8 Kin­der auf 7 Thro­nen

KURIER_MARIA THERESIA - - Mater Castrorum - VON GE­ORG MAR­KUS

TU FE­LIX AUS­TRIA NU­BE. Fried­rich II. hat­te sei­ne Ar­me­en, Ma­ria The­re­sia hat­te ih­re Kin­der. Und die setz­te sie in Sa­chen Hei­rats­po­li­tik min­des­tens so ge­schickt ein wie ihr Geg­ner sei­ne Sol­da­ten. Acht ih­rer Kin­der sa­ßen auf sie­ben Thro­nen und herrsch­ten über die wich­tigs­ten Län­der des ka­tho­li­schen Teils Eu­ro­pas. Ma­ria The­re­sia galt in ih­ren letz­ten Jah­ren als „Schwie­ger­mut­ter Eu­ro­pas“. Doch ähn­lich wie ein Ge­ne­ral sei­ne Sol­da­ten nicht nach ih­rer Mei­nung fragt, wer­den Söh­ne und Töch­ter der Habs­bur­ge­rin nicht ge­fragt, ob sie mit den ih­nen zu­ge­wie­se­nen Ehe­part­nern ein­ver­stan­den sind. Ge­hei­ra­tet wird, wer dy­nas­tisch der Frau Ma­ma in den Kram passt. Be­son­ders no­bel ging’s da nicht zu, denn die Kai­se­rin muss­te et­lich­eih­rerTöch­ter­förm­lich­zwin­gen, aus Staats­rä­son Ehen ein­zu­ge­hen, die nur­denGrund­hat­ten, Ös­ter­reichsEin­fluss in der Welt zu fes­ti­gen. DÜMMLICH, SCHWACH, GEFÜHLLOS. So soll­teMa­ri­aThe­re­si­a­sach­teToch­terErz­her­zo­gin Jo­han­na Ga­b­rie­la, ur­sprüng­lich den als dümmlich, schwach und gefühllos be­schrie­be­nen Kö­nig Fer­di­nand I. von Nea­pel-Si­zi­li­en hei­ra­ten. Sie starb da­vor an den Po­cken. Dann war ih­re­neun­teToch­terMa­ri­aJo­se­pha für die­se „Par­tie“vor­ge­se­hen. Sie pro­tes­tier­te ver­geb­lich ge­gen die Ver­lo­bung und hät­te un­ter nor­ma­len Um­stän­den auch die Hoch­zeit nicht ver­hin­dern kön­nen, die am 15. Ok­to­ber 1767 in der Wie­ner Au­gus­ti­ner­kir­che ge­fei­ert wer­den soll­te. Doch auch sie fin­det nicht statt: Ma­ria Jo­se­pha­s­tirb­t­ju­stan­die­se­mTag, eben­falls an den Po­cken. UND NOCH EI­NE TOCH­TER. Nur zwei Wo­chen nach dem Tod der Erz­her­zo­gin fragt der spa­ni­sche Kö­nig Karl III. – er ist Fer­di­nands Va­ter – bei der Kai­se­rin in Wi­en an, ob sie nicht noch ei­ne Toch­ter­für­s­ei­nen­of­fen­sicht­lich­schwer ver­mit­tel­ba­ren Sohn hät­te – das war nun schon die drit­te! Ma­ria The­re­si­as Ant­wort vom 18. No­vem­ber 1767 ent­nimmt man, dass Kö­nigs­kin­der da­mals tat­säch­lich wie Vieh ver­scha­chert

Der rei­che Kindersegen er­laub­te Ma­ria The­re­sia ei­ne eben­so of­fen­si­ve wie bru­ta­le Hei­rats­po­li­tik, die ihr den Ti­tel „Schwie­ger­mut­ter Eu­ro­pas“ein­trug. Ih­re Söh­ne Jo­seph und Leo­pold folg­ten ih­rer Herr­schaft als ös­ter­rei­chi­sche Kai­ser, sechs wei­te­re Kin­der wur­den auf an­de­ren Thro­nen plat­ziert.

