DIE NACK­TE KAI­SE­RIN

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Ein Hol­län­der er­s­presst den Kai­ser

In den letz­ten Ta­gen des Jah­res 1872 er­hielt Kai­ser Franz Jo­seph ei­nen Er­pres­ser­brief, in dem ihm ge­droht wur­de, Nackt­fo­tos sei­ner Ge­mah­lin Eli­sa­beth zu ver­öf­fent­li­chen, falls er nicht be­reit wä­re, die Sum­me von 3000 fran­zö­si­schen Francs zu be­zah­len.

DIE ER­PRES­SUNG. Wer hät­te das für mög­lich ge­hal­ten. Als der Kai­ser am 22. De­zem­ber 1872 in­der Wie­ner Hof­burg sei­ne Post öff­net, kann er sei­nen Au­gen nicht trau­en. Denn in ei­nem der Ku­verts be­fin­det sich ein Bild­nis sei­ner Frau. Das Pi­kan­te dar­an: Si­si ist split­ter­nackt! Ne­ben dem Fo­to liegt ein Brief, mit dem ein Un­be­kann­ter den Mon­ar­chen schlicht und ein­fach er­pres­sen will. „An Sei­ne Ma­jes­tät, den Kai­ser von Ös­ter­reich, Wi­en“, steht auf dem Ku­vert, dem das fol­gen­de Schrei­ben bei­ge­ge­ben ist: „Si­re! Ich ha­be die Eh­re, Ih­nen ei­ne Fo­to­gra­fie Ih­rer Frau zu schi­cken, die zu ei­ner Kol­lek­ti­on ge­hört, die übe­r­all ver­kauft wer­den soll. Ich glau­be, dass es für Eu­re Ma­jes­tät au­ßer­or­dent­lich un­er­freu­lich wä­re, wenn die­se Por­träts ver­kauft wür­den, und ich ha­be vom Fo­to­gra­fen die Zu­sa­ge er­langt, dass er die Ne­ga­ti­ve zer­bre­chen und die Fo­to­gra­fi­en ver­bren­nen wür­de, wenn bin­nen vier­zehn Ta­gen, das heißt bis zum 6. Jän­ner 1873, zu­han­den von Herrn Cat­tel­li, post­la­gernd Ams­ter­dam, 3000 Francs über­sandt wer­den. Wid­ri­gen­falls ... kä­me ei­ne An­zahl der Auf­nah­men so­fort in Um­lauf, so­gar in den Stra­ßen von Wi­en.“(Über­set­zung des Ori­gi­nalbriefs aus dem Fran­zö­si­schen).

DIE FAL­SCHE FI­GUR. Das dem Brief bei­ge­leg­te Fo­to zeigt ei­ne nack­te Frau, die auf ei­ner Ly­ra spielt. Die Ge­sichts­zü­ge sind ein­deu­tig als die der Kai­se­rin Eli­sa­beth er­kenn­bar. Doch der üp­pi­ge Kör­per kann kei­nes­falls mit „Si­sis“zier­li­cher Fi­gur über­ein­stim­men. Franz Jo­seph ist ge­schockt, hat es doch ei­nen Er­pres­sungs­ver­such die­ser Art nie zu­vor ge­ge­ben. Sei­ne Kanz­lei lei­tet das Bild samt Brief an die k. k. Po­li­zei­di­rek­ti­on Wi­en wei­ter, in der man Ober­inspek­tor Al­bert Stehling „mit der dis­kre­ten Klä­rung des Fal­les“be­traut. Die Dis­kre­ti­on geht so weit, dass bis Be­kannt­wer­den der Er­pres­sung weit mehr als ein Jahr­hun­dert ver­ge­hen soll­te.

IM PAN­ZER­SCHRANK. Denn als der im Haus-, Hof- und Staats­ar­chiv auf dem Wie­ner Mi­no­ri­ten­platz ab­ge­leg­te Akt mit der Num­mer „32/1872“am Be­ginn der 1990er-Jah­re durch Zu­fall ent­deckt wur­de, ließ ihn die da­ma­li­ge Staats­ar­chiv-Di­rek­to­rin in ei­nen Pan­zer­schrank sper­ren und mit den Wor­ten „Nicht zur Ver­öf­fent­li­chung ge­eig­net“be­schrif­ten. Erst als die Frau Ho­f­rat in Pen­si­on ging, über­reich­te mir ihr Nach­fol­ger das Pro­to­koll die­ses selt­sa­men Kri­mi­nal­fal­les, be­ste­hend aus zwei Fo­to­gra­fi­en, ei­nem Er­pres­ser­brief und dem Po­li­zei­akt. Die­sem ist zu ent­neh­men, dass der Er­pres­ser­brief am 19. De­zem­ber 1872 in Ams­ter­dam auf­ge­ge­ben wur­de. Wes­halb der mit der Klä­rung be­auf­trag­te Ober­inspek­tor Al­bert Stehling so­fort nach Hol­land reist, wo ihm in­ner­halb we­ni­ger Ta­ge ei­ne kri­mi­na­lis­ti­sche Meis­ter­leis­tung ge­lingt. Fin­det er doch mit­hil­fe sei­ner nie­der­län­di­schen Kol­le­gen her­aus, dass das Ori­gi­nal­fo­to der Ly­ra spie­len­den Da­me „au sei­nem Kar­ton nack­ter Frau­en­zim­mer“des Ams­ter­da­mer Fo­to ate­liers van Roos­win­kel & Co. stammt. Als Käu­fer der Bil­der kann der hoch ver­schul­de­te hol­län­di­sche Spiel­zeug­händ­ler Jo­sef J. Kie­vits eru­iert wer­den.

