Peter Tur­rini:

Nie am Ziel

Kurier_Interview - - Inhalt - FO­TOS: JEFF MAN­GIONE TEXT: THOMAS TRENKLER

Im Herbst hatte sich Peter Tur­rini einer Her­z­op­er­a­tion zu un­terziehen. Danach Ruhe zu geben, kam dem Dra­matiker nicht in den Sinn: Er schrieb in der Reha ein neues Stück – und er­stellte zusam­men mit Her­bert Föt­tinger eine Ne­u­fas­sung von Arthur Sch­nit­zlers Szenen­folge „Ana­tol“, die am 17. Dezember im The­ater an der Josef­s­tadt Pre­miere hatte

Ihre Lebens­bi­lanz „C’est la vie“, 2014 uraufge­führt, en­det mit dem Tod. War das eine düstere Vo­rah­nung? Denn auch Ihr Leben wäre kür­zlich beinahe zu Ende gewe­sen: Sie hat­ten im Septem­ber eine schwere Her­z­op­er­a­tion.

Ich habe eine seltsame Art, mit Be­dro­hun­gen umzuge­hen: Ich denke mir das Furcht­barste aus, in der in­ständi­gen Hoff­nung, es möge nicht so furcht­bar wer­den. Das war schon in meiner Kind­heit so. Der Nach­bar hat sich mit dem Sch­lachtschus­s­ap­pa­rat er­schossen. Auf meine Frage nach dem Warum hat meine Mut­ter gesagt, ich würde das nicht ver­ste­hen. So habe ich mir eben den Vor­gang in seiner schlimm­sten Form aus­gedacht. Und das hat mich einiger­maßen beruhigt.

Am 17. Dezember kam im The­ater in der Josef­s­tadt „Ana­tol“von Arthur Sch­nit­zler in einer Fas­sung von Ih­nen und Di­rek­tor Her­bert Föt­tinger her­aus. War Ihre Ar­beit schon vor der Op­er­a­tion abgeschlossen?

Nein. Bei Föt­tinger ist nie et­was abgeschlossen. Selbst nach der Pre­miere de­bat­tiert er über Szenen, die er anders machen hätte sollen. Er ist mit einer Flasche Grappa ins Spi­tal gekom­men und hat gesagt, dass dies eine schreck­liche Op­er­a­tion sei und er mit mir mitleide, aber wir müssten jetzt wirk­lich über die neue Fas­sung von „Ana­tol“de­bat­tieren. Ich habe ihn da­rauf aufmerk­sam gemacht, dass wir uns in der In­ten­sivs­ta­tion von Lainz befinden – und dass ich der Let­zten Ölung näher sei als einem guten Grappa.

Wie kam es dazu, Ana­tol als al­ten Mann über die amourösen Aben­teuer von einst nach­denken zu lassen?

Seit zehn Jahren gibt es zwis­chen Her­bert Föt­tinger und mir eine un­ver­brüch­liche Fre­und­schaft. Das ist am The­ater gar nicht so üblich. Die Er­dolchun­gen fin­den ja nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch dahin­ter. Ich habe treue Ver­hält­nisse sehr gerne. Föt­tinger und ich stre­iten über Theater­fra­gen, über Szenen, Sätze und einzelne Worte, aber grund­sät­zlich hal­ten wir zusam­men. Mein einziger Ein­wand gegen ihn lautet, er hat kein Benehmen. Er ruft schon um sieben Uhr Früh an, verzichtet auf eine Be­grüßung und fängt mit er­höhter Laut­stärke über eine Szene zu disku­tieren an. Ich weiß nicht, wann der Mann schläft. Im konkreten Fall war es seine Idee, die Figur des Ana­tol mit einem äl­teren Schaus­pieler zu be­set­zen. Dann haben wir Wochen, um nicht zu sagen Monate im­mer wieder über die Kon­se­quenz dieser Entschei­dung de­bat­tiert und was das für das Stück be­deuten würde. Und da­raus ist eine gemein­same Fas­sung ent­standen.

