RU­DOLF ODER FRANZ FER­DI­NAND?

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt -

Wer der bes­se­re Kai­ser ge­we­sen wä­re

„Was wä­re ge­we­sen, wenn ...“ei­ner der bei­den Thron­fol­ger an die Macht ge­kom­men wä­re? Kron­prinz Ru­dolf hat­te re­vo­lu­tio­nä­re Ide­en und war­te­te un­ge­dul­dig auf sei­ne „Chan­ce“. Und Franz Fer­di­nand woll­te im Fal­le sei­ner Krö­nung die Na­tio­na­li­tä­ten-Pro­ble­me lö­sen. Hät­ten sie den Un­ter­gang der 600 Jah­re al­ten Mon­ar­chie ver­hin­dern kön­nen? Bei­de schei­ter­ten auf dra­ma­ti­sche Wei­se.

WER RET­TET DIE MON­AR­CHIE? Kai­ser Franz Jo­seph hat zwei sei­ner Thron­fol­ger auf tra­gi­sche Wei­se ver­lo­ren. Auch wenn Spe­ku­la­tio­nen un­ter dem Ti­tel „Was wä­re, wenn?“in der Ge­schichts­schrei­bung nur be­dingt zu­läs­sig sind, drängt sich die Fra­ge an­ge­sichts des dra­ma­ti­schen Ver­laufs des 20. Jahr­hun­derts auf, ob Kron­prinz Ru­dolf oder Erz­her­zog Franz Fer­di­nand – so sie je an dieMacht­ge­kom­men­wä­ren–dieMon­ar­chie hät­ten ret­ten kön­nen. Ru­dolf hat­te vie­le Ide­en ent­wi­ckelt, die po­li­ti­sche, öko­no­mi­sche und so­zia­le Si­tua­ti­on Ös­ter­reich-Un­garns zu ver­än­dern, den Sie­ges­zug von Tech­nik und Wis­sen­schaft zu be­schleu­ni­gen. Er be­wun­der­te die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on und dach­te in vie­len Fra­gen „links“.

SEI­NER ZEIT VOR­AUS. Der Kron­prinz war­te­te un­ge­dul­dig auf sei­ne „Chan­ce“, war aber sei­ner Zeit vor­aus. So sprach er sich für ei­ne Ver­kür­zung der Ar­beits­zeit und für ein Ver­bot der Kin­der­ar­beit aus. Er ver­trat li­be­ra­le Wirt­schafts­theo­ri­en mit so­zia­lem En­ga­ge­ment. Ei­ne sei­ner „zu früh“er­ho­be­nen For­de­run­gen lau­te­te: „Die In­sti­tu­ti­on des Ei­gen­th­ums hat auch ih­re un­leug­ba­ren Schat­ten­sei­ten; ei­nes der größ­ten Übel des­sel­ben ist der Un­ter­schied zwi­schen arm und reich. Des­halb müs­sen wir vom idea­len Stand­punkt aus ge­se­hen ziem­lich gleich vert­heil­ten Reicht­hum al­ler als ei­ne Qu­el­le sitt­li­cher Ent­wick­lung be­trach­ten.“

RE­VO­LU­TIO­NÄR. Es war Ru­dolfs Tra­gö­die, sei­ne Ide­en nicht um­set­zen zu kön­nen,er­mus­ste­hilf­los­mit­an­se­hen,wie­die wirt­schaft­li­chen und na­tio­na­len Pro­ble­me der Mon­ar­chie grö­ßer wur­den und die Un­ru­hen zu­nah­men. Un­an­ge­passt, ja ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­när den­kend, wur­de der Kron­prinz zum Au­ßen­sei­ter am Wie­ner Hof. Wie sei­ne Mut­ter hielt er den Thron für ei­ne über­hol­te In­sti­tu­ti­on, sah sich so­gar als „Prä­si­dent ei­ner Re­pu­blik“. Da­bei war er nicht ge­gen die Mon­ar­chie, ganz im Ge­gen­teil, er woll­te das Er­bes­ei­nerVä­ter­er­hal­ten,sa­ha­ber­k­ei­ne Zu­kunfts­chan­ce da­für. Sei­nem Vor­bild, Kai­ser Jo­seph II., nach­ei­fernd, fühl­te sich Ru­dolf dem li­be­ra­len Bil­dungs­bür­ger­tum­mehr­ver­bun­den­als­de­rih­n­lang­wei­len­den Aris­to­kra­tie. „Das Kö­nig­tum steht da“, hin­ter­ließ er in sei­nen Schrif­ten, „als ei­ne mäch­ti­ge Rui­ne, die sin­ken wird. Jahr­hun­der­te hat es ge­hal­ten, und so­lan­ge das Volk sich blind lei­ten ließ, war es gut, doch jetzt ist sei­ne Auf­ga­be zu En­de, frei sind al­le Men­schen, und beim nächs­ten Sturm sinkt die­se Rui­ne.“

