SO WOHN­TE DER KAI­SER

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - In­halt -

Die Hof­burg und Schön­brunn als „Haupt­wohn­sit­ze“

Die Hof­burg in der Wie­ner In­nen­stadt und Schloss Schön­brunn wa­ren die bei­den „Haupt­wohn­sit­ze“Kai­ser Franz Jo­sephs. In Schön­brunn ist er ge­bo­ren und ge­stor­ben.

KAL­TES ES­SEN.

Die ge­wal­ti­gen Aus­ma­ße des Reichs­kanz­lei­trakts un­ter der Michae­l­er­kup­pel der Wie­ner Hof­burg, wo Franz Jo­seph den größ­ten Teil des Jah­res zu­brach­te, hat­ten ih­re Tü­cken: Der Kai­ser be­kam fast nie ei­ne war­me Mahl­zeit, da die Kü­che von den kai­ser­li­chen Ap­par­te­ments so weit ent­fernt war, dass das Es­sen auf dem Weg durch Hun­der­te Me­ter lan­ge Gän­ge aus­kühl­te, ehe es ser­viert wer­den konn­te. Erst in sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wur­de ei­ne Wär­me­plat­te an­ge­schafft, die des Kai­sers Me­nü er­hitz­te.

Franz Jo­sephs Ta­ges­ab­lauf hat­te durch Jahr­zehn­te sei­ne fes­ten, un­ver­rück­ba­ren Ge­set­ze, die uns sein Leib­kam­mer­die­ner Ket­terl hin­ter­ließ:

Punkt 1/2 4 Uhr We­cken durch Eu­gen Ket­terl mit den Wor­ten: „Ich leg mich zu Fü­ßen Eu­rer Ma­jes­tät, gu­ten Mor­gen.“

●4–4.30 Uhr„ Der Ba­de wa­schel seift den Kai­ser in sei­ner Gum­mi­ba­de­wan­ne ein. Er ist oft be­trun­ken, weil er die Nacht nicht an­ders durch­wa­chen kann, klam­mert sich manch­mal so­gar an Kai­ser Franz Jo­seph an, der ihm zu­nächst grollt, aber ihn da­nach doch nicht ent­lässt.“

● 4.30–5 Uhr An­klei­den mit Ket­terls Hil­fe, Mor­gen­an­dacht; Er­schei­nen des Leib­arz­tes, Ho­f­rat Dr. Kerzl.

● 5 Uhr Früh­stück: But­ter, Ge­bäck, Schin­ken, Kaf­fee.

● 5.30–12.30 Uhr Ar­beit und Be­rich­te. „Auf dem Schreib­tisch des

Kai­sers muss­te hin­ter dem gro­ßen Steh­ka­len­der das klei­ne Bürst­chen und der Ab­staub­we­del lie­gen, mit wel­chem er selbst wäh­rend des Ta­ges sei­nen Schreib­tisch von Streu­sand und Asche rei­nig­te.“

● 12.30 Uhr Dem Kai­ser wird ein ein­fa­ches Mit­tag­es­sen (im Nor­mal­fall auf dem Schreib­tisch) ser­viert: Sup­pe, Rind­fleisch oder Na­tur­schnit­zel, klei­ne Nach­spei­se, Zi­gar­re.

● 13–17 Uhr Ar­beit. Die un­er­le­dig­ten Ak­ten be­fin­den sich auf der lin­ken Seite des Schreib­tischs, die er­le­dig­ten auf der rech­ten.

● 17 Uhr Leich­te Jau­se, da­nach kei­ner­lei Nah­rungs­auf­nah­me mehr.

