Ei­ne ech­te Er­folgs­sto­ry

Kurier_Natuerlich Leben - - INHALT - ANDREA KRIE­GER

Wie die bio­lo­gi­sche Land­wirt­schaft be­gann

Bio ist in vie­ler Mun­de. Wie ein Phi­lo­soph und Schul­grün­der, land­wirt­schaft­li­che Skan­da­le, die Um­welt­be­we­gung, die Hip­pies und der Han­del Bio-le­bens­mit­tel schließ­lich mas­sen­taug­lich mach­ten.

118 Eu­ro. Das gibt der Durch­schnitts-ös­ter­rei­cher jähr­lich für Bio- Le­bens- und Nah­rungs­mit­tel aus. Bei neun von zehn Men­schen lan­den die­se laut Sta­tis­tik Aus­tria zu­min­dest ge­le­gent­lich im Ein­kaufs­korb. Am häu­figs­ten in Form von Obst und Ge­mü­se, ge­folgt von Milchund Ge­trei­de­pro­duk­ten. Aber wann darf sich ein Bio-pro­dukt ei­gent­lich so nen­nen?

Sämt­li­che Ge- und Ver­bo­te ste­hen in der Eu-Bio-Ver­ord­nung. Al­len vor­an sind che­misch-syn­the­ti­sche Pflan­zen­schutz­mit­tel und -dün­ger ta­bu. Der da­durch ver­rin­ger­te Ern­te-er­trag er­klärt eben­so den meist hö­he­ren Preis von Bio-Pro­duk­ten wie die Vor­schrif­ten für die art­ge­rech­te Tier­hal­tung. So muss ge­nug Aus­lauf und Platz zur Ver­fü­gung ste­hen. Das Fut­ter ist bio­lo­gisch und frei von Hor­mo­nen und Gen­tech­nik. Die Fol­ge sind stär­ker naturbelassene Le­bens­mit­tel, die Ge­nuss mit gu­tem Ge­wis­sen ge­gen­über der Um­welt und den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen er­mög­li­chen.

DIE WUR­ZELN. 17 Pro­zent al­ler Land­wir­te ar­bei­ten nach Bio-re­geln. Da­mit ist Ös­ter­reich Welt­meis­ter. Be­reits 1927 gab es mit dem Wur­zer­hof in Kärn­ten den ers­ten öko­lo­gi­schen Land­wirt­schafts­be­trieb. „Es wa­ren al­ler­dings aus­ge­rech­net Nicht-bau­ern, die ent­deck­ten, dass das Bo­den­le­ben von gro­ßer Be­deu­tung ist“, er­zählt Claus Hol­ler von Dach­ver­band Bio Aus­tria. Die Initi­al- zün­dung lie­fer­te 1924 Ru­dolf St­ei­ner. Der Phi­lo­soph und Päd­ago­ge, der vor al­lem als Schul­grün­der be­kannt ist, hielt ei­ne viel­be­ach­te­te Vor­trags­rei­he mit dem Ti­tel: „Geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen zum Ge­dei­hen der Land­wirt­schaft“. Nicht nur am Wur­zer­hof wird bis heu­te nach den Leh­ren St­ei­ners ge­wirt­schaf­tet. Ins­ge­samt gibt es mitt­ler­wei­le 180 ös­ter­rei­chi­sche Bau­ern, die sich die­ser so ge­nann­ten bio­lo­gisch-dy­na­mi­schen Land­wirt­schaft ver­schrie­ben ha­ben und im De­me­ter-ver­band ver­eint sind. Klas­sisch ist die Art wie die Frucht­bar­keit des Bo­dens er­höht wird. Zu­nächst wer­den Kuh­hör­ner mit Dung ge­füllt und im Herbst ver­gra­ben. Im Früh­jahr schabt man den In­halt aus den Hör­nern und ver­dünnt ihn stark mit Was­ser. Als fei­ner Sprüh­re­gen wird der Mix dann in ho­möo­pa­thi­schen Do­sen auf die Fel­der auf­ge­tra­gen und soll ei­ne en­er­ge­ti­sche Wir­kung auf Bo­den und Pflan­zen aus­üben. Sol­che Ver­fah­rens­wei­sen sind frei­lich Vie­len zu eso­te­risch.

Ei­nen wei­te­ren be­deu­ten­den öko­lo­gi­schen An­satz, „je­doch oh­ne geis­ti­gen Über­bau“, ent­wi­ckel­ten ein paar Jah­re spä­ter der Bio­lo­ge Hans Mül­ler und sei­ne Frau in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Bak­te­rio­lo­gen Han­sPe­ter Rusch. Die Mehr­heit der Öko­Bau­ern in der Al­pen­re­pu­blik ori­en­tiert sich an die­ser so­ge­nann­ten or­ga­nisch-bio­lo­gi­schen Wirt­schafts­wei­se. Mit der bio­lo­gisch-dy­na­mi­schen Land­wirt­schaft ge­mein­sam hat sie die Scho­nung des Bo­dens durch Frucht­fol­gen, den An­bau von Hül­sen­früch­ten zwi­schen­durch zur An­rei­che­rung des Bo­dens mit Stick­stoff und nicht zu­letzt das Dün­gen mit Mist, Gül­le und Jau­che der Tie­re des Bau­ern­hofs. Für Pio­nie­re bei bei­den Ver­fah­ren gilt: Et­li­che Bau­ern wen­de­ten der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft nach ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men den Rü­cken zu.