PRO­PHET. Das­wa­ren­nicht­die­ein­zi­gen pro­phe­ti­schen Wor­te Ru­dolfs, der auch über­zeugt­da­von­war,dass­das„al­teSys­tem“zum Schei­tern ver­ur­teilt sei. Ganz an­ders ver­hielt es sich im Fall Franz Fer­di­nands, dem die Ga­be fehl­te, sich in der Be­völ­ke­rung Sym­pa­thi­en zu er­wer­ben. „Er ist kein Grü­ßer“, be­schrieb Karl Kraus sei­ne man­geln­de Fä­hig­keit, auf Men­schen zu­zu­ge­hen. Doch auch Franz Fer­di­nand hat­te die Pro­ble­me er­kannt und war sich be­wusst, dass das Reich nahe­am­Ab­grund­steht.Er­setz­te­auf­den „Tria­lis­mus“, mit dem die Dop­pel­mon­ar­chie in ei­nen drei­ge­teil­ten Staat mit mehr Rech­ten für die Sla­wen un­ge­stal­tet wer­den soll­te. Sein Ruf, ein „Kriegs­het­zer“zu sein, traf nicht zu.

KEI­NE MÖG­LICH­KEIT. Wir wis­sen nicht, ob Ru­dolf oder Franz Fer­di­nand Ös­ter­reich-Un­garn hät­ten ret­ten kön­nen – wir kön­nen nur an­neh­men, dass sie die Feh­ler, die be­gan­gen wur­den, zu­min­dest in die­ser Form nicht be­gan­gen hät­ten. Bei­den blieb die Mög­lich­keit ver­sagt, et­was zu än­dern. Al­le Ver­su­che Ru­dolfs, den Va­ter von sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken zu über­zeu­gen, schei­ter­ten an der star­ren Hal­tung des Kai­sers. Wenn es in sel­te­nen Fäl­len zu ei­nem Ge­spräch zwi­schen Va­ter und Sohn kam, be­müh­te sich Franz Jo­seph nicht ein­mal, auf Ru­dolfs am­bi­tio­niert vor­ge­tra­ge­nen An­sich­ten ein­zu­ge­hen, son­dern wies sie mit den Wor­ten „Der Ru­dolf plauscht schon wie­der“ab. Was wä­re al­so ge­we­sen, „wenn ...?“ Die Fra­ge kann nie­mand be­ant­wor­ten, weil man mit der Ge­schich­te nicht ver­han­deln kann. Es gibt kein Zu­rück, es gibt nur die­se ei­ne Ge­schich­te und sie wur­de für das 19. und 20. Jahr­hun­dert in we­sent­li­chem Aus­maß von Franz Jo­seph ge­schrie­ben. Nur die­se ei­ne Spe­ku­la­ti­ons­ei­er­laubt.Ru­dol­foh­neMay­er­ling hät­te be­deu­ten kön­nen: Ein Jahr­hun­dert oh­ne Krieg. Denn mit Ru­dolf hät­te es kei­nen Franz Fer­di­nand, oh­ne Franz Fer­di­nand kein Sa­ra­je­wo, oh­ne Sa­ra­je­wo kei­nen Ers­ten Welt­krieg und oh­ne Ers­ten wohl auch kei­nen Zwei­ten ge­ge­ben.

CHA­RAK­TER. Man muss aber im Fall des Kron­prin­zen Ru­dolf – bei An­er­ken­nung si­cher­lich vor­han­de­ner Be­ga­bun­gen – auch an­füh­ren, dass ein Mann, der ei­ne jun­ge, un­schul­di­ge Frau mit in den Tod nimmt,über­ein­psy­chi­sche­sund­cha­rak­ter­li­ches De­fi­zit ver­fügt, das mit der Qua­li­fi­ka­ti­on, ein Rie­sen­reich zu re­gie­ren, nicht ver­ein­bar wä­re.

Sie wa­ren als Kai­ser Franz Jo­sephs Thron­fol­ger aus­er­se­hen – doch in bei­den Fäl­len ent­schied das Schick­sal an­ders: Kron­prinz Ru­dolf (links), Franz Fer­di­nand

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