VER­LO­RE­NE SCHLACH­TEN

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Sol­fe­ri­no und Kö­nig­grätz sind mi­li­tä­ri­sche Plei­ten

Der Kai­ser war al­les an­de­re als ein gro­ßer Feld­herr und er­litt in Sol­fe­ri­no ei­ne per­sön­li­che Nie­der­la­ge. Kö­nig­grätz wur­de zum Sym­bol des Un­ter­gangs. Ein­zig Ad­mi­ral Te­gett­hoff und Feld­mar­schall Ra­detz­ky blie­ben in Schlach­ten wie Lis­sa, Custo­za und No­va­ra sieg­reich.

AUF DER SCHMELZ. Der al­te Ge­ne­ral konn­te es nicht fas­sen. Jah­re­lang hat­te sich die k. k. Ar­mee auf der Schmelz, dem Exer­zier­platz in der Wie­ner Vor­stadt, auf ei­nen Krieg vor­be­rei­tet, bis es dann 1859 „end­lich“so weit war. Doch lei­der wur­den Ös­ter­reichs Trup­pen bei Sol­fe­ri­no ver­nich­tend ge­schla­gen. Als der Ge­ne­ral da­von er­fuhr, schüt­tel­te er re­si­gnie­rend den Kopf: „Völ­lig un­ver­ständ­lich! Wo ’s doch auf der Schmelz im­mer so gut g’an­gen is’“. Ei­ne be­rühm­te An­ek­do­te, die ei­ne sehr ös­ter­rei­chi­sche Si­tua­ti­on schil­dert: Die „stol­ze Ar­mee“der Mon­ar­chie hat zwar manch glor­rei­chen Tri­umph da­von­ge­tra­gen, aber noch mehr Nie­der­la­gen. Län­der wur­den er­obert – und wie­der ver­lo­ren. Bis dem Haus Habs­burg am Schluss al­les ab­han­den kam. Sol­fe­ri­no war nicht ir­gend­ei­ne ver­lo­re­ne Schlacht, sie hat auch Franz Jo­sephs Po­si­ti­on als Obers­ter Kriegs­herr schwer be­schä­digt. Der Kai­ser war Sol­dat mit Lei­bun­dSee­le,aber„ein­lei­ten­derMi­li­tär war er nicht, da­zu fehl­ten ihm die tief grei­fen­denFach­kennt­nis­se“,mein­te­sein Flü­ge­l­ad­ju­tant Al­bert von Mar­gut­ti.

VER­SÄUM­NIS­SE. Kai­ser Franz Jo­seph und sei­ne Be­ra­ter hat­ten es ver­ab­säumt, das Heer auf je­nen tech­ni­schen Stand zu brin­gen, das dem 19. und be­gin­nen­den 20. Jahr­hun­dert ent­spro­chen hät­te. Die Ar­me­en der künf­ti­gen Feind­staa­ten rüs­te­ten mit mo­der­nen Waf­fen auf, wäh­rend die k. k. Streit­kräf­te um Jahr­zehn­te hin­ter­her­hink­ten. Das war nicht nur in Sol­fe­ri­no bei Man­tua zu spü­ren, wo die Mon­ar­chie im Kampf ge­gen Frank­reich und Ita­li­en die Lom­bar­dei und Mai­land ver­lor. Franz Jo­seph hät­te er­ken­nen müs­sen, dass es ne­ben der Ar­mut wei­ter Tei­le der Be­völ­ke­rung und den un­ge­lös­ten Na­tio­na­li­tä­ten­pro­ble­men vor al­lem die blu­ti­gen Feld­zü­ge wa­ren, die den Un­ter­gang de­s­Reichs­be­schleu­nig­ten.Krie­ge­wa­ren in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts längst ein Anachro­nis­mus und hät­ten viel­fach ver­mie­den wer­den kön­nen. Ab­ge­se­hen von der mo­ra­li­schen Ver­ant­wor­tung, Hun­dert­tau­sen­de Men­schen­le­ben aufs Spiel zu set­zen, war es für ein auf­stre­ben­des In­dus­trie­land auch wirt­schaft­lich un­ge­schickt, so viel Geld in sinn­lo­se Ge­met­zel zu ste­cken. Sie­ben Jah­re nach Sol­fe­ri­no folg­te die Schlacht von Kö­nig­grätz, bei der die kai­ser­li­chen Trup­pen ein­mal mehr –

