LIE­BE AUF DEN ERS­TEN BLICK

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Franzl und Si­si sind das Traum­paar des Jahr­hun­derts

Ei­ne Fan­ta­sie-Sze­ne, die es in Wirk­lich­keit so nicht ge­ge­ben hat: Prin­zes­sin Eli­sa­beth wird von ih­rem Ver­lob­ten, Kai­ser Franz Jo­seph, über den Starn­ber­ger See in Rich­tung ih­rer neu­en Hei­mat Ös­ter­reich ge­ru­dert. Und als ob die Idyl­le noch nicht groß ge­nug wä­re, spielt Her­zog Max in Bay­ern, der Va­ter der Braut, zum Ab­schied ein Lied auf sei­ner ge­lieb­ten Zit­her. Im Hin­ter­grund sieht man Schloss Pos­sen­ho­fen, auf dem Si­si auf­ge­wach­sen ist.

EI­NE GU­TE PAR­TIE. Die Be­trof­fe­nen hat man in je­nen Ta­gen nicht ge­fragt, ob ih­nen die­se Prin­zes­sin oder je­ner Prinz ge­fal­len oder nicht. Ge­hei­ra­tet wur­de, wer der Fa­mi­lie Ein­fluss und Reich­tum brach­te, das Wort Lie­be exis­tier­te nicht. Je­den­falls war Kai­ser Franz Jo­seph als Eu­ro­pas be­gehr­tes­ter Jung­ge­sel­le mit sei­nen 23 Jah­ren „über­fäl­lig“, ei­ne gu­te Par­tie zu ma­chen, al­so hat­ten sei­ne Mut­ter So­phie und de­ren Schwes­terLu­do­vi­ka­ei­neHoch­zeit­ganz en fa­mil­le im Sinn: zwi­schen den oh­ne­hin schon viel­fach ver­wand­ten Habs­bur­gern und den Wit­tels­ba­chern. Doch es kam an­ders als ge­plant. Franz Jo­seph soll­te sei­ne Cou­si­ne He­le­ne, Ne­né­ge­ru­fen,hei­ra­ten,er­ver­lieb­te­sich aber in de­ren jün­ge­re Schwes­ter Si­si. Und zwar „auf den ers­ten Blick“.

FAST EIN KIND. An sie war in den Plä­nen der bei­den Müt­ter nicht ge­dacht wor­den. Eli­sa­beth, 15 Jah­re alt und eben erst ge­firmt, schrieb un­be­hol­fe­ne Ge­dich­te und wirk­te mit ih­rer zar­ten, noch kaum ent­wi­ckel­ten Fi­gur und ih­rem un­schul­di­gen Blick viel zu sehr wie ein Kind, um als Frau ei­nes mäch­ti­gen Mon­ar­chen in Be­tracht ge­zo­gen zu wer­den. Für den Som­mer 1853 war He­le­nes Zu­sam­men­tref­fen mit Franz Jo­seph ge­plant, im Zu­ge des­sen über­gangs­los zur Ver­lo­bung ge­schrit­ten wer­den soll­te. Die klei­ne Si­si durf­te mit­kom­men, ein­fachu­mam­gro­ßenF­reu­den­ta­gih­rer Schwes­ter­d­a­bei­zu­sein.Am16.Au­gust er­reich­ten die bei­den Fa­mi­li­en den be­lieb­ten Ku­r­ort Ischl.

