DIE SCHÜS­SE VON SA­RA­JE­WO

Das wa­ren die letz­ten Wor­te des Erz­her­zogs Franz Fer­di­nand, als ihn die Ku­gel des At­ten­tä­ters Gavri­lo Prin­cip auf der Fahrt durch Sa­ra­je­wo ge­trof­fen hat­te. In­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten wa­ren der Thron­fol­ger und sei­ne Frau tot. Aus der per­sön­li­chen Tra­gö­die d

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Die Er­mor­dung des Thron­fol­ger­paa­res

ZWEI SCHÜS­SE. Es ist kurz vor 11 Uhr an die­sem strah­len­den Früh­som­mer­tag, dem 28. Ju­ni 1914, in Sa­ra­je­wo. Nie­mand ahnt, dass die fol­gen­den Mi­nu­ten die Welt­ge­schich­te ver­än­dern wür­den. Ei­ne Wa­gen­ko­lon­ne biegt vom Kai in die Kai­ser-Franz-Jo­sef-Stra­ße ein. Im drit­ten Wa­gen der Ko­lon­ne sit­zen Erz­her­zog Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau So­phie. Nach­dem die Au­tos ab­ge­bo­gen sind, stellt sich her­aus, dass man sich ver­fah­ren hat. Der Chauf­feur des Au­tos, in dem das Thron­fol­ger-Paar sitzt, hält kurz an. In die­sem Mo­ment schießt ein auf dem Geh­steig ste­hen­der jun­ger Mann mit ei­ner Pis­to­le aus rund zwei Me­ter Ent­fer­nung auf den Erz­her­zog und sei­ne Ge­mah­lin. Das ers­te der bei­den 9-mm-Pro­jek­ti­le dringt durch die Ka­ros­se­rie des of­fe­nen „Gräf & Stift“-Wa­gens mit dem Wie­ner Kenn­zei­chen A 111 118 und trifft die Her­zo­gin in den Un­ter­leib. Der zwei­te Schuss trifft Erz­her­zog Franz Fer­di­nand in den Hals.

KRON­ZEU­GE. Franz Graf Har­rach, der Be­sit­zer des Au­tos, in dem das Thron­fol­ger-Paar saß, ist der Kron­zeu­ge der Tat, stand er doch auf dem Tritt­brett des Wa­gens, di­rekt ne­ben Franz Fer­di­nand. In ei­nem Brief an sei­ne Frau schil­dert Har­rach den Her­gang, un­mit­tel­bar nach­dem die Schüs­se fie­len: „Sie (die

Her­zo­gin So­phie, Anm.) sag­te zu ihm, als sie bei­de die Schüs­se tra­fen: ,Um Got­tes­wil­len, was ist dir ge­sche­hen?‘, sank auf ih­re Knie, mit dem Ge­sicht auf sei­nen Kni­en, und es war vor­bei. Aus sei­nem Mun­de spritz­te ein Blut­strahl auf mei­ne Ba­cke, er wur­de steif mit auf­ge­ris­se­nen Au­gen und sag­te, die Hän­de auf ih­ren Schul­tern: ,So­pherl, stirb mir nicht, bleib mir für die Kin­der!‘ Ich hielt ihn am Kra­gen und sag­te: ,Kai­ser­ho­heit müs­sen furcht­bar lei­den.‘ Er sag­te: ,Oh nein, es ist nichts.‘ Dann mur­mel­te er wei­ter, wor­auf Blut­rö­cheln be­gann, das mit ei­nem Blut­sturz en­de­te. Erst nach ca. zehn Mi­nu­ten starb er... Die Ku­gel traf die Bauch­schlag­ader bis et­wa zur Hals­schlag­ader.“

NOCH EIN AT­TEN­TAT. Die Schüs­se des 19-jäh­ri­gen bos­ni­schen Gym­na­si­as­ten Gavri­lo Prin­cip wa­ren nicht das ers­te At­ten­tat an die­sem Sonn­tag­vor­mit­tag in Sa­ra­je­wo. Schon knapp ei­ne St­un­de da­vor, als die Wa­gen­ko­lon­ne an der Ös­ter­rei­chisch-Un­ga­ri­schen Bank vor­bei­fuhr, hat­te es ei­nen Vor­fall ge­ge­ben. Der Schrift­set­zer Ne­del­j­ko Ca­b­ri­no­vić – wie Prin­cip Mit­glied der ser­bi­schen Ge­heim­or­ga­ni­sa­ti­on „Schwar­ze Hand“– hat­te ei­ne Bom­be auf Franz Fer­di­nands Au­to ge­wor­fen, die je­doch ab­ge­prallt war und un­ter dem nächs­ten Wa­gen in der Ko­lon­ne ex­plo­dier­te. Da­bei wur­den et­wa 20 am Stra­ßen­rand ste­hen­de Zu­schau­er und meh­re­re Fahr­zeug­in­sas­sen ver­letzt, am schwers­ten Oberst­leut­nant Erik von Me­riz­zi. Die At­ten­tä­ter wur­den fest­ge­nom­men und er­klär­ten, ih­re Ta­ten wä­ren als „Ra­che­akt für die Un­ter­drü­ckung der Ser­ben in Ös­ter­reich-Un­garn ge­dacht“ge­we­sen.

