Sys­tem­än­de­rung nö­tig

Bei der Hal­tung von Nutz­tie­ren gibt es vie­le un­ge­lös­te Pro­ble­me. Aber der ös­ter­rei­chi­sche Bio-be­reich prescht hier vor­an.

Kurier_Natuerlich Leben - - INHALT - INTERVIEW: ANJA GEREVINI

„Vier Pfo­ten“for­dert art­ge­mä­ße Tier­hal­tung

So­bald Tie­re in der Land­wirt­schaft be­trof­fen sind, gibt es über die Hal­tungs­be­din­gun­gen kon­tro­ver­si­ell, ja hit­zig ge­führ­te Dis­kus­sio­nen. Kor­nel Ci­mer, der Nutz­tier­ex­per­te der Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on „Vier Pfo­ten“, fasst die größ­ten Pro­ble­me zu­sam­men.

Wie wür­den Sie art­ge­rech­te Tier­hal­tung in der Land­wirt­schaft de­fi­nie­ren?

Kor­nel Ci­mer: Zu­nächst ein­mal – das Wort art­ge­recht ver­wen­den wir nur im Zu­sam­men­hang mit Wild­tie­ren, da Tie­re nur in Frei­heit wirk­lich al­le ih­re Be­dürf­nis­se aus­le­ben kön­nen. Und da­mit sind wir ei­gent­lich auch bei der Ant­wort: In al­len Tie­ren sind Ver­hal­tens­mus­ter an­ge­legt. Wenn ein Hal­tungs­sys­tem so ge­ne­riert ist, dass die Tie­re die­se gut aus­le­ben kön­nen, dann ist es ei­ne art­ge­mä­ße Hal­tung. Tie­re dür­fen nicht an das Sys­tem an­ge­passt wer­den, es muss um­ge­kehrt sein.

Und das ist in Bio-be­trie­ben ge­ge­ben?

Prin­zi­pi­ell ist zu sa­gen, dass Bi­o­Be­trie­be ei­ne art­ge­mä­ße Tier­hal­tung an­stre­ben und dar­auf ach­ten, dass die­se ihr Ver­hal­ten bes­ser aus­le­ben kön­nen. Es gibt aber auch in den ver­schie­de­nen Spar­ten noch gro­ße Un­ter­schie­de.

Was mei­nen Sie ge­nau da­mit?

Be­gin­nen wir beim Mast­schwein. In der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft ver­bringt es im Nor­mal­fall sein Le­ben in ge­schlos­se­nen Hal­len. Es steht im­mer auf so­ge­nann­ten Spal­ten­bö­den, durch die Urin und Kot in die Gül­le fal­len. Ein Schwein hat den Trieb, in der Er­de zu wüh­len. Es will er­kun­den. Da ihm nichts bleibt, was es er­kun­den kann, be­ginnt es, Art­ge­nos­sen zu er­kun­den und manch­mal an­zu­knab­bern. Da­zu kommt, dass die­se Tie­re ih­re Be­rei­che – al­so Schla­fund Fress­platz und den Ort zum Ko­ten – tren­nen. Das kann es in die­ser Hal­tungs­form nicht.

Und zu gu­ter Letzt ist es im­mer noch Stan­dard, dass den Tie­ren rou­ti­ne­mä­ßig der Schwanz ku­piert wird, au­ßer­dem wer­den Eber oh­ne Be­täu­bung kas­triert. Die­se Hal- tungs­form ist al­so kei­nes­wegs art­ge­mäß.

Die Bio-schwei­ne­hal­tung schon?

