Die Zeit der gro­ßen Ro­ben

KURIER_MARIA THERESIA - - Die Jungen Jahre - VON CHRIS­TI­AN NEU­HOLD

Es war die Ära der eng ge­schnür­ten Mie­der, der tie­fen De­kol­le­tes, der aus­la­den­den Reif­rö­cke und der reich ver­zier­ten Gehrö­cke der Her­ren. Män­ner und Frau­en tru­gen ge­pu­der­te Pe­rü­cken. Das galt selbst­ver­ständ­lich nur für den Adel. Das ge­mei­ne Volk trug Zweck­mä­ßi­ges

A LA FRANCAISE. Frank­reichs Son­nen­kö­nig Lud­wig XIV. war der mo­di­sche Trend­set­ter des 17. Jahr­hun­derts, des­senGe­schmackauch­noch­dieK­lei­dung der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts do­mi­nier­te. Er lässt die stren­gen Spit­zen­krä­gen und das fa­de Schwarz, in dem sich der Ade­li­gen in ganz Eu­ro­pa bis da­hin ge­klei­det hat­ten, ent­fer­nen und holt Far­ben und opu­len­te For­men an sei­nen Hof nach Ver­sailles. Im „Scher­gen­teu­f­fel“wird­dieMän­ner­klei­dungder­da­ma­li­genZeit­s­eh­r­ein­dring­lich be­schrie­ben: in­ner­halb we­ni­ger Jah­re glei­chen Män­ner ei­nem Kram­la­den, „so mit man­cher­ley far­ben von nes­teln, Bän­deln, Zwei­fels­stri­cken, Schlüpf­fen...sie sind an Haut und Haa­ren, anHo­sen­un­dWambs...be­hen­ket, be­knöp­fet­und­be­la­den.“Zum­mo­disch wich­tigs­ten Teil wird das Hemd, das zwi­schen Jäck­chen und Ho­se so­wie un­ter den Är­meln her­vor­quillt. Der Rock be­kommt ei­ne Tail­le und wird zum „jus­te-au-corps“, dar­un­ter trägt Man­nein­reich­be­stick­tesWams, das­ab jetzt „la ves­te“heißt. SEI­DE UND SAMT. Die Frau­en be­frei­en sich von der mühl­steinar­ti­gen Rund­krau­se­und­zei­gen­tie­feDe­kol­le­tes. Das Kor­sett wird zu ei­nem selbst­stän­di­gen Klei­dungs­stück. Es kann an­stel­le des Mie­ders ge­tra­gen wer­den, be­kommt Är­mel und ist aus kost­ba­rem Stoff her­ge­stellt und mit vie­len Schlei­fen, Edel­stei­nen und Gold- und Sil­ber­sti­cke­rei­en ver­ziert. Der Rock wird aus­la­dend und er­hält ei­neSchlep­pe, de­renLän­ge­wie­ein­stim Mit­tel­al­ter auf den ge­sell­schaft­li­chen Rang der Trä­ge­rin schlie­ßen lässt. Die Tail­le wird au­ßer­or­dent­lich eng ge­schnürt und ist oft mit Spit­zen und Schlei­fen ver­se­hen. Auf­denVe­du­ten­vonCa­nalet­tos­ind­die so ge­klei­de­ten ade­li­gen Da­men in den Gär­ten des Bel­ve­de­res oder Schön­brunns zu se­hen. „Vor­neh­me Reif­rock­da­men sanft ho­fiert von ih­ren ein­drucks­si­cher stei­fen Ka­va­lie­ren“, wie der dich­ter Jo­sef Wein­he­ber die­se Wi­en-An­sich­ten be­schrie­ben hat. Für die aus­la­den­den For­men des Reif­rocks sind Rei­fen aus Holz, Fisch­bein oder Fe­der­stahl. Die Form hat gro­ße Ähn­lich­keit mit den da­mals auf Märk­ten ver­wen­de­ten Hüh­ner­kör­ben, den­so­ge­nann­tenPa­ni­ers. Ge­gen 1730 flacht das Pa­nier vor­ne und hin­ten ab und er­hält ei­ne quer-ova­le Form. Im Lau­fe der Jah­re wer­den die Reif­rö­cke tech­nisch ver­fei­nert, die Fisch­bein­rei­fen wer­den ent­we­der in Tun­nel ein­ge­zo­gen oder mit Ge­len­ken und Bän­dern zu klapp­ba­ren Ge­stel­len zu­sam­men­ge­fügt, was ih­re Auf­be­wah­rung er­leich­tert. GEPUDERT UND VERZIERET. Das wich­tigs­te Stan­des­zei­chen der Zeit wird die Pe­rü­cke, die bei Män­nern und Frau­en zu­se­hendsüp­pi­ge­rund­wuch­ti­ger­wird. Wa­ren an­fangs noch un­ter­schied­li­che Haar­far­be­nen­vogue, ist­dick­ge­pu­der­tes Weiß die Far­be des 18. Jahr­hun­derts. Im Jahr­zehnt vor der fran­zö­si­schenRe­vo­lu­tio­ner­fährt­diePe­rü­cken­mo­de ver­rück­te Aus­wüch­se. Am Hof Lud­wig XVI. und Ma­rie An­toi­net­tes tra­gen die Da­men die so­ge­nann­te Fon­tan­ge, ei­nenTurm­bau, de­rim­mer­brei­ter und hö­her wird und schließ­lich den kopf um zwei Kopf­län­gen über­ragt.

Zu­erst wa­ren die Rö­cke rund­um aus­ge­stellt, (re.), dann mehr oval (Mit­te). Erst ge­gen En­de des 18. Jahr­hun­derts kam der Reif­rock zu­guns­ten an­ge­neh­me­rer Rock­for­men aus der Mo­de (re.)

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