Vor 100 Jah­ren starb Kai­ser Franz Jo­seph I.

Wir be­schrei­ben in die­ser KU­RI­ER-HIS­TO­RY-Aus­ga­be Ös­ter­reichs längst­die­nen­den Mon­ar­chen in all sei­nen Wi­der­sprü­chen: In jun­gen Jah­ren un­be­liebt, brach­te er es im Al­ter zu un­ver­gleich­li­cher Po­pu­la­ri­tät. Er lieb­te sei­ne Si­si, hat­te aber ei­ne Rei­he von Af­fä­re

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Editorial - Ge­org.mar­kus@ku­ri­er.at

RA­SUR.

Kai­ser Franz Jo­seph wur­de­je­den Mor­gen von sei­nem Leib­bar­bier No­vak ra­siert. Wäh­rend ei­ner sol­chen Pro­ze­dur frag­te der Fri­seur, ob Sei­ne Ma­jes­tät ihm in ei­ner An­ge­le­gen­heit hel­fen könn­te: Sein Sohn hät­te die Ein­be­ru­fung in die k. k. Ar­mee er­hal­ten, doch er wür­de ihn drin­gend im Ge­schäft brau­chen. „Mein lie­ber No­vak“, sag­te der Kai­ser, „da bin ich macht­los. Aber viel­leicht ha­ben S’ an Be­kann­ten, der ein Feld­we­bel is’, der soll sich drum­küm­mern. “Ei­ne harm­lo­se Ge­schich­te, ge­wiss, aber An­ek­do­ten tref­fen mit­un­ter den Cha­rak­ter ei­ner Per­son recht gut. Die­se soll die Volks­tüm­lich­keit des Kai­sers zei­gen. Bei wel­chem an­de­ren Herr­scher hät­te es ein Hand­wer­ker ge­wagt, das Wort an die­sen zu rich­ten. Die An­ek­do­te soll aber auch zei­gen, dass der Kai­ser als Mensch wie du und ich ge­se­hen wur­de. Der er na­tür­lich nicht war. Und macht­los war er schon gar nicht. Franz Jo­seph ver­kör­per­te ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Mi­schung aus Glanz und Volks­tüm­lich­keit. Man konn­te ihn durch die Stra­ßen Wi­ens fah­ren se­hen, und doch war er je­der All­täg­lich­keit ent­ho­ben. Al­lein die Vor­stel­lung, dass es die Mon­ar­chie ein­mal oh­ne ihn ge­ben wür­de, schien ab­surd.

VER­HÄNG­NIS.

Ge­nau das soll­te ihr auch zum Ver­häng­nis wer­den. Denn als er wirk­lich nicht mehr da war und 1918 der Krieg ver­lo­ren ging, muss­te das Haus Habs­bur­gab­dan­ken. Staats­kanz­ler Karl Ren­ner ge­stand spä­ter in Be­zug auf die­se Si­tua­ti­on: „Eins muss ich schon sa­gen: Wenn der al­te Kai­ser noch ge­lebt hät­te, hät­ten wir uns das nicht ge­traut.“Als jun­ger Kai­ser war Franz Jo­seph ganz an­ders. Er re­gier­te mit har­ter Hand und war sehr un­be­liebt. Wie er über­haupt ein Mann vol­ler Ge­gen­sät­ze war. Wir be­schrei­ben ihn in die­ser KURIERHISTORY-Aus­ga­be aus An­lass sei­nes 100. To­des­ta­ges in all sei­nen Wi­der­dem sprü­chen: den ver­hass­ten jun­gen Kai­ser und den ge­lieb­ten al­ten. Den Kai­ser, der sei­ne Si­si lieb­te – und den­noch Af­fä­ren hat­te. Den Kai­ser, der spar­ta­nisch in ei­nem Ei­sen­bett schlief, des­sen Prun­k­ent­fal­tung bei Hof aber Un­sum­men ver­schlang. Den an­geb­lich fan­ta­sie­lo­sen Bü­ro­kra­ten, der ein be­gab­ter Zeich­ner war und die Weit­sicht hat­te, den Städ­ten sei­nes Reichs ein neu­es Ge­sicht zu ge­ben. Wir zei­gen ei­nen Kai­ser, der schon durch die lan­ge Zeit sei­ner Re­gent­schaft bis ins Heu­te nach­wirkt. Er hat ei­ne nach ihm be­nann­te lan­ge Frie­dens­epo­che ge­prägt, aber durch die fol­gen­schwers­te Un­ter­schrift sei­nes Le­bens den Ers­ten Welt­krieg aus­ge­löst, der das 20. Jahr­hun­dert in die Ka­ta­stro­phe stürz­te.

MEHR KAI­SER­WET­TER.

Den­noch über­wiegt in den Au­gen vie­ler Men­schen der po­si­ti­ve Blick auf die­sen Kai­ser. Zu de­nen, die ihn wirk­lich scharf kri­ti­sier­ten, zähl­te Karl Kraus, der be­reits in der ers­ten Fa­ckel-Aus­ga­be nach dem Zu­sam­men­bruch des Kai­ser­reichs Franz Jo­seph ei­nen „Staats-Fal­lot­ten“nann­te, „der stets mehr Kai­ser­wet­ter als Ver­stand hat­te, dem nichts er­spart blieb und der eben dar­um der Welt nichts er­spa­ren woll­te“. So har­te Wor­te sind spä­ter sel­ten über Franz Jo­seph ge­sagt oder ge­schrie­ben wor­den. Ob­wohl von Hun­der­ten Die­nern und Hof­be­am­ten um­ge­ben, fühl­te sich der Kai­ser ein­sam, wie ein Ge­fan­ge­ner im gol­de­nen Kä­fig, was er Jour­na­lis­ten Ema­nu­el Sin­ger so er­klär­te: „Sie ha­ben’s gut, Sie kön­nen ins Kaf­fee­haus ge­hen!“Viel­leicht ist der Kai­ser des­halb so alt ge­wor­den, weil er ahn­te, dass mit ihm al­les ster­ben wür­de, das für ihn be­deut­sam war. Das Reich, die herr­schen­de Dy­nas­tie, aber auch die ihm wich­ti­gen Wer­te wie An­stand und Red­lich­keit. Und so lässt sich sein ge­flü­gel­tes Wort, dass ihm nichts er­spart­blieb, durch­aus wi­der­le­gen, denn was im 20. Jahr­hun­dert noch al­les kam, war das Al­ler­schlimms­te, das pas­sie­ren konn­te. Und das ist ihm doch er­spart ge­blie­ben.

„Sie ha­ben’s gut, Sie kön­nen ins Kaf­fee­haus ge­hen“:

Ge­org Mar­kus

schrieb die­se

KU­RI­ER-HIS­TO­RY

Aus­ga­be zum 100. To­des­tag von Kai­ser Franz Jo­seph

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