Nun, im Bio-stall ist we­sent­lich mehr Platz, er ist et­wa dop­pelt so groß wie in der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft, das bei glei­chem Be­stand. Er muss mit Stroh ein­ge­streut sein. Ver­pflich­tend ist auch ein Aus­lauf. Lei­der be­deu­tet das aber nicht, dass die Tie­re auf der Wie­se her­um­lau­fen kön­nen, denn ei­ne Art Ter­ras­se reicht. In die­sem Punkt sind uns die nor­di­schen Län­der weit vor­aus, wo Frei­land­hal­tung ein Muss ist. Da ist noch viel Nach­hol­be­darf nö­tig – und auch bei der Kastra­ti­on oh­ne­be­täu­bung, denn­da­gibt es kei­nen Un­ter­schied zwi­schen bio­lo­gi­scher und kon­ven­tio­nel­ler Land­wirt­schaft. Da­zu kommt, dass nur zwei Pro­zent der rund drei Mil­lio­nen in Ös­ter­reich le­ben­den Schwei­ne in ei­ner Bio-hal­tung le­ben.kurz: Bio-schwei­ne ha­ben es si­cher­lich bes­ser, aber wün­schens­wert wä­re ei­ne Frei­land­hal­tung. Das ist in Ös­ter­reich aber lei­der ei­ne ver­schwin­dend klei­ne Min­der­heit.

Und wie sieht es bei der Hüh­ner­hal­tung aus?

Die kon­ven­tio­nel­le Hal­tung fin­det in ge­schlos­se­nen Stäl­len statt, au­ßer­dem dür­fen mehr Tie­re pro Qua­drat­me­ter ge­hal­ten wer­den. In der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft wer­den beim Mast­huhn Ras­sen ver-

wen­det, die sehr schnell wach­sen. Die Tie­re sind nach fünf Wo­chen be­reits schlachtreif. Das bringt aber Pro­ble­me bei der Lauf­fä­hig­keit mit sich, da die Phy­sio­lo­gie nicht mehr mit­spie­len kann. Hüh­ner, die nicht lau­fen kön­nen, ha­ben kei­nes­falls ein art­ge­mä­ßes Le­ben.

Das Bio-mast­huhn ent­stammt ei­ner lang­sam wach­sen­den Ge­ne­tik, es wird erst nach neun bis zehn Wo­chen schlachtreif. Ge­sund­heits­pro­ble­me sind da­mit al­so schon ein­mal aus­ge­schal­tet. Es hat auch ver­pflich­tend mehr Platz im Stall und ihm steht ein Aus­lauf zur Ver­fü­gung. Lei­der liegt der Markt­an­teil bei Bio-mast­hüh­nern aber nur bei drei Pro­zent. Hier be­steht al­so noch gro­ßer Auf­hol­be­darf. Was auch im Bi­o­Be­reich nicht aus­rei­chend ist, ist die Struk­tu­rie­rung der Aus­lauf­flä­chen. Hüh­ner brau­chen Bü­sche und Bäu­me, da­mit sie sich wohl­füh­len. Sie müs­sen sich ver­ste­cken kön­nen, wenn sie sich in Ge­fahr glau­ben, sonst füh­ren sie kein art­ge­mä­ßes Le­ben.

Im Be­reich der Le­ge­hen­nen sieht die Sa­che wahr­schein­lich nicht viel an­ders aus?

Bo­den­hal­tung be­deu­tet nur, dass sich die Hüh­ner frei be­we­gen kön­nen. In der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft wer­den Le­ge­hen­nen in ge­schlos­se­nen Stäl­len ge­hal­ten, sie ha­ben kei­nen Aus­lauf im Frei­en. Und der Tier­be­satz ist drei Mal so hoch wie in Bio-be­trie­ben.

Der gro­ße Knack­punkt bei den Hüh­nern ist aber der Um­gang mit den männ­li­chen Kü­ken?

