We­ge nach vor­ne

Kurier_Natuerlich Leben - - INHALT - INTERVIEW: ANJA GEREVINI

Lud­wig Mau­rer, Bio For­schung Aus­tria, im Ge­spräch

Lud­wig Mau­rer weiß, wo­von er spricht, schließ­lich ar­bei­te­te er be­reits an den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben für Bio-bau­ern mit. Im Interview spricht er auch über ih­re Zu­kunft.

Er stu­dier­te Zoo­lo­gie, Me­teo­ro­lo­gie und Bio­che­mie in Wi­en. Sein In­ter­es­se galt je­doch von An­fang an der bio­lo­gi­schen Land­wirt­schaft. Er stu­dier­te Zoo­lo­gie, Me­teo­ro­lo­gie und Bio­che­mie in Wi­en. 1980grün­de­te Lud­wig­mau­rer das In­sti­tut „Bio For­schung Aus­tria“, des­sen Ob­mann er heu­te ist. Im Ge­spräch zeigt der Ken­ner der Sze­ne auf, wo für die Zu­kunft die größ­ten Stol­per­stei­ne lie­gen.

Heu­te ge­hört Bio fast schon zum gu­ten Ton. Wie war das am An­fang?

Lud­wig Mau­rer: Das war nicht im­mer so. An­fangs gab es sei­tens der Wirt­schaft und der Agrar­wis­sen­schaft er­bit­ter­ten Wi­der­stand. Die Kon­su­men­ten hin­ge­gen ver­wech­sel­ten die bio­lo­gi­schen An­bau­me­tho­den mit ge­sun­der Er­näh­rung. Da­zu kam, dass es kein ob­jek­ti­vier­ba­res Re­gel­werk gab. Es kam al­so ver­mehrt zu Wild­wuchs. Al­so wur­de 1980 ei­ne Kom­mis­si­on ein­ge­setzt, die fest­hal­ten soll­te, was Bio be­deu­tet. Zwei Jah­re spä­ter konn­te Bio ge­nau be­schrie­ben wer­den, ei­ne ob­jek­ti­vier­ba­re Me­tho­de war fer­tig­ge­stellt. Ös­ter­reich war so­mit der ers­te Re­gu­la­tor der Welt, der der Le­bens­mit­tel­be­hör­de ein In­stru­ment in die Hand gab, und Bio als das dar­stell­te, was es ja ist: als ei­ne agra­ri­sche Me­tho­de, die be­schrie­ben und über­prüft wer­den kann.

Ver­läuft der Um­stieg von kon­ven­tio­nel­len auf bio­lo­gi­sche Be­trie­be in Ös­ter­reich zu­frie­den­stel­lend?

In Ös­ter­reich sind 20 Pro­zent der land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­be als Bio zer­ti­fi­ziert. Da­von be­die­nen wie­der­um 20 Pro­zent die so­ge­nann­te wei­ße Li­nie – es geht da al­so um­milch und Milch­pro­duk­te. Das hal­te ich schon für ei­ne gu­te Mar­ke. Bei Fleisch so­wie Obst und Ge­mü­se gibt es al­ler­dings Nach­hol­be­darf. Vor al­lem dort, wo Tier­hal­tung ins Spiel kommt, gibt es zu we­nig Um­stie­ge von kon­ven­tio­nel­le auf Bio-be­trie­be.

Wor­an liegt das?

Mei­nes Erach­tens hat das zwei Grün­de. Bei Rin­der- und Schweine­be­trie­ben sta­gnie­ren die Zah­len si­cher­lich des­we­gen, weil die In­ves­ti­tio­nen bei ei­nem Um­stieg so hoch wä­ren. Die Bau­ern müss­ten ja ih­re Stäl­le kom­plett um­bau­en. Und das ren­tiert sich vor al­lem bei klei­nen Be­trie­ben ein­fach nicht.

