Bio als trei­ben­de Kraft

Über will­kom­me­ne Ne­ben­wir­kun­gen, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und die Zu­kunfts­mu­sik des Bio-land­baus. Und war­um das ex­pe­ri­men­tel­le Rin­der-strei­cheln Schu­le ma­chen könn­te.

Kurier_Natuerlich Leben - - INHALT - – INTERVIEW: ANDREA KRIE­GER

Fibl-chef Urs Nigg­li über Rin­der­strei­cheln als Chan­ce

Die Schweiz spiel­te ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Ent­wick­lung von Bio-er­näh­rung und Öko­Land­bau. Ge­gen­wär­tig treibt der Eid­ge­nos­se Urs Nigg­li das The­ma vor­an. Der KURIER sprach mit dem Lei­ter des For­schungs­in­sti­tuts für bio­lo­gi­schen Land­bau, kurz FIBL oder auch „’s Fi­b­li“ge­nannt.

Was be­wirkt Bi­oland­wirt­schaft für ei­ne Re­gi­on?

Urs Nigg­li: Im Hü­gel­land und in den Ber­gen stell­ten gan­ze Dör­fer und Re­gio­nen auf Bio um. In Salz­burg sind es 50 Pro­zent, in Grau­bün­den 63. Das bringt vie­le Ve­rän­de­run­gen mit sich. So kön­nen die Bio-bau­ern ihr Sor­ti­ment aus­wei­ten und auf­grund des hö­he­ren Prei­ses, den sie für Öko-le­bens­mit­tel be­kom­men, auch Spe­zi­al­pro­duk­te mit klei­ne­ren An­bau­men­gen an­pflan­zen. Da die Kom­bi­na­ti­on aus Bio und re­gio­nal be­son­ders ge­fragt ist, tritt man als re­gio­na­le Mar­ke auf und es ent­ste­hen ge­mein­sa­me Mar­ke­tin­ginitia­ti­ven. Die Wei­ter­ver­ar­bei­tung pas­siert dann eben­falls in der Re­gi­on. Durch die Be­lie­fe­rung der Ho­tel­le­rie ent­steht ver­stärkt Bio-tou­ris­mus. Au­ßer­dem bie­ten Bio-bau­ern zu­sätz­lich oft Ur­laub am Bau­ern­hof an. Es kom­men al­so vie­le Ar­beits­plät­ze hin­zu.

Wel­che Spe­zi­al­pro­duk­te ent­ste­hen da?

Häu­fig sind es Bio-milch und Kä­se­spe­zia­li­tä­ten. Viel­fach geht die Initia­ti­ve zur Um­stel­lung denn auch vom lo­ka­len Kä­ser und Milch­ver­ar­bei­ter aus. Man­che be­gin­nen Bi­oBerg­kräu­ter und an­de­re al­te Ge­trei­de­sor­ten wie Din­kel und Buch­wei­zen an­zu­bau­en.

Ob­wohl sich vie­le kon­ven­tio­nel­le Land­wir­te et­wa die me­cha­ni­sche Un­krau­tent­fer­nung von den Bio-bau­ern ab­schau­en, wün­schen Sie sich ein mo­der­ne­res Image für Öko-land­wir­te?

Kon­ven­tio­nel­le Land­wir­te fin­den Bio-land­bau un­mo­dern. Jun­ge Bau­ern stel­len heu­te nicht mehr so oft auf Bio um als noch vor ei­ni­gen Jah­ren. Das Image muss sich än­dern.

Tra­gen die Öko-bau­ern zu die­sem Bild bei?

Ge­ra­de im Ge­mü­se­bau könn­te man noch viel Hand­ar­beit durch ei­nen Un­krau­t­ro­bo­ter er­set­zen. Bi­o­Bau­ern sa­gen oft, das wür­de Jobs ver­nich­ten. Nur geht es hier um tem­po­rä­re Bil­lig­ar­beits­kräf­te.

Au­ßer­dem füh­len sich die Bi­o­Bau­ern durch die vie­len Ver­ord­nun­gen ein­ge­engt. Mit der Eu-bio-richt­li­nie wur­den Re­geln fest­ge­legt, die auf den Pio­nie­ren des Bio-land­baus be­ru­hen. Die meis­ten sind hoch­ak­tu- ell, aber es gibt auch alt­mo­di­sche. 395 von 400 che­mi­schen Pes­ti­zi­dWirk­stof­fen sind ver­bo­ten, Kup­fer und Schwe­fel al­ler­dings im­mer noch er­laubt. Da müs­sen bes­se­re Al­ter­na­ti­ven her.

Wo liegt das Pro­blem bei Kup­fer?