KAI­SER ZUR UN­TER­MIE­TE. Es gab da­mals noch kei­ne „Kai­ser­vil­la“, So­phie und Franz Jo­seph lo­gie­ren zur Un­ter­mie­te im Haus Es­pla­na­de 10, das dem Isch­ler Bür­ger­meis­ter Wilhelm See­au­er ge­hör­te. Her­zo­gin Lu­do­vi­ka ist mit ih­ren Töch­tern He­le­ne und Si­si im be­nach­bar­ten Ho­tel Tal­la­chi­ni un­ter­ge­bracht. Franz Jo­seph war­tet im Sa­lon sei­ner „Som­mer­re­si­denz“. Und da kom­men sie auch schon: Ne­né be­müht sich, dem Kai­ser zu ge­fal­len, er fin­det sie auch nett und hübsch, meint je­doch, dass sie et­was zu har­te Zü­ge ha­be und steif in ih­ren Be­we­gun­gen sei. Ne­ben ihr er­scheint Si­si un­be­küm­mert und un­ver­krampft, sie be­wegt sich na­tür­lich, hat ein sü­ßes Lä­cheln auf den Lip­pen. Aber sie hat’s ja auch leich­ter, für sie geht es um nichts. Franz Jo­seph zeigt von der ers­ten Mi­nu­te an, wem sei­ne Sym­pa­thie ge­hört. Er geht auf Si­si zu, un­ter­hält sich mit ihr, und al­le An­we­sen­den be­mer­ken, dass er nur sie im Au­ge hat: ih­re zar­te Fi­gur, ihr Haar, die na­tür­li­che Art, sich zu be­we­gen. Man geht zu Tisch, das Es­sen wird auf­ge­tra­gen. Si­si sitzt am an­de­ren En­de der Ta­fel und sagt zu ih­rer Kam­mer­frau: „Ne­né hat es gut, sie hat schon so vie­le Leu­te ge­se­hen, aber ich nicht. Mir ist so ban­ge, dass ich nicht es­sen kann.“

Am­nächs­tenTag­sitz­tSo­phie­mitFranz Jo­seph beim Früh­stück, der so­fort von Si­si zu schwär­men be­ginnt. Spä­ter, beim ge­mein­sa­men Di­ner, wen­det sich der Kai­ser nur Si­si zu, spricht kein Wort mit Ne­né, ob­wohl sie sei­ne Sitz­nach­ba­rin ist. Die klei­ne Eli­sa­beth trifft die Si­tua­ti­on völ­lig un­vor­be­rei­tet. Sie ist auf­ge­regt, ge­nießt es aber, dem Kai­ser zu ge­fal­len.

DER ERS­TE TANZ. Für die­sen Abend ist ein Ball an­ge­sagt, bei dem Franz Jo­seph Si­si gleich drei Mal zum Tanz auf­for­dert. Als er ihr dann noch ei­nen wun­der­schö­nen Blu­men­strauß über­reicht, ist al­len Ball­gäs­ten klar, wer die Au­ser­wähl­te ist – nur Si­si will noch im­mer nicht wahr­ha­ben, dass sie der Kai­ser von Ös­ter­reich hei­ra­ten möch­te. Der nächs­te Tag ist der 18. Au­gust 1853, Franz Jo­sephs 23. Ge­burts­tag. Nach ei­ner klei­nen Spa­zier­fahrt bit­tet Franz Jo­seph sei­ne Mut­ter, bei ih­rer Schwes­ter Lu­do­vi­ka zu son­die­ren, ob Si­si be­reit sei, ihn zu hei­ra­ten. Ei­ne Ver­bin­dung mit He­le­ne wä­re Franz Jo­sephs Mut­ter wohl lie­ber ge­we­sen, weil ei­ne Kai­se­rin in ih­ren Au­gen ei­ne fer­ti­ge, rei­fe Frau zu sein hat. So­phie kri­ti­siert auch, „dass Si­si gel­be Zäh­ne hat“. An­de­rer­seits ist die Hei­rat kein dy­nas­ti­sches Pro­blem, letzt­lich spielt es kei­ne Rol­le, wel­che der bei­den Schwes­tern Kai­se­rin wird. Haupt­sa­che, die Ehe wird mit ei­ner An­ge­hö­ri­gen des baye­ri­schen Kö­nigs­hau­ses ge­schlos­sen.