MA­NÖ­VER. Franz Fer­di­nand, den der Kai­ser im Jahr da­vor zum „Ge­ne­ral­in­spek­tor der ge­sam­ten be­waff­ne­ten Macht“er­nannt hat­te, war aus An­lass der dies­jäh­ri­gen bos­ni­schen Ma­nö­ver nach Sa­ra­je­wo ge­kom­men und soll­te zu de­ren Ab­schluss mit sei­ner Ge­mah­lin ei­ne of­fi­zi­el­le Stadt­rund­fahrt un­ter­neh­men und Be­su­che im Rat­haus und bei an­de­ren Be­hör­den ab­stat­ten.

GRUFT. Nun wur­den die Lei­chen mit ei­nem Son­der­zug in Franz Fer­di­nands Schloss Art­stet­ten bei Melk ge­bracht. Da sei­ne Frau als „nicht eben­bür­tig“nicht in der Ka­pu­zi­ner­gruft be­stat­tet wer­den durf­te, hat­te Franz Fer­di­nand in Art­stet­ten schon früh ei­ne Gruft er­rich­ten las­sen, in der das Paar nun sei­ne letz­te Ru­he fand. Es hin­ter­ließ drei Kin­der im Al­ter zwi­schen 11 und 13 Jah­ren. Franz Fer­di­nand war mit So­phie geb. Grä­fin Cho­tek seit 1. Ju­li 1900 glück­lich ver­hei­ra­tet, hat­te aber sehr dar­un­ter ge­lit­ten, dass die mor­ga­na­ti­sche Ehe bei Hof und in Wie­ner Adels­krei­sen ab­ge­lehnt wur­de. Der Kai­ser hat­te

sie zwar zur Her­zo­gin von Ho­hen­berg er­ho­ben, sie stand aber den­noch in ih­rem Rang an letz­ter Stel­le der Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen und durf­te bei Ver­an­stal­tun­gen nie­mals ne­ben ih­rem Mann auf­tre­ten. So wur­de bei of­fi­zi­el­len Di­ners im Spei­se­zim­mer ihr Ses­sel mög­lichst weit weg von dem ih­res Man­nes auf­ge­stellt. Wenn der Hof mit den Kut­schen aus­fuhr, muss­te So­phie im letz­ten Wa­gen sit­zen. Sie durf­te nicht ein­mal beim Fron­leich­nams­got­tes­dienst im Ste­phans­dom ne­ben Franz Fer­di­nand kni­en.

NUR EIN MAL. Nur ein­mal, ein ein­zi­ges Mal nahm So­phie ne­ben ih­rem Mann Platz – aus­ge­rech­net die­ses ei­ne Mal. Man be­fand sich weit weg von Wi­en und da­mit auch weit weg von den stren­gen Hü­tern des Ze­re­mo­ni­ells. Das war an je­nem 28. Ju­ni 1914, an dem sie im Au­to an der Sei­te Franz Fer­di­nands durch Sa­ra­je­wo fuhr und von Gavri­lo Prin­cips Ku­gel töd­lich ge­trof­fen wur­de.

Das „Il­lus­trier­te Wie­ner Ex­tra­blatt“ nach dem At­ten­tat auf das Thron­fol­ger­paar in Sa­ra­je­wo

At­ten­tä­ter Gavri­lo Prin­cip er­klär­te, den Erz­her­zog „aus Ra­che für die Un­ter­drü­ckung der Ser­ben in Ös­ter­reich-Un­garn“er­schos­sen zu ha­ben Ein Bild aus glück­li­chen Ta­gen: Erz­her­zog Franz Fer­di­nand mit Ge­mah­lin So­phie und den Kin­dern So­phie, Max und Ernst, um 1910

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