DIE ER­MOR­DUNG ELI­SA­BETHS

„Sie wis­sen nicht, wie ich die­se Frau ge­liebt ha­be“, sag­te der Kai­ser zu sei­nem Ge­ne­ral­ad­ju­tan­ten, als ihm die Schre­ckens­mel­dung von Eli­sa­beths Er­mor­dung über­bracht wur­de. Es war der här­tes­te Schick­sals­schlag, den Franz Jo­seph er­lei­den muss­te. Auch die Wo

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Der här­tes­te Schick­sals­schlag für den Kai­ser

„IR­GEND­EIN AT­TEN­TAT“.

Genf, am 10. Sep­tem­ber 1898. Kai­se­rin Eli­sa­beth ist wäh­rend ei­ner vier­wö­chi­gen Kur von Mon­treux nach Genf ge­reist, um hier die Ba­ro­nin Roth­schild zu be­su­chen. Im Ho­tel Beau-Bi­va­ge trägt sie sich als „Grä­fin von Ho­hen­embs“ein. Ei­ner Gen­fer Zei­tung wird je­doch hin­ter­bracht, wer hin­ter dem Pseud­onym steckt, und die­se mel­det die An­we­sen­heit der Kai­se­rin in gro­ßer Auf­ma­chung. Als der 25-jäh­ri­ge ita­lie­ni­sche An­ar­chist Lu­i­gi Lu­che­ni die­se Zei­len liest, sieht er sei­ne St­un­de ge­kom­men. Seit Mo­na­ten schon will er „ir­gend­ein At­ten­tat“ver­üben, doch konn­te er die­sen Plan man­gels ei­ner ge­eig­ne­ten, in Genf wei­len­den pro­mi­nen­ten Per­sön­lich­keit nicht ver­wirk­li­chen. Als die 60-jäh­ri­ge Kai­se­rin Eli­sa­beth am Tag der Er­schei­nung des Ar­ti­kels um 13.38 Uhr mit ih­rer Hof­da­me Ir­ma Grä­fin Sz­táray, nur ein paar Schrit­te vom Ho­tel Beau-Ri­va­ge ent­fernt, am Kai das Li­ni­en­schiff be­stei­gen will, um zu­rück nach Mon­treux zu fah­ren, sticht Lu­che­ni mit ei­ner spit­zen Fei­le zu. „Plötz­lich kam ein Mann auf uns zu“, gab die Grä­fin Sz­táray spä­ter als ein­zi­ge Zeu­gin des Mord­an­schlags dem Gen­fer Un­ter­su­chungs­rich­ter zu Pro­to­koll. „Un­mit­tel­bar vor uns schien er plötz­lich zu strau­cheln. Er mach­te ei­ne Be­we­gung mit der Hand. Ich glaub­te, um sich beim Stol­pern auf­recht zu hal­ten. Ich wä­re be­reit ge­we­sen zu schwö­ren, dass er nichts in der Hand hat.“

DIE LETZ­TEN WOR­TE.

Erst als die Kai­se­rin zu Bo­den sank, kam der Grä­fin der Ge­dan­ke, „dass die­ses Scheu­sal Ih­re Ma­jes­tät ge­schla­gen ha­ben muss­te. Dann rich­te­te sich Eli­sa­beth wie­der auf. ,Wie füh­len sich Ma­jes­tät?‘ frag­te ich in gro­ßer Er­re­gung, ,ist Ih­nen et­was ge­sche­hen?‘ – ,Nein, es ist mir nichts ge­sche­hen‘, ant­wor­te­te die Kai­se­rin ru­hig. Auf der Gang­way, die zum Damp­fer hin­über­führ­te, ging die Kai­se­rin noch leich­ten Schritts vor mir her. Kaum hat­te sie je­doch das Schiff be­tre­ten, sag­te sie mit er­sti­cken­der Stim­me: ,Jetzt Ih­ren Arm! Schnell, bit­te!‘ Ich konn­te sie nicht hal­ten, ih­ren Kopf an mei­ne Brust pres­send, sank ich mit ihr in die Knie. ,Was ist denn mit mir ge­sche­hen?‘ frag­te sie. Das wa­ren ih­re letz­ten Wor­te! Un­mit­tel­bar da­nach sank sie in Be­wusst­lo­sig­keit. Ich schob das Hemd bei­sei­te und ent­deck­te in der Herz­ge­gend ei­ne klei­ne Wun­de. Ein Trop­fen ge­stock­tes Blut kleb­te an ihr. In die­sem Au­gen­blick stand die läh­men­de Wahr­heit vor mir, die Kai­se­rin war er­dolcht wor­den!“Fan­ni May­er, die da­ma­li­ge Be­sit­ze­rin des Ho­tels Beau-Ri­va­ge, hin­ter­ließ

