Das tra­gi­sche En­de ei­ner Kö­ni­gin

KURIER_MARIA THERESIA - - Mater Castrorum - VON CHRIS­TI­AN NEU­HOLD

Am 16. Ok­to­ber 1793 en­det Punkt 12.15 Uhr das Le­ben von Ma­rie An­toi­net­te, der jüngs­ten Toch­ter Ma­ria The­re­si­as, un­ter dem Fall­beil der Guil­lo­ti­ne. Die Kö­ni­gin von Frank­reich wird von den Re­vo­lu­tio­nä­ren knapp neun Mo­na­te nach ih­rem Mann, Kö­nig Lud­wig XVI., hin­ge­rich­tet

FLATTERHAFT. Die Nach­rich­ten, die Ma­ria The­re­sia vom Hof von Ver­sailles er­hält, brin­gen­sie­zu­rVer­zweif­lung. Sie ha­tih­rerToch­terMa­rieAn­toi­net­te, die sie­mitLud­wi­gXVI., Kö­nig­vonFrank­reich, ver­hei­ra­tet hat, zwar zum Ab­schied emp­foh­len, sich in Frank­reich wie ei­ne Fran­zö­sin zu be­neh­men, doch sie hat­te da­mit nicht das Nach­ei­fern fran­zö­si­scher Un­sit­ten ge­meint. Wie im­mer, wen­nih­ret­wa­sa­nih­re­nin­ganz Eu­ro­pa ver­streut le­ben­den Kin­dern nicht passt, greift die Mon­ar­chin en­er­gisch zur Fe­der. „Man sa­ge, ih­re Fri­sur mes­se von den Haar­wur­zeln an sechs­und­rei­ßig Zoll in die Hö­he. Ei­ne jun­ge hüb­sche Frau, die so­vielAn­mut­hat, brauch­tall­die­seTor­hei­ten nicht. Man hö­re auch, daß Sie Arm­bän­der­um250.000Li­v­re­ge­kauft, zu­die­se­mZweckIh­reEin­künf­te­deran­giert und Schul­den ge­macht ha­ben. In den Zei­tun­gen sei jetzt noch von Pfer­de­ren­nen, Ha­sard­spie­len und durch­wach­ten Näch­ten die Re­de... Die­se Aus­flü­ge mit dem Gra­fen von Ar­tois ha­ben mir um so mehr Kum­mer ge­macht, als ich die Kon­se­quen­zen vor­aus­se­he...Auf­dieDau­er­wird­die­seJagd nach­Ver­gnü­genIh­rerGe­sund­heit­und Ih­rem Ruf scha­den.“ VERZOGENES NESTHÄKCHEN. An der eher lo­cke­ren Auf­fas­sung von roya­len Pflich­ten durch die Toch­ter ist Ma­ria The­re­siaal­ler­dings­nicht­gan­zun­schul­dig. Zwar­wird­da­s1755in­Wi­en­ge­bo­re­ne15. Kind­derKai­ser­in­schon­mit­elf Jah­ren „für den Dau­phin in Frank­reich de­sti­nie­ret“. Doch­auf­dieAuf­ga­be­vor­be­rei­tet wird sie nicht. Au­ßer Re­li­gi­on wird ihr im Haus­un­ter­richt in Schön­brun­nund­in­derHof­bur­g­nicht­viel­bei­ge­bracht. Rech­nen wird sie nie be­son­ders gut kön­nen, Le­sen schätzt sie nur we­nig, ihr Kla­vier­spiel geht über ein­fa­chesGe­klim­per­nicht­hin­au­sun­dFran­zö­sisch, im­mer­hin bald die Spra­che ih­rer­neu­en­Hei­mat, lernt­das­jun­geMäd­chen nur müh­sam und spricht es oh­ne Esprit. Am­liebs­ten­tanzt­si­einThea­ter­stü­cken und kos­tü­miert sich. Sie ist eben ein „Wind­kopf“, wie Ma­ria The­re­sia we­nig schmei­chel­haft be­merkt. 