MA­RY VET­S­E­RAS GR­A­B­RAUB

Wie ich 1992 her­aus­fand, dass die sterb­li­chen Über­res­te der Ge­lieb­ten des Kron­prin­zen Ru­dolf aus ih­rer Gruft in Hei­li­gen­kreuz ge­stoh­len wur­den

KURIER_Kaiser_Franz_Josef - - Inhalt - GE­ORG MAR­KUS ER­IN­NERT SICH

Er­in­ne­run­gen an den Kri­mi­nal­fall

Ge­gen En­de des Jah­res 1992 er­hielt ich den An­ruf ei­nes Lin­zer Mö­bel­händ­lers, der mich „in ei­ner wich­ti­gen An­ge­le­gen­heit“spre­chen woll­te. Ich hör­te mir sei­ne son­der­ba­re Ge­schich­te an: Er sei, er­öff­ne­te er mir, im Be­sitz der sterb­li­chen Über­res­te Ma­ry Vet­s­e­ras. „Oje, ein Ver­rück­ter“, dach­te ich, ent­schloss mich aber, sei­nen An­ga­ben den­noch nach­zu­ge­hen. Der grau­haa­ri­ge Kauf­mann zeig­te mir die Gut­ach­ten meh­re­rer Ge­richts me­di­zi­ner, de­nen zu ent­neh­men war, dass mein In­for­mant tat­säch­lich die Über­res­te ei­ner Frau hat­te un­ter­su­chen las­sen. Und die war 156 cm klein, seit 100 Jah­ren tot, mit et­wa 17 Jah­ren ge­stor­ben, und sie hat­te sehr lan­ges Haar. All das traf auf die von ihm ge­nann­te Ma­ry Vet­s­e­ra zu. Ich wand­te mich, da ich den Fall al­lein nicht lö­sen konn­te, an den be­kann­ten Pa­tho­lo­gen Prof. Hans Bankl, dem ich die Un­ter­la­gen zeig­te. Der stu­dier­te sie ge­nau und sa­ge dann: „Ich glau­be, es geht hier wirk­lich um die Vet­s­e­ra.“Ich schrie bei­nen ers­ten, noch vor­sich­tig for­mu­lier­ten Zei­tungs­ar­ti­kel über den Kri­mi­nal­fall und er­stat­te­te( nach Rück­spra­che mit ei­nem An­walt) An­zei­ge ge­gen Un­be­kannt: 1. we­gen des drin­gen­den Ver­dachts der Stö­rung der To­ten­ru­he und 2. we­gen des drin­gen­den Ver­dachts des Kul­tur­dieb­stahls.

LEE­RES GR­AB. Am nächs­ten Tag ord­ne­te die Staats­an­walt­schaft Wi­en die Öff­nung der Vet­s­e­ra-Gruft am Stifts­fried­hof Hei­li­gen­kreuz an. Das Gr­ab wur­de ge­öff­net. Und al­le An­we­sen­den wa­ren fas­sungs­los: Es war wirk­lich leer! Bald stell­te sich her­aus, dass der Mö­bel­händ­ler selbst es war, der den „Gr­a­b­raub“in Auf­trag ge­ge­ben hat­te. Und Ge­richts­me­di­zi­ner konn­ten an­hand der Ver­let­zun­gen erst­mals klä­ren, dass Ma­ry durch ei­nen Kopf­schuss starb. Über die Fra­ge, wer der Tä­ter war, gibt es bis heu­te Spe­ku­la­tio­nen. Fast al­le His­to­ri­ker sind je­doch der An­sicht, dass der Kron­prinz ge­schos­sen hat.

Sie fand kei­ne „ewi­ge Ru­he“: Am 22. De­zem­ber 1992 wur­de das Gr­ab im Auf­trag der Staats­an­walt­schaft Wi­en ge­öff­net – und die to­te Ma­ry Vet­s­e­ra war nicht da!

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