wur­den: „Da ich si­cher­lich nicht we­ni­ger als Eu­re Ma­jes­tät das Ver­lan­gen emp­fin­de, mein Haus mit de­mIh­ren­zu­ver­bin­den, ge­beichIh­nen mit gro­ßer Freu­de ei­ne der mir ver­blie­be­nenTöch­ter, um­denVer­lust­aus­zu­glei­chen, den­wir­be­wei­nen. Ich­ha­be zur­zeit zwei, die in­fra­ge kä­men: Die ein­eist­dieErz­her­zo­ginA­ma­lia, die­über ein an­ge­neh­mes Ge­sicht ver­fügt wie auch über ei­ne sol­che Ge­sund­heit, dass man auf ei­ne zahl­rei­che Nach­kom­men­schaft hof­fen dürf­te; die an­de­re ist die Erz­her­zo­gin Ma­ria Ka­ro­li­na, die auch von gu­ter Ge­sund­heit ist und au­ßer­dem ein Jahr und sie­ben Mo­na­te jün­ger als der Kö­nig von Nea­pel. Ich las­se Eu­rer Ma­jes­tät die Frei­heit der Wahl.“Die „Wahl“fällt auf die Erz­her­zo­gin Ma­ria Ka­ro­li­na, die sich mit Hän­den und Fü­ßen ge­gen den Hoch­zeitsScha­cher wehrt – doch sie ist chan­cen­los. Dann ge­schieht al­ler­dings Un­glaub­li­ches: Die Ehe bleibt vier Jah­re lang kin­der­los, da­nach schenkt Ma­ria Ka­ro­li­na­de­mGe­mahl­nicht­we­ni­ge­rals 18 Kin­der – ein Re­kord selbst in­ner­halb des kin­der­rei­chen Hau­ses Habs­burg. Ma­ria Ka­ro­li­na hat ih­ren Mann nicht ge­liebt – aber ihr Schick­sal mit ei­nem Über­maß an Dis­zi­plin zu ak­zep­tie­ren ge­lernt. „DIE TÖRICHTE LIE­BE VERGEHT“. Nicht viel bes­ser soll­te es der noch „üb­rig­ge­blie­be­nen“Ma­ria Ama­lia er­ge­hen. Sie muss­te, eben­falls ge­gen ih­ren Wil­len, mit dem Her­zog Fer­di­nand von Bour­bon-Par­ma vor den Trau­al­tar tre­ten. Vor­her­ga­bih­r­dieKai­se­rin­noch­ein paar­brief­li­cheTipps, die­wohl­au­fih­ren ei­ge­nen, teils schmerz­li­chen Er­fah­run­gen ba­sier­ten: „Je mehr du dei­nem Man­neF­rei­heit­lässt, desto­lie­bens­wür­di­ger­wirst­duih­m­s­ein­und­um­so­mehr wird er dich su­chen. Trach­te ihn zu un­ter­hal­ten, zu be­schäf­ti­gen, dass er sich­nir­gends­bes­ser­be­fin­de. Je­mehr­du dei­nem Ge­mahl Frei­heit lässt, des­to an­häng­li­cher wird er sein. Die törichte Lie­be vergeht bald. Al­le Ehen wür­den glück­lich­sein, wenn­man­sichso­be­neh­men wür­de!“ DIE EIN­ZI­GE LIE­BES­HEI­RAT. Ne­ben so vie­len fa­mi­liä­ren, aber auch staats­po­li­ti­schen Pro­ble­men blei­ben Ma­ria The­re­sia auch der ei­ne oder an­de­re Licht­blick. Ei­ner ist die Hei­rat ih­rer Lieb­lings­toch­ter Ma­rie Chris­ti­ne mit dem Prin­zen Al­bert von Sach­sen-Te­schen, ei­nem Sohn der Habs­bur­ge­rin Ma­ria Jo­se­pha. Die­se Ehe war die ein­zi­ge rei­ne Lie­bes­hei­rat, die Ma­ria The­re­sia ih­ren Kin­dern er­laub­te. Nach­dem die ein­zi­ge Toch­ter­des­jun­genPaa­re­samTag­nach der Ge­burt starb, blieb die Ehe kin­der­los, wor­auf Ma­rie Chris­ti­ne ih­ren Nef­fen, Erz­her­zog Karl, ad­op­tier­te. Der war der spä­ter ge­fei­er­te Feldherr, der Na­po­le­on in der Schlacht bei Aspern im Mai 1809 die ers­te Nie­der­la­ge zu­füg­te. VIE­LE SYM­PA­THI­EN. Ma­ria The­re­si­as Schwie­ger­sohn Al­bert wur­de zum Statt­hal­ter von Un­garn und spä­ter als Ge­ne­ral­gou­ver­neur der Ös­ter­rei­chi­schen Nie­der­lan­de er­nannt, wo er und sei­nee­ben­so­schö­ne­wie­klu­geFrau­sich die Sym­pa­thi­en des Adels und der Be­völ­ke­rung er­war­ben. Gleich­zei­tig­bau­ten­das­über­aus­kunst­in­ter­es­sier­te Paar Ma­rie Chris­ti­ne und Al­bert von Sach­sen-Te­schen die Wie­ner Al­ber­ti­na – heu­te ei­ne der be­deu­tends­ten gra­fi­schen Samm­lun­gen der Welt – auf. Her­zo­gin Ma­rie Chris­ti­ne blieb mit ih­rer Mut­ter bis zu de­ren Tod in en­ger Ver­bin­dung. Sie hat ihr wohl nie ver­ges­sen, dass sie als ein­zi­ges Kind ei­nen Mann hei­ra­ten durf­te, den sie tat­säch­lich ge­liebt hat.

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