Die Mut­ter des Kai­sers pil­gert al­so zu ih­rer Schwes­ter und spricht aus, wo­von oh­ne­hin schon halb Ischl re­det: Kai­ser Franz Jo­seph will um Prin­zes­sin Eli­sa­beths Hand an­hal­ten. Her­zo­gin Lu­do­vi­ka wie­der­um fragt ih­re jüngs­te Toch­ter, ob sie den Kai­ser lie­ben kön­ne, wor­auf die­se un­ter Trä­nen sagt: „Ja, wie soll­te man die­sen Mann denn nicht lie­ben kön­nen? Aber ich bin ja so jung, so un­be­deu­tend.“Lu­do­vi­ka schickt ih­rer Schwes­ter ein paar Zei­len mit Si­sis Zu­sa­ge, der Kai­ser ist au­ßer sich­vor­Glück,stürm­tam­nächs­tenTag in al­ler Frü­he zu Si­si, um­armt und küsst sie. Auch sie ist glück­lich, ahnt aber den Kum­mer ih­res Le­bens schon vor­aus, als sie ih­rer Gou­ver­nan­te an­ver­traut: „Ich ha­be ihn so lieb. Wenn er nur kein Kai­ser wä­re!“

VER­LO­BUNG. Noch an die­sem Sonn­tag, dem 19. Au­gust 1853, er­folgt die Ver­lo­bung. Be­vor dann in Wi­en ge­hei­ra­tet wird, stat­tet Kai­ser Franz Jo­seph sei­ner Braut und de­ren El­tern noch drei Be­su­che in Pos­sen­ho­fen und Mün­chen ab. Aus Mün­chen schreibt er am 17. Ok­to­ber 1853 an sei­ne Mut­ter nach Wi­en: „Al­le Ta­ge lie­be ich Si­si mehr, und im­mer über­zeu­ge ich mich mehr, dass kei­ne für mich bes­ser pas­sen kann als sie.“Und dann, um So­phie zu be­ru­hi­gen: „Sie hat auch schon ganz wei­ße Zäh­ne.“Die Trau­ung fin­det am 24. April 1854 in Wi­en statt. Vor­her müs­sen aber noch ei­ni­ge Hin­der­nis­se aus dem Weg ge­räumt wer­den. Braut und Bräu­ti­gam sind Cou­sins ers­ten Gra­des, nicht ge­nug da­mit, ist die Ehe zwi­schen Franz Jo­seph und Eli­sa­beth die zwei­und­zwan­zigs­te (!) zwi­schen den Häu­sern Habs­burg und Wit­tels­bach. Was auch da­mals schon „Nor­mal­sterb­li­chen“un­ter­sagt wor­den wä­re, wird hier ge­stat­tet: Der Papst drückt bei­de Au­gen zu und er­teilt die Di­s­pens, und na­tür­lich fin­den auch die ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den Grün­de für ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung. Wäh­ren­dKai­serFran­zJo­seph­dieFra­ge des Wie­ner Kar­di­nals Rau­scher, ob er Eli­sa­beth ehe­li­chen möch­te, in der Au­gus­ti­ner­kir­che mit ei­nem lau­ten und deut­li­chen „Ja“be­ant­wor­tet, klingt Eli­sa­beths Zu­stim­mung so zart und lei­se, dass sie von den meis­ten Gäs­ten kaum ver­stan­den wird. Als hät­te sie da­mals schon ge­ahnt, wie viel Leid die­se Ver­bin­dung zur Fol­ge ha­ben wür­de.

„Wenn er nur kein Kai­ser wä­re“: Aus­fahrt Franz Jo­sephs mit Prin­zes­sin Eli­sa­beth in Bay­ern am 19. Au­gust 1853, dem Tag der Ver­lo­bung, in Ischl

Ein lau­tes und ein lei­ses „Ja“: Franz Jo­sephs und Eli­sa­beths Hoch­zeit am 24. April 1854 in der Wie­ner Au­gus­ti­ner­kir­che. Die Trau­ung lei­tet Kar­di­nal Oth­mar von Rau­scher

Eli­sa­beth war ei­ne be­geis­ter­te Rei­te­rin. Ein Bild­nis mit Kai­ser Franz Jo­seph um 1878

Eli­sa­beth mied die Öf­fent­lich­keit und ver­steck­te sich gern hin­ter ei­nem ih­rer

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