Man muss aber auch sa­gen, dass das Ver­hal­ten der Kon­su­men­ten da­zu bei­trägt. Ge­ra­de beim Kauf von Fleisch ach­ten sie enorm auf den Preis – und Bio-fleisch kos­tet nun ein­mal mehr. Sie wis­sen aber nicht, wo die Le­bens­mit­tel her­kom­men und wie sie her­ge­stellt wer­den. Ich hal­te das für ei­nen der wich­tigs­ten Bil­dungs­mo­men­te über­haupt, dass der Ent­frem­dung zur Land­wirt­schaft im ur­ba­nen Be­reich ent­ge­gen­ge­ar­bei­tet wer­den muss. Zwar ha­ben die Su­per­markt­ket­ten viel da­zu bei­ge­tra­gen, dass Bio vom Kon­su­men­ten an­ge­nom­men wird, aber sie müs­sen mit Über­zeu­gung hin­ter den Pro­duk­ten ste­hen, denn sie sind es, die be­stim­men, wie es in der Land­wirt­schaft in Zu­kunft wei­ter­geht. Bei Bio steht die Er­hal­tung ei­nes frucht­ba­ren Bo­dens und das Tier­wohl im Vor­der­grund, es geht nicht dar­um, kurz­fris­tig ho­he Er­trä­ge zu er­zie­len. Aber ge­nau das soll­ten schon Schü­ler ler­nen. Ich wür­de es für un­glaub­lich wich­tig er­ach­ten, dass Kin­der ver­pflich­tend ein Prak­ti­kum in ei­ner Land­wirt­schaft ab­sol­vie­ren.

Wo­hin be­wegt sich Ih­rer Mei­nung nach Bio in Ös­ter­reich?

Wir ste­hen vor ei­ner Wen­de. Vor dem EU Bei­tritt gab es bei der Rei­fe ein Im­port­ver­bot. Das be­deu­te­te, dass et­wa kei­ne Ma­ril­len ein­ge­führt wer­den durf­ten, wenn die­se bei uns reif wa­ren. Das ist jetzt na­tür­lich ob­so­let. Aber ich den­ke, es be­darf trotz­dem ge­wis­ser Re­gu­la­ti­ve oh­ne die Im­por­te zu ver­bie­ten, denn wir ha­ben in Ös­ter­reich vie­le Kleinst­be­trie­be, die kaum über­le­ben kön­nen – man den­ke nur an die Berg­bau­ern.

Die gro­ße Fra­ge für die Zu­kunft ist al­so: Wie kön­nen ös­ter­rei­chi­sche Be­trie­be ih­re Pro­duk­te auf dem Markt un­ter­brin­gen? Und da zeigt sich schon jetzt, dass es vie­le schlaue Bau­ern gibt, die un­ter­neh­me­risch den­ken. Sie ent­wi­ckeln ei­ge­ne Pro­dukt­li­ni­en, die sie di­rekt ver­mark­ten. Oder sie eta­blie­ren Er­zeu­ger-und Ver­brau­cher­ge­mein­schaf­ten oder ar­bei­ten für Lie­fer­diens­te. All die­se Ide­en stam­men aus dem Bio-be­reich. So er­zie­len die Land­wir­te letzt­lich auch ein bes­se­res­ein­kom­men, dennn­u­ran­das La­ger­haus zu ver­kau­fen bringt nichts ein. Ih­re Fan­ta­sie in der Ver­mark­tung ist künf­tig ge­fragt, denn es ist kurz­sich­tig, sich nur auf För­der­mit­tel zu­ver­las­sen. Ich bin­a­ber­ab­so­lut über­zeugt da­von, dass Bio die Zu­kunft ist. Der Hun­ger die­ser Welt liegt nicht an der Be­wirt­schaf­tung, son­dern an der Pro­dukt­ver­tei­lung. Es liegt in un­se­rer Ver­ant­wor­tung, den Men­schen in den sich ent­wi­ckeln­den Län­dern zu zei­gen, wie sie an­bau­en kön­nen, da­mit sie kei­nen Hun­ger lei­den und da­bei ihr Land nicht schä­di­gen.

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„Ei­ner der wich­tigs­ten Bil­dungs­mo­men­te un­se­rer Zeit ist, der Ent­frem­dung zur Land­wirt­schaft im ur­ba­nen Be­reich ent­ge­gen­zu­wir­ken.“

Lud­wig Mau­rer, Ob­mann Bio For­schung Aus­tria

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