PRO­BLE­ME MIT DEM KLEI­NEN BRU­DER

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Lud­wig Vik­tor ist ho­mo­se­xu­ell und muss ins Exil

Franz Jo­seph hat­te drei Brü­der: Ma­xi­mi­li­an, Karl Lud­wig und Lud­wig Vik­tor. Sie spiel­ten in der Hier­ar­chie des Hau­ses Habs­burg un­ter­ge­ord­ne­te Rol­len. Ma­xi­mi­li­an frei­lich war Kai­ser von Me­xi­ko, Karl Lud­wig der Groß­va­ter des letz­ten Kai­sers. Und Lud­wig Vik­tor fiel als Au­ßen­sei­ter auf.

IN FRAU­EN­KLEI­DERN. Es war in der Mon­ar­chie ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass des Kai­sers jüngs­ter Bru­der Lud­wig Vik­tor sei­ne ho­mo­se­xu­el­len Nei­gun­gen aus­leb­te. Wie Fürs­tin No­ra Fug­ger in ih­ren Me­moi­ren schreibt, war das Ver­hal­ten des Erz­her­zogs in ei­nem öf­fent­li­chen Bad be­kannt ge­wor­den, als er sich ei­nem jun­gen Mann ge­nä­hert hat­te, wor­auf Lud­wig Vik­tor „ge­ohr­feigt wur­de und es zu ei­nem Hand­ge­men­ge kam“. Der Skan­dal sprach sich in Wi­en her­um, wor­auf dem Kai­ser – um we­nigs­tens in der Haupt­stadt grö­ße­res Auf­se­hen zu ver­mei­den – nichts an­de­res üb­rig blieb, als sei­nen Bru­der ins Exil nach Salz­burg zu schi­cken, wo er auf Schloss Kleß­heim leb­te. So­wohl in Wi­en als auch in Salz­burg sprach sich rasch her­um, dass „Lut­zi­wut­zi“, wie er ge­nannt wur­de, sich ger­ne in Frau­en­klei­dern zeig­te.

UN­AN­GE­NEH­ME ZWI­SCHEN­FÄL­LE. „Im Schloss Kleß­heim herrsch­te seit eh und je, wenn der Erz­her­zog Re­si­denz hielt, re­ges ge­sell­schaft­li­ches Le­ben, an dem auch die Of­fi­zie­re mei­nes Re­gi­ments An­teil hat­ten“, schreibt Ge­ne­ral Ed­mund Glai­se von Hors­ten­au in sei­nen Le­ben­s­er­in­ne­run­gen über die Zeit, als er als jun­ger Sol­dat in Salz­burg sta­tio­niert war. „Die ers­te Of­fi­ziers­ver­samm­lung, die ich mit­mach­te, bot ei­ne selt­sa­me Über­ra­schung. Der Oberst ver­kün­de­te, Ein­la­dun­gen nach Kleß­heim sei­en in Hin­kunft un­ter dem Vor­wand ei­ner Übung oder der­glei­chen ab­zu­leh­nen“, zu­mal es „auch in Bä­dern zu un­an­ge­neh­men Zwi­schen­fäl­len ge­kom­men war“. Den­noch gab es wei­ter­hin „im­mer wie­der Ein­la­dun­gen beim Erz­her­zog. Ich war bald un­ter den Aus­ge­zeich­ne­ten … Aber ich möch­te nicht be­haup­ten, dass die Si­tua­ti­on für zwei jun­ge Of­fi­zie­re, wenn sie al­lein beim Erz­her­zog ge­la­den wa­ren, an­ge­nehm ge­we­sen ist. Man dach­te nach, wie man sich ge­gen des Kai­sers Bru­der ver­hal­ten soll­te, wenn …“Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand er­teil­te Of­fi­zie­ren, die in Kleß­heim ver­kehr­ten, ei­nen stren­gen Ver­weis. „In Hin­kunft“, warn­te er, „wür­de die An­nah­me ei­ner sol­chen Ein­la­dung un­be­dingt ei­ne eh­ren­rät­li­che Un­ter­su­chung nach sich zie­hen.“Man muss be­den­ken, dass das Aus­le­ben der Ho­mo­se­xua­li­tät in der Mon­ar­chie mit mehr­jäh­ri­gen Ker­ker­stra­fen ge­ahn­det wur­de.

EI­NE BAL­LE­RI­NA ALS AD­JU­TANT. Ob­wohl er am Hof ein Au­ßen­sei­ter war, trug sich sein um zehn Jah­re äl­te­rer und kin­der­los ge­blie­be­ner Bru­der Ma­xi­mi-

li­an zeit­wei­se mit dem Ge­dan­ken, Lud­wig Vik­tor als sei­nen Thron­fol­ger in Me­xi­ko ein­zu­set­zen. Franz Jo­seph – der per­sön­lich ein gu­tes Ver­hält­nis zu Lud­wig Vik­tor hat­te – re­agier­te auf des­sen Ho­mo­se­xua­li­tät auf sei­ne Wei­se. Als im­mer wie­der Nach­rich­ten über „Lut­zi­wut­zis“Af­fä­ren an des Kai­sers Ohr dran­gen, soll Franz Jo­seph ge­sagt ha­ben: „Man müss­te ihm als Ad­ju­tan­ten ei­ne Bal­le­ri­na ge­ben, dann könnt nix pas­sie­ren.“ Erz­her­zog Karl Lud­wig war Franz Jo­sephs drit­ter Bru­der ne­ben Ma­xi­mi­li­an und Lud­wig Vik­tor. Auch er fand bei Hof we­nig Be­ach­tung und be­saß kei­ne be­son­de­ren Ta­len­te. Zeit­wei­se als Statt­hal­ter von Ti­rol und Vor­arl­berg ein­ge­setzt, stand er nach der Tra­gö­die von May­er­ling bis zu sei­nem Tod im Jahr 1896 an ers­ter Stel­le der Thron­fol­ge. Zu der ein­zi­gen Be­deu­tung, die ihm (post­hum) zu­kam, ver­hal­fen ihm zwei sei­ner Nach­fah­ren: Sein äl­tes­ter Sohn Franz Fer­di­nand war bis zu sei­ner Er­mor­dung in Sa­ra­je­wo Thron­fol­ger der Do­nau­mon­ar­chie und sein Sohn Ot­to, „der schö­ne Ot­to“ge­nannt, war der Va­ter des letz­ten Kai­sers Karl I.

UN­TER KU­RA­TEL GE­STELLT. „Lut­zi­wut­zi“starb 1919 als Letz­ter der vier Brü­der. In den letz­ten Jah­ren sei­nes Le­bens stand er we­gen an­geb­li­cher Geis­tes­krank­heit un­ter der Auf­sicht ei­nes Ku­ra­tors.

Erz­her­zog Lud­wig Vik­tor (oben), der jüngs­te Bru­der des Kai­sers, zeig­te sich ger­ne in Frau­en­klei­dern (oben rechts)

Die vier Brü­der: Kai­ser Franz Jo­seph (sit­zend), Erz­her­zog Karl Lud­wig, Ma­xi­mi­li­an, der spä­te­re Kai­ser von Me­xi­ko, und Erz­her­zog Lud­wig Vik­tor, ge­nannt „Lut­zi­wut­zi“, der Au­ßen­sei­ter am kai­ser­li­chen Hof (ste­hend von links nach rechts)

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