Ge­nau. Die Ket­te funk­tio­niert heut­zu­ta­ge so: In den so­ge­nann­ten Groß­el­tern­be­trie­ben wird mit un­ter­schied­li­chen Ras­sen ge­züch­tet. Die­se kom­men dann in die El­tern­be­trie­be, wo sie be­fruch­te­te Eier pro­du­zie­ren. Nächs­tes Glied der Ket­te ist ei­ne Brü­te­rei, wo die Eier bei kon­stan­ter Tem­pe­ra­tur aus­ge­brü­tet wer­den.wenn die Kü­ken schlüp­fen, be­ginnt das Di­lem­ma: Et­wa die Hälf­te der Po­pu­la­ti­on ist für das Sys­tem schlicht und ein­fach un­ef­fi­zi­ent, weil sie kei­ne Eier le­gen kön­nen. Gleich nach dem Schlupf wer­den da­her männ­li­che Hüh­ner ge­tö­tet. Man er­kennt bei den brau­nen Ras­sen üb­ri­gens an der Far­be des Flaums, ob es sich um männ­li­che oder weib­li­che Tie­re han­delt. Die weib­li­chen Kü­ken wer­den fünf Mo­na­te lang auf­ge­zo­gen, be­vor sie in den Le­ge­be­trieb kom­men. Das ist ein un­trag­ba­rer Zu­stand, des­halb ha­ben wir mit Ja! Na­tür­lich und der Brü­te­rei Schlier­bach zwei Jah­re lang ver­schie­de­ne Hal­tungs­sys­te­me und Hüh­ner­ras­sen ge­tes­tet, um ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu dem bis­he­ri­gen Ver­fah­ren auf­zei­gen zu kön­nen.

Und jetzt ist ein Durch­bruch ge­lun­gen?

Ja, zum Glücks­ind die Me­di­en­auf das The­ma ein­ge­stie­gen. Und al­le Play­er – die Bio Aus­tria, zwei Bi­oB­rü­te­rei­en und die gro­ßen Bio-han­dels­mar­ken – ha­ben an ei­nem Strang ge­zo­gen. Da­durch wur­de die Ket­te ge­schlos­sen. Für die Bio-land­wirt­schaft gibt es kei­ne ge­setz­li­che Ver­ord­nung, aber ei­ne ver­pflich­ten­de Bran­chen­lö­sung.

Was be­deu­tet die Bran­chen­lö­sung?

Ab so­fort wer­den im Bio-be­reich in Ös­ter­reich El­tern­tier­her­den auf­ge­baut. Ein­ge­setzt wird die Ras­se „San­dy Loh­mann“. Es han­delt sich da­bei um ein Zwei­nut­zungs­huhn. So wer­den die männ­li­chen Kü­ken nicht mehr­nach­dem­schlupf­ge­tö­tet. Sie kom­men in die Mast – und im ös­ter­rei­chi­schen Le­bens­mit­tel­ko­dex ist ver­an­kert, wie sie ge­hal­ten wer­den müs­sen. Sie ha­ben ei­nen Stall mit Stro­hein­streu, ei­nen Au­ßen­kli­ma­be­reich und ei­nen Grün­aus­lauf. Das über­trifft so­gar den Bio-stan­dard.

Jetzt muss sich der Han­del über­le­gen, wie er die­se Mast­häh­ne krea­tiv ver­mark­tet. Und na­tür­lich muss der Kon­su­ment mit­spie­len, denn wenn er die­ses Hüh­ner­fleisch nicht kauft, war al­les um­sonst. Je­den­falls über­le­ben durch die­se Lö­sung et­wa 600.000 männ­li­che Kü­ken im Jahr.

Bio über­nimmt al­so ein­mal mehr ei­ne Vor­rei­ter­rol­le?

Ja. Aber auch im Bio-Be­reich wür­de ich mir noch mehr für ei­ne art­ge­mä­ße Tier­hal­tung er­war­ten. Das be­trifft et­wa die be­reits er­wähn­te Kastra­ti­on in der Schwei­ne­hal­tung. Vor al­lem aber muss es bei Trans­port und Schlach­tung ei­ne flä­chen­de­cken­de Lö­sung ge­ben. Hier gibt es kei­nen Un­ter­schied zwi­schen der kon­ven­tio­nel­len und der bio­lo­gi­schen Land­wirt­schaft. Die Vor­ga­ben für Bio-be­trie­be en­den­mo­men­tan an der Stall­tü­re. Und da muss sich noch viel än­dern.

„Von art­ge­mäß re­den wir nur, wenn die phy­si­schen und psy­chi­schen Kom­po­nen­ten für das Tier stim­men.“Kor­nel Ci­mer, Nutz­tier­ex­per­te bei „Vier Pfo­ten“

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