1770un­ter­nimmt­dieFrauMa­ma­ei­nen letz­ten Ver­such, der flat­ter­haf­ten Toch­ter doch et­was bei­zu­brin­gen. Sie lässt das Bett der da­mals Vier­zehn­jäh­ri­gen in ihr ei­ge­nes Schlaf­zim­mer stel­len. Vor dem Ein­schla­fen will sie Ma­rie An­toi­net­te persönlich auf ih­re Auf­ga­ben als Kö­ni­gin vor­be­rei­ten. Die münd­li­che Un­ter­wei­sung er­gänzt sie durch ein „Re­gle­ment“, das sie der Toch­ter­vor­de­renAbrei­se­zu­rHoch­zeit in Frank­reich in die Hand drückt. Sie soll es ge­fäl­ligst je­des Mo­nat ein­mal le­sen, da­mit sie den Habs­bur­gern kei­ne Schan­de ma­che. Da­zu gibt es noch je­de Men­ge münd­li­che Rat­schlä­ge: „Wenn Du­amMor­gen­auf­wachst, ste­he­gleich auf, be­te­auf­denK­ni­en­Dei­neMor­gen­ge­be­te, und le­se et­was aus ei­nem geist­li­chen Buch. Sei nicht neu­gie­rig und schä­me Dich nicht, je­der­mann um Rat zu fra­gen, und tu nichts nach ei­ge­nem Er­mes­sen.“Als stän­di­ger Begleiter wird ihr Mer­cy d’Ar­gen­te­au­zu­rSei­te­ge­stellt, mit­dem die Mut­ter auch ei­ne Ge­heim­kor­re­s­pon­zenz per Son­der­ku­rier zwi­schen Schön­brunn und Ver­sailles ver­ein­bart. Denn sie kennt ih­re Toch­ter nur zu gut un­d­weiß, dass­sie­ohne­len­ken­de Hand an in­tri­gan­ten fran­zö­si­schen Hof wohl ganz ver­lo­ren sein wird. LAN­GE KIN­DER­LOS. Die wich­tigs­te Nach­richt, näm­lich je­ne über ei­ne Schwan­ger­schaft, und da­mit über die Er­fül­lung der wich­tigs­ten Pflicht ei­ner Kö­ni­gin, näm­lich­ei­nenThron­er­ben­zu be­kom­men, lässt­lan­ge­auf­sich­war­ten. Mo­nat­fürMo­natschreib­tMa­rieAn­toi­net­te der Mut­ter, dass die „Ge­ne­ra­lin“wie sie die Mens­trua­ti­on in den Ge­heim­de­pe­schen nen­nen, wie­der ein­ge­trof­fen sei. Und dass „es wei­ter nichts zwi­schen uns gibt.“Lud­wig XVI. ist durch ei­ne Phi­mo­se, ei­ne Ve­ren­gung der Vor­haut, nicht in der La­ge, die Ehe zu­voll­zie­hen. Erst­sie­benJah­re­nach­der Ver­mäh­lung lässt er sich end­lich ope­rie­ren. Mit Er­folg, das ers­te Kind, Ma­rie-The­re­se-Char­lot­te wird 1778 ge­bo­ren. Am flat­ter­haf­ten Le­ben und der Ver­gnü­gungs­sucht der jun­gen Frau soll­te sich aber nichts än­dern. Statt sich bei den Aus­ga­ben zu­rück­zu­hal­ten, ver­an­stal­tet sie sünd­haft teu­re Schä­fer­spie­le, für die gan­ze Dör­fer bei Ver­sailles künst­lich nach­ge­baut wer­den. Täg­lich kom­men neue Klei­der und neue Schmuck­stü­cke, die Spiel­schul­den ex­plo­die­ren. DieMut­ter­schreibt­ver­zwei­felt:„Wen­nSie­sich­trei­ben­las­sen, se­he ich gro­ßes Un­glück vor­aus, aber dann wird es zu spät sein. Ich wün­sche nicht, die­ses Un­glück zu über­le­ben.“ BITTERES EN­DE. Sie er­lebt es nicht mehr. 13 Jah­re nach dem Tod der Mut­ter, we­ni­geTa­ge­vo­rih­rem38. Ge­burts­tag, wird Ma­rie An­toi­net­te am 16. Ok­to­ber 1793 um 11.00 Uhr von Sol­da­ten der Re­vo­lu­ti­on aus der Con­cier­ge­rie, dem Stadt­ge­fäng­nis in Pa­ris, ge­führt. Sie trägt ein ein­fa­ches, schmuck­lo­ses wei­ßes Ge­wand, das Haar ist kurz ge­scho­ren, von Ju­we­len kei­neSpur, als­sie­auf­denHen­ker­kar­ren steigt, der sie quer durch die Stadt zur Place de la Re­vo­lu­ti­on fährt, vor­bei an den Tui­le­ri­en, ih­rer frü­he­ren Hei­mat. Oh­nePro­test­steigt­sie­auf­da­sScha­fott. Um12.15fäll­tda­sFall­beil. Ma­ri­aThe­re­si­as Toch­ter ist tot.

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