AN­DERS ES­SEN. Auf Kon­su­men­ten­sei­te ent­stand ab 1910 ei­ne Ge­sund­heits­be­we­gung, die Voll­wer­ter­näh­rung pro­pa­gier­te. Als ei­ner der Grün­der­vä­ter gilt ein Schwei­zer Kur­arzt na­mens Maximilian Os­kar Bir­cherBen­ner. Sei­ne „ Ap­fel­di­ät­spei­se“soll­te als Müs­li in die Ge­schich­te ein­ge­hen. Das Ur-müs­li be­stand üb­ri­gens aus ein­ge­weich­ten Ha­fer­flo­cken, Äp­feln samt Scha­le und Ge­häu­se, Nüs­sen, Zi­tro­nen­saft und Milch.

AUF­GE­DECKT. In den 60ern er­schien „Der stum­me Früh­ling“der USA­me­ri­ka­ne­rin Ra­chel Car­son. Bi­oEx­per­te Hol­ler sieht in dem Best­sel­ler über die öko­lo­gi­schen Schä­den durch das Spritz­mit­tel Di­chlor­di­phe­nyltri­chlor­ethan ( DDT) „das Schlüs­sel­werk für al­le Um­welt­be­we­gun­gen.“Die Schrift be­wirk­te nicht nur, dass DDT ver­bo­ten wur­de, son­dern auch, dass sich zu­neh­mend Men­schen für grüne The­men en­ga­gier­ten und or­ga­ni­sier­ten.

Un­ter­des­sen ent­deck­te die Hip­pie-be­we­gung das Müs­li wie­der. Auch wenn man sich das heu­te kaum vor­stel­len kann: „Voll­wert-

er­näh­rung wur­de zum Teil des Pro­tests ge­gen die El­tern­ge­ne­ra­ti­on.“Das war die Ge­burts­stun­de der Na­tur­kost­lä­den in Deutsch­land und spä­ter der Re­form­häu­ser hier­zu­lan­de. En­de der 70er schließ­lich ent­stand im Zu­ge des Pro­tests ge­gen die In­be­trieb­nah­me des AKW Zwen­ten­dorf die ers­te Um­welt­be­we­gung in Ös­ter­reich, die wie­der­um da­zu bei­trug, dass Bio-richt­li­ni­en in den Ös­ter­rei­chi­schen Le­bens­mit­tel­ko­dex auf­ge­nom­men wur­den. Ein Mei­len­stein war 1991 die ers­te Fas­sung der Eu-bio-ver­ord­nung, die ge­nau de­fi­nier­te, wel­che Pro­duk­te sich Bio nen­nen dür­fen. Nicht zu­letzt groß­zü­gi­ge Eu-för­de­run­gen führ­ten ab dem Eu-bei­tritt Ös­ter­reichs 1995 da­zu, dass Bio-Bau­ern wie Schwa­merln aus dem Bo­den schos­sen. Et­wa zur glei­chen Zeit stie­gen die gro­ßen Han­dels­ket­ten mit ei­ge­nen Mar­ken ins Bio-Ge­schäft ein. „Das An­ge­bot, die stän­di­ge Ver­füg­bar­keit, die Wer­bung und der Preis lös­ten ei­nen Bio-boom bei den Kon­su­men­ten aus“, so Hol­ler. Fünf Jah­re spä­ter wur­de der Hö­henf lug durch den Bse-skan­dal noch­mals ge­stoppt. Im Som­mer des Vor­jah­res schließ­lich er­hiel­ten Bio-le­bens­mit­tel durch die „New­cast­leStu­die“neu­en Rü­cken­wind. Im Rah­men der Un­ter­su­chung wur­de die bis­her größ­te Ein­zel­zahl an Stu­di­en zur Fra­ge­stel­lung: ,Ist Bio ge­sün­der?’ aus­ge­wer­tet. Ein wich­ti­ges Er­geb­nis war, dass der Ge­halt an An­ti­oxi­dan­ti­en, die ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Ver­lang­sa­mung des Al­te­rungs­pro­zes­ses spie­len, bei öko­lo­gisch an­ge­bau­tem Obst um 30 bis 70 Pro­zent hö­her ist. „Ein Bio-ap­fel hat so vie­le An­ti­oxi­dan­ti­en wie ein­ein­halb kon­ven­tio­nel­le Äp­fel“, sagt Bio-agrar­for­scher Urs Nigg­li (sie­he auch Interview S 36), ei­ner von 20 Stu­di­en­au­to­ren. „Be­denkt man, dass die Men­schen oh­ne­hin zu we­nig Obst und Ge­mü­se es­sen, ist das al­les an­de­re als ir­re­le­vant.“

Schwein ge­habt. Bei Bio ist art­ge­rech­te Tier­hal­tung

in­klu­si­ve

Och­sen­ge­spann bei der Ar­beit,

USA 1931

Äl­te­rer Bauer bei der Ern­te, En­g­land 1953

Un­ga­ri­sche Land­ar­bei­te­rin beim Heu­en, ca. 1955

Der äl­tes­te Bio- Be­trieb Ös­ter­reichs, der Wur­zer­hof

En­g­land 1986: Ar­beits­pfer­de sind noch da­bei

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