Ana­tol sitzt in einem ver­fal­l­enen Tanz­palast der Belle Epoque und übergibt seinem Fre­und Max eine Schachtel mit Mem­o­ra­bilia. Die Erin­nerun­gen wer­den lebendig.

In der Ver­sion, die ent­standen ist, weiß man nicht mehr ganz ge­nau, was dieser Ana­tol wirk­lich er­lebt hat und was Ange­berei im Nach­hinein ist. Ab einem gewis­sen Al­ter wer­den aus den Sch­merzen der Liebe die Aben­teuer der Liebe, be­gin­nen die Verk­lärun­gen und man taucht sich selbst in ein gün­stiges Licht. Dieser Selb­st­be­trug muss für das Pub­likum durch­schaubar gemacht wer­den, und das macht den Reiz dieser Auf­führung, dieser Ver­sion aus. Es gibt eine völ­lig neue Szene, bei der wir den Lauf der Liebes­dinge in ihr Ge­gen­teil verkehren: Bei Sch­nit­zler ist der Mann ständig hin­ter den Frauen her, bei uns fordern die Frauen auf eine di­rekte und scham­lose Weise ihr Recht auf Sex­u­al­ität ein, sie über­fallen Ana­tol, er kommt damit über­haupt nicht zu­rande. Und damit sind wir im Ge­gen­wär­ti­gen.

Warum dieser Ein­griff?

Man hat im­mer das Ge­fühl, die Sch­nit­zler’schen Geschöpfe müssen früher oder später geheiratet wer­den, um über­leben zu kön­nen. Sie machen da­her mit ihren Kava­lieren ein paar Par­cours-übun­gen für die Ehe. Heute kom­men die Frauen ökonomisch auch selbst durchs Leben. Es bleibt nur die Sehn­sucht zueinan­der. Und da herrscht größere Waf­fen­gle­ich­heit zwis­chen den Geschlechtern als in den Sch­nit­zler-stücken.

Ist Ana­tol ein Don Juan?

Der Don Juan will ja et­was, er will Sex mit Frauen. Beim Ana­tol habe ich eher das Ge­fühl, wenn die Frauen dazu bereit sind, will er es eigentlich nicht mehr. Er ist un­fähig zu lieben. Er kann nur nicht genug von dieser Un­fähigkeit kriegen. Dieser Mann kommt nie zum Ziel, er ver­folgt nur ständig eines.

Verkör­pert er eine männliche Grun­deigen­schaft?

Ich denke schon. Viele Män­ner hal­ten ein bes­timmtes Maß an Glück auf Dauer nicht aus. Wenn ich weit in die Ver­gan­gen­heit zurück­denke, erin­nere ich mich an Beziehun­gen, in de­nen ich das Beste­hende tor­pediert habe, bis es zer­stört war. Die Frauen sind auf ihre Art ver­rückt – und bei den Män­nern ist es das Näm­liche. Da kann man nur sein Antlitz ver­hüllen.

Ana­tol will gefallen. Wur­den Sie nicht Schrift­steller, um den Frauen im­ponieren zu kön­nen?

Selb­stver­ständlich. Man bet­telt ein Leben lang um die „Fut-gnade“, wie wir in Kärn­ten gesagt haben. Man kann es natür­lich auch wie Goethe aus­drücken: „Das Ewig-weib­liche, zieht uns hi­nan.“Ich kenne kein an­deres Mo­tiv für die Dichterei, außer den Tantiemen. Aber das er­stere ist edler. Bei mir war ja der dies­bezügliche Beginn eher tragisch. Wenn man in einem Kärnt­ner Dorf um 1960 herum­mit 15 Jahren einem Mäd­chen mit Gedichten im­ponieren will, ist man ein­fach am falschen Ort. Ich hätte es vielle­icht mit Gin-fizz ver­suchen sollen. Aber weil dieser Im­ponierungsver­such mit Gedichten damals schmäh­lich miss­lun­gen ist, habe ich die Sache im­mer weit­er­getrieben. Buch um Buch. Bis zum heuti­gen Tag ist mir die Mei­n­ung der Frauen über meine Ar­beit wichtiger als die der Män­ner.

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