Ge­schich­te der Ein­bau­kü­che: GE­BURTS­STUN­DE DES ZEN­TRUMS

Kurier_Kuechentraeume - - INHALTSANGABE - EL­GIN FEUSCHAR

Was hin­ter der Kü­chen­zei­le steckt

Die Ent­ste­hung der Ein­bau­kü­che reicht fast hun­dert Jah­re zu­rück und hält sich dank der Vi­si­on ei­ner Ar­chi­tek­tin hart­nä­ckig in un­se­ren Haus­hal­ten.

Die Kü­che ist das Epi­zen­trum der Fa­mi­lie und bringt auf wew­ni­gen Qua­drat­me­tern die Men­schen zu­sam­men. Für vie­le ist es das stra­te­gi­sche Haupt­quar­tier der ei­ge­nen vier Wän­de, das wie ein Schwei­zer Uhr­werk funk­tio­nie­ren muss. Ko­chu­ten­si­li­en wie Töp­fe oder Pfan­nen müs­sen im­mer griff­be­reit sein, um­das Ko­chen­zu­er­leich­tern. Wer nun glaubt, dass die­ser Raum will­kür­lich über Jahr­zehn­te ent­stan­den ist, täuscht ge­wal­tig. Das De­sign der mo­der­nen Kü­che ent­sprang der Vi­si­on ei­ner in­no­va­ti­ven Ar­chi­tek­tin aus Wi­en.

DER WER­DE­GANG. Mar­ga­re­te Schüt­te-li­hotz­ky er­blick­te 1897 in Wi­en das Licht der Welt. Der Va­ter, ein Staats­be­am­ter und die Mut­ter, ein So­cia­li­te der da­ma­li­gen k.u k. Kunst­sze­ne, schu­fen ihr ein wohl be­hü­te­tes El­tern­haus. Die jun­ge Gre­te wuss­te schon früh, was sie woll­te. Dank der en­gen Freund­schaft ih­rer Mut­ter mit Gus­tav Klimt, be­kam sie ein Emp­feh­lungs­schrei­ben für die k. k. Kunst­ge­wer­be­schu­le (heu­te: Uni­ver­si­tät für an­ge­wand­te Kunst Wi­en). Von 1915 bis 1919 war sie die ers­te weib­li­che Teil­neh­me­rin und konn­te un­ter den Leh­ren be­rühm­ter Künst­ler wie Jo­sef Hoff­mann oder Os­kar Ko­kosch­ka ei­ne re­nom­mier­te Fa­kul­tät be­su­chen. Wäh­rend ih­rer Stu­di­en­zeit ent­deck­te sie ih­re Lei­den­schaft für die Ar­chi­tek­tur und be­gann ein Stu­di­um un­ter der Lei­tung des be­rühm­ten ös­ter­rei­chi­schen Ar­chi­tek­ten Os­kar Strnads. Die­ser war ein Vor­rei­ter des so­zia­len Woh­nungs­baus und lehr­te in sei­nem Un­ter­richt die Funk­tio­na­li­tät und Prak­ti­ka­bi­li­tät in Wohn­häu­sern.

DIE FRANK­FUR­TER KÜ­CHE. Li­hotz­ky gra­du­ier­te schluss­end­lich 1932 als ers­te Ös­ter­rei­che­rin ein Ar­chi­tek­tur­stu­di­um. Im An­schluss dar­auf ent­warf sie an­ge­spornt durch Strnads Leh­ren und in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ar­chi­tek­ten Adolf Loos die ers­ten Wohn­häu­ser für In­va­li­den und Ve­te­ra­nen des Ers­ten Welt­kriegs in Wi­en. Das Bau­pro­jekt war ein vol­ler Er­folg und ließ den deut­schen Ar­chi­tek­ten Ernst May auf sie auf­merk­sam wer­den. May lei­te­te zur Zeit ein groß­an­ge­leg­tes So­zi­al­bau­pro­jekt der Stadt Frankfurt und bat Li­hotz­ky, ihm da­bei zu hel­fen. Ihr Ent­wurf zur Frank­fur­ter Kü­che 1926 war der ers­te sei­ner Art, der sich rein der Funk­tio­na­li­tät wid­me­te. Die­ser Pro­to­typ dient noch heu­te als Vor­la­ge der mo­der­nen Ein­bau­kü­che.

FUNK­TIO­NA­LI­TÄT ÜBER AL­LES. „Es wird Sie über­ra­schen, dass ich be­vor ich die Frank­fur­ter Kü­che 1926 kon­zi­pier­te, nie selbst ge­kocht ha­be. Ich ha­be die Kü­che als Ar­chi­tek­tin ent­wi­ckelt, nicht als Haus­frau“, so Li­hotz­ky zur Fra­ge, wie ihr die Idee zum Ent­wurf kam. Es zeigt wie prag­ma- tisch und ra­tio­nal die Raumöko­no­mie der Kü­che auf­ge­baut ist. Nur sechs­ein­halb Qua­drat­me­ter groß war der Pro­toyp nach Li­hotz­kys Plan und rich­te­te sich in ers­ter Li­nie nach Funk­tio­na­li­tät. Mö­bel, Ko­chu­ten­si­li­en und so­gar Zu­ta­ten wur­den stra­te­gisch plat­ziert und un­ter­la­gen dem da­ma­li­gen Kon­zept der Ra­tio­na­li­sie­rung von Haus­wirt­schaft. Bis 1930 wur­den in rund 10.000 Woh­nun­gen der So­zi­al­sied­lun­gen in Frankfurt Li­hotz­kys Kü­che ein­ge­baut. Beim Ent­wurf wur­den ein­zel­ne Ar­beitschrit­te zeit­lich ge­mes­sen, um ei­ne Op­ti­mie­rung des Ar­beits­auf­wan­des zu er­rei­chen. Die Frank­fur­ter Kü­che galt als Vor­bild der schwe­di­schen Kü­che, wel­che seit den Fünf­zi­ger­jah­ren welt­weit Ein­zug in vie­len Haus­hal­ten hielt und bis heu­te in gro­ßen Mö­bel­häu­sern zu kau­fen ist. -

Die Ar­beits­schrit­te der Kü­che wur­den ge­nau ver­mes­sen und soll­ten den Auf­wand hal­bie­ren

Im Wie­ner Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst steht ei­ne

ex­ak­te Re­plik

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