dies­mal von Preu­ßen – ge­schla­gen wur­den. Sol­fe­ri­no und Kö­nig­grätz brach­ten Ös­ter­reich nicht nur den Ver­lust wich­ti­ger Ge­bie­te, son­dern auch den Aus­schluss aus dem Deut­schen Bund. Die k. k. Ar­mee soll­te aber auch glor­rei­che St­un­den er­le­ben – ei­ne da­von am 20. Ju­li 1866 in der See­schlacht von Lis­sa, bei der Kon­ter­ad­mi­ral Wilhelm von Te­gett­hoff die tech­nisch und zah­len­mä­ßig weit über­le­ge­ne ita­lie­ni­sche Ar­ma­da ver­nich­tend schlug.

VE­NE­DIG VER­LO­REN. Durch Lis­sa hat­te die Mon­ar­chie – nur zwei Wo­chen nach Kö­nig­grätz – ei­ne wich­ti­ge mo­ra­li­sche Stär­kung er­fah­ren. Und doch: Ad­mi­ral Te­gett­hoffs mi­li­tä­ri­sche Leis­tung wur­de durch un­klug agie­ren­de Po­li­ti­ker und Di­plo­ma­ten zu­nich­te ge­macht, da im Frie­dens­ver­trag ver­ein­bart wur­de, dass Ös­ter­reich nun zu­guns­ten Ita­li­ens auf Ve­ne­ti­en ver­zich­ten wür­de. Es war da­mit die un­glaub­li­che Si­tua­ti­on ein­ge­tre­ten, dass Ös­ter­reich die Schlacht von Lis­sa ge­won­nen und da­mit Ve­ne­dig ver­lo­ren hat­te.

RA­DETZ­KY. Ei­ne Aus­nah­me­er­schei­nung als Mi­li­tär war auch der Feld­mar­schall Jo­seph Wen­zel Graf Ra­detz­ky, der selbst im Al­ter von 80 Jah­ren noch für die k. k. Ar­mee die sieg­rei­chen Schlach­ten bei San­ta Lu­cia, Vi­cen­za, Custo­za und No­va­ra schlug. Er starb 91-jäh­rig, von Kai­ser Franz Jo­seph hoch de­ko­riert, im Jahr 1858. So dra­ma­tisch die Fol­gen von Sol­fe­ri­no für die Mon­ar­chie auch wa­ren, hat die blu­ti­ge Schlacht letzt­lich ei­nen Sieg der Men­sch­lich­keit ge­bracht: Die grau­sa­men Ge­scheh­nis­se führ­ten zur Grün­dung des Ro­ten Kreu­zes, ei­ner der gro­ßen hu­ma­ni­tä­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen der Welt. Der aus Genf stam­men­de Kauf­mann Hen­ry Dun­ant war durch Zu­fall Au­gen­zeu­ge von Sol­fe­ri­no ge­wor­den und rich­te­te, „da die Men­schen fort­fah­ren, sich ge­gen­sei­tig zu tö­ten, oh­ne sich zu has­sen“ei­nen dra­ma­ti­schen Ap­pell an die Welt: „Wä­re es nicht mög­lich, frei­wil­li­ge Hilfs­ge­sell­schaf­ten zu grün­den, de­ren Zweck es ist, die Ver­wun­de­ten in Kriegs­zei­ten zu pfle­gen?“Von An­fang an dach­te er an ei­ne pri­va­te Or­ga­ni­sa­ti­on, bei der we­der Na­tio­na­li­tät noch Ras­se oder Re­li­gi­on ei­ne Rol­le spie­len durf­ten. Ein ro­tes Kreuz auf wei­ßem Grund soll­te zum Sym­bol der Men­sch­lich­keit wer­den.

Ei­ne gro­ße per­sön­li­che Nie­der­la­ge für Kai­ser Franz Jo­seph (Mit­te des Bil­des oben), der in der Schlacht bei Sol­fe­ri­no im Ju­ni 1859 selbst den Ober­be­fehl über­nom­men hat­te

Feld­mar­schall Jo­seph Wen­zel Graf Ra­detz­ky war ei­ner der we­ni­gen er­folg­rei­chen Feld­her­ren in Franz Jo­sephs lan­ger Re­gie­rungs­zeit

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