DER PO­LI­ZEI­AKT. Ein Ver­gleich des an den Kai­ser ge­rich­te­ten Droh­briefs mit ei­ner Rech­nung, die Herr Kie­vits in sei­ner Fir­ma hand­schrift­lich aus­ge­stellt hat, er­gibt den ein­deu­ti­gen Be­weis sei­ner Tä­ter­schaft, kann Ober­inspek­tor Stehling An­fang Jän­ner 1873 nach Wi­en te­le­gra­fie­ren.

Es ge­lang ihm so­gar, die Iden­ti­tät der ent­blöß­ten Da­me, auf de­ren Kör­per der Kopf der Kai­se­rin ge­setzt wor­den war, zu lüf­ten. Wie der Kri­mi­nal­be­am­te Stehling am 7. Jän­ner dem Wie­ner Po­li­zei­di­rek­tor Ho­f­rat An­ton von Le Mon­nier mit­teil­te, han­del­te es sich bei der voll­schlan­ken Frau um ei­ne ehe­ma­li­ge Ams­ter­da­mer Pro­sti­tu­ier­te na­mens van der Ley.

DER DROH­BRIEF. Droh­brief und Rech­nung be­fin­den sich heu­te eben­so in dem Po­li­zei­akt im Haus-, Hof- und Staats­ar­chiv wie die bei­den Fo­to­gra­fi­en: So­wohl das Ori­gi­nal­bild der Frau van der Ley, als auch die Fo­to­mon­ta­ge mit dem Kopf der Kai­sern sind er­hal­ten ge­blie­ben. Der Er­pres­ser hat­te ein acht Jah­re al­tes Por­trät Eli­sa­beths auf den Kör­per der Pro­sti­tu­ier­ten ge­setzt und of­fen­sicht­lich an­ge­nom­men, mit die­ser plum­pen Fäl­schung den Kai­ser von Ös­ter­reich zu ei­ner Zah­lung nö­ti­gen zu kön­nen. Wo­bei sich sei­ne so höf­lich for­mu­lier­ten For­de­run­gen – ver­g­li­chen mit den Er­pres­ser­brie­fen spä­te­rer Ge­ne­ra­tio­nen – in re­la­tiv be­schei­de­nen Gren­zen hiel­ten. Die im Jah­re 1872 ver­lang­ten 3000 fran­zö­si­schen Francs hat­ten ei­nen Ge­gen­wert von 1200 ös­ter­rei­chi­schen Gul­den, die heu­te wie­der­um laut „Sta­tis­tik Aus­tria“ei­ner Sum­me von rund 14.000 Euro ent­spre­chen.

DIE AN­ER­KEN­NUNG. Dem Kri­mi­nalOber­inspek­tor Al­bert Stehling wur­de nach sei­ner Rück­kehr aus Ams­ter­dam von der Wie­ner k. k. Po­li­zei­di­rek­ti­on „für um­sich­ti­ges Ver­hal­ten und sei­ne mit An­stren­gung ver­bun­de­ne Mü­he­wal­tung die schrift­li­che An­er­ken­nung aus­ge­spro­chen“.

MIT EI­NEM BLAU­EN AU­GE. Und der Er­pres­ser ist mit ei­nem blau­en Au­ge da­von­ge­kom­men. Um in Ös­ter­reichUn­garn jeg­li­ches Auf­se­hen zu ver­mei­den – und da ge­gen Jo­sef J. Kie­vits in den Nie­der­lan­den oh­ne­hin ein Ver­fah­ren we­gen fahr­läs­si­ger Kri­da lief –, lie­ßen ihn die ös­ter­rei­chi­schen Be­hör­den zwar wis­sen, dass er als Tä­ter über­führt sei. Doch auf ei­ne ge­richt­li­che Ver­fol­gung wur­de ver­zich­tet. Ei­ne ös­ter­rei­chi­sche Lö­sung halt.

Der Kör­per der „nack­ten Kai­se­rin“wur­de ei­ner Fo­to­gra­fie der ehe­ma­li­gen Pro­sti­tu­ier­ten van der Ley ent­nom­men

„Si­re! Ich ha­be die Eh­re, Ih­nen ei­ne Fo­to­gra­fie Ih­rer Frau zu schi­cken.“Mit die­ser plum­pen Bild-Fäl­schung (oben links) woll­te ein nie­der­län­di­scher Kauf­mann 1872 den Kai­ser er­pres­sen: Ori­gi­nalbrief (oben) des Er­pres­sers an Kai­ser Franz Jo­seph

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