AUF DEM WEG ZUM KAI­SER

Er kam durch ei­ne schwe­re Zan­gen­ge­burt zur Welt. Sie dau­er­te 43 St­un­den und war für sei­ne Mut­ter kaum er­träg­lich. Aber dann ent­wi­ckelt sich der klei­ne Erz­her­zog Franz Jo­seph sehr gut. Er ist ge­sund, hat ein son­ni­ges We­sen und ein hüb­sches Ge­sicht. Ei­ne mi

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Die Ju­gend­jah­re des Lang­zeit­herr­schers

EIN SOHN! „Es ist ein Sohn!“Am kai­ser­li­chen Hof spricht sich die Nach­richt im Eil­tem­po her­um, und auch die Be­völ­ke­rung er­fährt durch 21 Ka­no­nen­schüs­se da­von, dass die Erz­her­zo­gin So­phie an die­sem 18. Au­gust 1830 im Schloss Schön­brunn ei­nen Bu­ben zur Welt brach­te. Es ist ei­ne schwe­re, für die Mut­ter fast un­er­träg­lich schmerz­haf­te Ge­burt, die 43 St­un­den dau­ert und durch die La­ge des Kin­des mit­hil­fe ei­ner Zan­ge durch­ge­führt wer­den muss. Die vier an­we­sen­den Ärz­te stel­len gleich fest, dass das Kind ge­sund zu sein scheint, der Hin­ter­kopf je­doch in­fol­ge der Zan­ge ver­letzt wur­de.

FRANZ JO­SEPH KARL Der klei­ne Prinz er­hält die Na­men Franz Jo­seph Karl, be­nannt nach drei gro­ßen Kai­sern der Dy­nas­tie, und sein Groß­va­ter, Kai­ser Franz I., stellt sich mit Freu­de als Tauf­pa­te zur Ver­fü­gung. Der Kai­ser ord­net auch gleich an, dass bei Aus­fahr­ten des Klei­nen sechs Pfer­de vor den Wa­gen zu span­nen sei­en, um die be­son­de­re Stel­lung des Kn­a­ben in­ner­halb der Fa­mi­lie zu un­ter­strei­chen.

FRAN­ZIS PER­SO­NAL Der so­gleich ge­bil­de­ten „Kinds­kam­mer“ge­hö­ren nun ne­ben der Er­zie­he­rin Loui­se von Sturm­fe­der ei­ne Kinds­frau, ein Kinds­mäd­chen, zwei Lei­bla­kai­en, ei­ne Kinds­kö­chin, ei­ne Kü­chen­magd und zwei „Kam­mer­wei­ber“an. Letz­te­re wur­den zur Ver­rich­tung nied­ri­ger Tä­tig­kei­ten ein­ge­stellt. In den ers­ten Wo­chen herrscht Be­sorg­nis um die Ge­sund­heit des Klei­nen,

da die Kopf­ver­let­zun­gen nicht hei­len wol­len. Das Kind wird nie in Ru­he ge­las­sen, stän­dig kom­men Ärz­te und bren­nen die Wun­den des Klei­nen mit Höl­len st­ein .„ Das Kind des ärms­ten Tag löh­ners wird nicht so ge­quält wie die­se kai­ser­li­che Ho­heit“, schreibt die Er­zie­he­rin Loui­se Sturm­fe­der in ih­ren Er­in­ne­run­gen. Ein Mo­nat ver­geht, bis Franz Jo­seph bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren das ers­ten Mal ins Freie ge­las­sen wird. Von da an läuft al­les zur volls­ten Zuf­rie­den­heit. Der Bub ent­wi­ckelt sich präch­tig und sei­ne über­glück­li­che Mut­ter – die jetzt schon meh­re­re Bräu­te für ihn im Kö­cher hat – lässt ihn in je­der Pha­se sei­ner Ent­wick­lung von den bes­ten Hof-Ma­lern por­trä­tie­ren, da sie über­zeugt da­von ist, dass er ein­mal Kai­ser sein wür­de. Franz Jo­seph Karl hat ein hüb­sches Ge­sicht, ein son­ni­ges We­sen, er lacht viel und ger­ne.

FRAN­ZIS PER­SO­NAL Auf dem Bild links des zwei­jäh­ri­gen Erz­her­zogs, das von Fer­di­nand Ge­org Wald­mül­ler­stammt, hält Fran­zi in ei­ner Hand ei­nen Sol­da­ten, in der an­de­ren ein Spiel­zeug­ge­wehr. So wächst Franz Jo­seph be­reits als Klein­kind auf, und im Volks­schul­al­ter be­ginnt dann die ernst­haf­te mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Na­po­le­ons Sohn, der Her­zog von Reich­stadt, lebt in der Zeit, als Franz Jo­seph groß wird, in Wi­en und be­ob­ach­tet sein Her­an­wach­sen sehr ge­nau. „Er ist ein krie­ge­ri­scher klei­ner Fürst“, sagt der Her­zog zur Ba­ro­nin Sturm­fe­der, „weil er un­ter den Trom­meln der Burg­wa­che auf­wächst.“Tat­säch­lich ist die Leib­gar­de der kai­ser­li­chen Fa­mi­lie im Schlaf­ge­mach des klei­nen Erz­her­zogs in der Hof­burg deut­lich ver­nehm­bar und von sei­nen Fens­tern aus zu se­hen.

BE­GEIS­TER­TER OF­FI­ZIER. So darf es nicht ver­wun­dern, dass der künf­ti­ge Kai­ser ein be­geis­ter­ter Of­fi­zier wird. Krieg gilt da­mals oft als ein­zi­ger Aus­weg im Fal­le staat­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Ne­ben dem„ Ex­er­zie­ren“wird laut Franz Jo­sephs „St­un­den-Eint­hei­lung“aus dem Jahr 1836 auf gründ­li­che re­li­giö­se Er­zie­hung, auf das Er­ler­nen mög­lichst vie­lerSp ra­chen–vor al­lem der­je­ni­gen,die in­der Mon­ar­chie ge­spro­chen wer­den –, auf Geo­gra­fie, Schrei­ben und Zeich­nen wert ge­legt. Erz­her­zo­gin So­phie über­wacht per­sön­lich die Aus­bil­dung ih­rer Söh­ne, die von aus­ge­such­ten Pri­vat­leh­rern be­sorgt wird.

Der 3-jäh­ri­ge Franz Jo­seph, ge­zeich­net von Mo­ritz Daf­fin­ger

Mi­li­tä­risch auf­ge­wach­sen: Franz Jo­seph spiel­te als klei­ner Bub mit Sol­da­ten und ei­nem Ge­wehr (oben). Auf sei­ne Aus­bil­dung wur­de schon sehr früh Wert ge­legt: „St­un­den-Eint­hei­lung“des 6-Jäh­ri­gen (un­ten)

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