh­nung!“. Ich bin dann wie ein Id­iot run­terge­gan­gen, habe ihn im Auto gepackt, zusam­mengeschla­gen und ihm mit der Waffe gedroht, dass er sich entschuldigen soll. Er ist dann zur Polizei gegan­gen, hat einen Zeu­gen er­fun­den, der be­hauptet hat, dass ich ihn aus­ger­aubt hätte. Da­raufhin war ich sechs Wochen in Un­ter­suchung­shaft. Aber zum Glück hat das auch der Staat­san­walt dann ir­gend­wann als komisch emp­fun­den: Die haben Blut-tests von mir gemacht, aber ich nehme keine Dro­gen. Ich hab keine Schulden und ich bin krim­inell im­mer nur durch Sch­lägereien aufge­fallen, nie durch Er­pres­sung oder so et­was. Mein An­walt war so klug, dass er das Handy vom Beifahrer routen ließ. Und dabei ist raus­gekom­men, dass sie mich er­pressen woll­ten, was sie vor dem Staat­san­walt auch zugegeben haben. Während ich in Un­ter­suchung­shaft war, haben sie über Dritte meine Mut­ter kon­tak­tiert und ihr aus­richten lassen, dass sie ih­nen 40.000 Euro geben soll, damit sie vor der Polizei die Wahrheit sagen. In der öster­re­ichis­chen Presse hat mir das aber nicht mehr viel geholfen. Als die An­schuldigun­gen aufka­men, stand das groß in den Zeitun­gen. Aber als ich un­schuldig gesprochen wor­den war, hat keiner mehr darüber berichtet. Und dieses Bild hat dann in Öster­re­ich schon sehr lange an mir gehaftet. Aber gut, ich bin natür­lich auch selbst schuld – so einen Blödsinn darf man nicht machen.

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