Das ge­gen pflanz­li­che Pilz­krank­hei­ten ein­ge­setz­te Kup­fer ist für den Men­schen völ­lig un­pro­ble­ma­tisch, als Spu­ren­ele­ment braucht er Kup­fer so­gar. Es wur­de al­ler­dings zu we­nig dar­auf ge­ach­tet, dass es sich als Schwer­me­tall im Bo­den nicht mehr ab­baut. Die Krank­heits­re­gu­lie­rung bei Pflan­zen ist ge­ne­rell ein gro­ßes De­fi­zit im Bio-land­bau. Wo­bei das Ri­si­ko nicht im­mer gleich groß ist.

Wo­von hängt es ab?

Je mehr Zwi­schen­kul­tu­ren an­ge­pflanzt wer­den und je frucht­ba­rer der Bo­den ist, des­to we­ni­ger pil­z­an­fäl­lig sind die Pflan­zen. Au­ßer­dem gibt es re­sis­ten­te Sor­ten – bei den Äp­feln ge­gen den Schorf, im Wein­bau ge­gen den Mehl­tau.

War­um kon­zen­triert man sich nicht auf die­se Sor­ten?

Sie ha­ben sich am Markt noch nicht durch­ge­setzt. Zum Glück lau­fen der­zeit meh­re­re Eu-pro­jek­te mit Pflan­zen­ex­trak­ten als na­tür­li­che Mit­tel zur Pilz­be­kämp­fung. Dem­nächst be­ginnt der Zu­las­sungs­pro­zess. Am­fi­blar­bei­ten­wir­seit 30Jah­ren am Er­satz von Kup­fer, end­lich se­hen wir Licht am En­de des Tun­nels.

Wie sieht Mo­der­ni­sie­rung in der Tier­hal­tung aus?

Ganz an­ders! Da set­zen wir zum Bei­spiel auf die Mensch-tier-be­zie­hung. In ei­nem Ex­pe­ri­ment ha­ben wir Käl­ber in den­ers­ten drei Ta­gen je­weils zehn Mi­nu­ten und dann bis Mo­nats­en­de ein­mal wö­chent­lich ge­strei­chelt. Die­se Käl­ber wa­ren viel zu­trau-

li­cher, hat­ten spä­ter beim­trans­port in den Schlacht­hof kei­nen Stress. Die Fleisch­qua­li­tät war dann auf­grund von we­ni­ger Stress­hor­mo­nen bes­ser.

An­de­rer­seits re­den Sie im­mer wie­der vom Melk­ro­bo­ter. Die Bau­ern kön­nen da­durch zwar län­ger schla­fen, die Ma­schi­ne re­du­ziert aber den Kon­takt zum Tier.

Wir ha­ben Kü­he auch mit Sen­so­ren für Tem­pe­ra­tur, Be­we­gung, Fress- und Wie­der­kau-ak­ti­vi­tät an den Half­tern be­stückt. Das lie­fert uns wert­vol­le In­fos für die Züch­tung ge­sün­de­rer Kü­he, die mehr Gras fres­sen. Ob Sen­sor oder Melk­ro­bo­ter: Wenn in der Tier­hal­tung High­tech ver­wen­det wird, soll­te der Bauer ei­nen Teil der ge­won­ne­nen Frei­zeit da­für ver­wen­den, sei­nen Tie­ren mehr Auf­merk­sam­keit zu schen­ken.

Sie be­zeich­nen Flie­gen­ma­den als das „Steak der Zu­kunft“. War­um?

In­sek­ten lie­fern hoch­wer­ti­ges Pro­te­in, des­halb wer­den sie für die Wel­ter­näh­rung noch ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Die Asia­ten es­sen sie längst, in Eu­ro­pa wird sich das wohl nicht durch­set­zen.

Die For­schung macht al­so et­was an­de­res: Wir las­sen Ma­den je­ne Ab­fäl­le fres­sen, die im Le­bens­mit­tel­be­reich an­fal­len. Die fet­ten, ge­trock­ne­ten Ma­den wer­den dann zu In­sek­ten­mehl ver­ar­bei­tet. Da­mit könn­te man Schwei­ne, Hüh­ner und Zucht­fi­sche füt­tern. Wür­de man al­le Le­bens­mit­tel-ab­fäl­le zu In­sek­ten­mehl ver­edeln, könn­te man 60 Pro­zent der öko­lo­gisch be­denk­li­chen So­ja­im­por­te aus Bra­si­li­en strei­chen.

Es­sen Sie selbst die­se In­sek­ten?

Nein. Wir ver­wen­den die ex­trem pro­duk­ti­ven Schwar­zen Sol­da­ten­flie­gen für die In­sek­ten­mehl-her­stel­lung. Sie stin­ken aber fürch­ter­lich.

„Bei High­tech in der Tier­hal­tung soll­te der Bauer die ge­won­ne­ne Zeit da­für nüt­zen, sei­nen Tie­re mehr Auf­merk­sam­keit zu schen­ken.“

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