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ei­ni­ge dicht be­schrie­be­ne Pa­pier­bö­gen, auf de­nen sie die nun fol­gen­den Er­eig­nis­sen des 10. Sep­tem­ber 1898 schil­dert. „Sechs Da­men und sechs Her­ren tru­gen die schwer ver­letz­te Kai­se­rin auf ei­ner im­pro­vi­sier­ten Bah­re aus Se­gell­ei­nen und zwei Schiffs­ru­dern in un­ser Ho­tel, wäh­rend der Ho­tel­arzt Dok­tor Golay ge­ru­fen wur­de. Ich ver­folg­te die­sen so trau­ri­gen und ent­setz­ten Zug bis hin­auf in den ers­ten Stock zum Ap­par­te­ment 119/120, das die Kai­se­rin be­wohn­te. Dr. Golay sag­te, er kön­ne der Kai­se­rin nicht mehr hel­fen, der Blut­ver­lust sei zu hoch, was an ei­nem im­mer grö­ßer wer­den­den Fleck am Her­zen zu be­ob­ach­ten war. Ih­ren letz­ten Seuf­zer gab Eli­sa­beth un­ge­fähr zwan­zig Mi­nu­ten nach ih­rer An­kunft im Ho­tel. Com­tes­se Sz­táray schloss in An­we­sen­heit ei­nes Pries­ters ih­re Au­gen und leg­te ihr bei­de Hän­de zu­sam­men.“

EIN­VER­NAH­ME. Ei­ni­ge Zeit weilt die Kai­se­rin dann un­ter dem­sel­ben Dach wie ihr Mör­der. Pas­san­ten ha­ben den At­ten­tä­ter ver­folgt und fest­ge­hal­ten, bis ihn ein Gen­darm ver­haf­ten und in das Beau-Ri­va­ge brin­gen kann. Nach ei­ner kur­zen Ein­ver­nah­me im Ho­tel

wird der At­ten­tä­ter von zwei Be­am­ten ins Po­li­zei­re­vier ge­bracht. Zu die­sem Zeit­punkt ist die Kai­se­rin be­reits tot. Ihr Leich­nam wird ein­bal­sa­miert, in ei­nen Sarg ge­legt, in der Ho­tel­hal­le auf­ge­bahrt und in ei­nem Son­der­zug nach Wi­en über­führt.

SELBSTMORDINDERZELLE. DerAt­ten­tä­ter Lu­i­gi Lu­che­ni wird zu le­bens­lan­ger Haft ver­ur­teilt und er­hängt sich im Jahr 1910 in sei­ner Zel­le.

DER HÄR­TES­TE SCHLAG. Mehr als drei­ßig Jah­re nach der Hin­rich­tung sei­nes Bru­ders Ma­xi­mi­li­an in Me­xi­ko und fast zehn Jah­re nach dem Selbst­mord sei­nes Soh­nes Ru­dolf trifft den 68-jäh­ri­gen Kai­ser mit der Er­mor­dung sei­ner Ehe­frau der si­cher­lich här­tes­te Schlag sei­nes Le­bens. Zu sei­nem Ge­ne­ral­ad­ju­tan­ten Graf Paar sagt er, kurz nach­dem er die To­des­nach­richt er­hal­ten hat: „Sie wis­sen nicht, wie ich die­se Frau ge­liebt ha­be.“Und an Kat­ha­ri­na Schratt rich­tet er, Jah­re da­nach noch, die Wor­te: „Mor­gen wer­den sich un­se­re Ge­dan­ken wie­der im Ge­be­te für un­se­re un­ver­gess­li­che, theu­re Ver­klär­te ver­ei­nen. Die Zeit ver­geht, der Schmerz bleibt.“

Ei­nes der spä­ten Bil­der Eli­sa­beths (links) und die letz­te ge­mein­sa­me Fo­to­gra­fie: Kai­ser Franz Jo­seph be­such­te sei­ne Frau im Mai 1898 auf ih­rer Kur in Bad Kis­sin­gen (rechts)

Gen­fer Ho­tels Beau-Ri­va­ge auf­ge­bahrt.

Oben: Die Kai­se­rin wird in der Hal­le des

Un­ten: ei­ner der ers­ten Zei­tungs­be­rich­te

Oben: Die

Ver­haf­tung

des At­ten­tä­ters

Lu­i­gi Lu­che­ni

durch Be­am­te der

Gen­fer Po­li­zei

Der Sarg mit dem

Leich­nam der

Kai­se­rin Eli­sa­beth

wird aus dem

Ho­tel Beau-Ri­va­ge

ge­tra­gen. Genf, im

Sep­tem­ber 1898

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