● 20 Uhr Der Kai­ser geht zu Bett. Die Mon­tag- und Don­ners­tag­vor­mit­ta­ge sind für Au­di­en­zen re­ser­viert. Im Prin­zip hat je­der Staats­bür­ger mit gu­tem Le­u­mund die Mög­lich­keit, den Kai­ser per­sön­lich zu spre­chen. Ent­spre­chend dicht ist das Pro­gramm an den Be­suchs­ta­gen: „Ges­tern hat­te ich 127, heu­te wer­de ich 108 Au­di­en­zen ge­ben“, schreibt Franz Jo­seph in ei­nem Brief an

Kat­ha­ri­na Schratt. Ins­ge­samt emp­fängt der Kai­ser in den fast sie­ben Jahr­zehn­ten sei­ner Re­gent­schaft an die 250.000 Per­so­nen in Au­di­enz. Wäh­rend der fünf bis zehn Mi­nu­ten dau­ern­den Aus­spra­chen blei­ben so­wohl der Kai­ser wie sei­ne Be­su­cher ste­hen. Sei­ne Hand reicht er nur Mi­nis­tern, Ge­hei­men Rä­ten und Aris­to­kra­ten – Bür­ger­li­chen nie. Her­ren er­schei­nen im Frack, Mi­li­tärs in Uni­form, Da­men im hoch­ge­schlos­se­nen Kleid mit Hut. Für Ar­me und Mit­tel­lo­se gibt es kei­ne Toi­let­ten­vor­schrif­ten.

EI­SEN­BETT. Kai­ser Franz Jo­seph ist zwar be­rühmt da­für, be­schei­den wie ein Sol­dat in ei­nem Ei­sen­bett zu schla­fen, die Haus­halts­füh­rung ist je­doch enorm auf­wen­dig. Ne­ben per­sön­li­chen La­kai­en wie Ket­terl & Co. ste­hen dem Kai­ser an sei­nen Wohn­sit­zen rund 1000 Die­ner, Kö­che, Pa­gen, Stall­bur­schen und Höf­lin­ge zur Ver­fü­gung, de­ren Auf­ga­be es ist, die rei­bungs­lo­se Ab­wick­lung des Hof­le­bens zu ge­währ­leis­te­ten. Was nicht im­mer ge­lingt. So är­gern Franz Jo­seph die mit­un­ter nicht ganz

sau­be­ren Fuß­bö­den im Schloss Schön­brunn. „Sei­ne Ma­jes­tät wun­der­te sich über das un­ge­pfleg­te Par­kett, wel­ches er lan­ge kopf­schüt­telnd be­trach­te­te“, schreibt sein Flü­ge­l­ad­ju­tant Hein­rich Graf Ho­y­os 1909 an sei­ne Frau. „,Das Holz ist schon sehr schlecht“, sag­te der Kai­ser re­si­gnie­rend, ,aber ge­wichst könn­te es sein, ein­mal im Jahr. We­nigs­tens, wenn ein ho­her Gast da ist!’“ Auch wenn das „nied­ri­ge Per­so­nal“schlecht ent­lohnt wird, rei­ßen die vie­len Hof­be­diens­te­ten ein ge­wal­ti­ges Fi­nanz­loch in die Staats­kas­se. Für die Die­ner fin­den sich ne­ben der Be­loh­nung durch den Hof Mög­lich­kei­ten ei­nes Ne­ben­ver­diens­tes. So darf das kai­ser­li­che Ser­vier­und Kü­chen­per­so­nal nach je­dem Hof­ball die Res­te des üp­pi­gen Buf­fets „zur De­ckung des Ei­gen­be­darfs“mit­neh­men, wor­auf am nächs­ten Tag in der hof­burg na­hen De­li­ka­tes­sen­hand­lung „Zur Schmaus wa­berl“Gän­sel eber pa ste­ten, Hum­mer und Reh rü­cken kos­ten­güns­tig an­ge­bo­ten wer­den. Wie er­wähnt, er­hielt der Kai­ser täg­lich den Be­such sei­nes Leib­arz­tes Dr. Kerzl, der ihn – da sich Franz Jo­seph fast im­mer glän­zen­der Ge­sund­heit er­freut – eher pro for­ma nach dem Al­ler­höchs­ten Be­fin­den fragt. In dem Zu­sam­men­hang er­zählt man sich die­se Epi­so­de: Als Dr. Kerzl ei­nes Mor­gens wie im­mer zum Kai­ser will, wird er vom Kam­mer­die­ner Ket­terl mit den Wor­ten zu­rück­ge­hal­ten: „Ma­jes­tät be­dau­ern leb­haft, den Herrn Dok­tor heu­te nicht emp­fan­gen zu kön­nen. Ma­jes­tät füh­len sich nicht ganz wohl und bit­ten da­her, erst mor­gen wie­der zu ihm zu kom­men.“

SI­SIS WOH­NUNG. Der an den Reichs­kanz­lei­trakt der Hof­burg an­gren­zen­de Ama­li­en­trakt wird von Kai­se­rin Eli­sa­beth be­wohnt. An­fangs sind die bei­den Ap­par­te­ments durch ein ge­mein­sa­mes Schlaf­zim­mer ver­bun­den, doch als die­ses in ih­ren spä­te­ren Ehe­jah­ren nicht mehr ver­wen­det wird, lässt Eli­sa­beth es zu ei­nem Turn­zim­mer um­bau­en, an des­sen Ge­rä­ten sie an ih­rer Fi­gur und ih­rer Leis­tungs­fä­hig­keit ar­bei­tet. Sie hat nun kein Schlaf­zim­mer mehr – ihr Bett wird je­den Abend in ih­rem ge­räu­mi­gen Wohn­zim­mer auf­ge­stellt und nach dem Auf­ste­hen wie­der weg­ge­räumt.

GE­MEIN­SA­MES FRÜH­STÜCK. Wenn Si­si in Wi­en weilt, nimmt sie das Früh­stück mit ih­rem Mann im Gro­ßen Sa­lon ein. Das Be­son­de­re an ih­rem Ap­par­te­ment ist, dass sie über­ein Ba­de­zim­mer ver­fügt, was im 19. Jahr­hun­dert selbst in re­gie­ren­den Häu­sern als un­ge­wöhn­lich gilt. Die Ap­par­te­ments der Kai­se­rin ste­hen meist leer, da sie auf Rei­sen ist. Der Kai­ser be­nützt in der wär­me­ren Jah­res­zeit – au­ßer wenn er in Ischl weilt – Schloss Schön­brunn als Som­mer­re­si­denz, doch lässt er sich von hier täg­lich mit der Kut­sche in die Hof­burg füh­ren, um dort sei­ner Ar­beit nach­zu­ge­hen. In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wohnt und am­tiert er ganz­jäh­rig in Schön­brunn. Franz Jo­seph ist dort zur Welt ge­kom­men und ge­stor­ben. Sein Nach­fol­ger, Kai­ser Karl, un­ter­zeich­net am 11. No­vem­ber 1918 in Schön­brunn sei­nen „Ver­zicht auf je­den An­teil an den Staats­ge­schäf­ten“und ver­lässt das Schloss noch am glei­chen Abend.

In den letz­ten bei­den Jah­ren sei­nes Le­bens wohn­te und re­gier­te Kai­ser Franz Jo­seph

nur noch in Schloss Schön­brunn. Die un­ver­ges­se­ne Si­si war stets prä­sent

Das Kon­fe­renz­zim­mer und das Turn­zim­mer der Kai­se­rin Eli­sa­beth in der Hof­burg. Das Be­son­de­re an ih­rem Ap­par­te­ment war, dass sie über ein ei­ge­nes Ba­de­zim­mer ver­füg­te, was selbst in re­gie­ren­den Häu­sern als un­ge­wöhn­lich galt (von links)

SCHLOß SCHÖN­BRUNN KUL­TUR- UND BE­TRIEBS­GES.M.B.H. / JO­HAN­NES WA­GNER, © SCHLOß SCHÖN­BRUNN KUL­TUR- UND BE­TRIEBS­GES.M.B.H. / LOIS LAM­MER­HU­BER, © SCHLOß SCHÖN­BRUNN KUL­TUR- UND BE­TRIEBS­GES.M.B.H. / ALEX­AN­DER EU­GEN KOL­LER (4)

Der Ze­re­mo­ni­en­saal, ei­ne Art Vor­zim­mer des Kai­sers, im Nuss­holz­zim­mer emp­fing er zur Au­di­enz, und Franz Jo­sephs Schlaf­zim­mer in Schön­brunn (von links)

40 m lang, 10 m breit, bil­de­te die Gro­ße Ga­le­rie in Schön­brunn den idea­len Rah­men für Bäl­le und Emp­fän­ge

Im Gro­ßen Sa­lon der Hof­burg emp­fing der Kai­ser An­ge­hö­ri­ge wie sei­ne Kin­der, En­kel, Brü­der oder Nef­fen

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