Wenn Bäu­me in den Him­mel wach­sen

Kurier_Natuerlich Leben - - INHALT - CORDULA PUCHWEIN

Die bes­ten Bei­spie­le nach­hal­ti­ger Ar­chi­tek­tur

Al­les im grü­nen Be­reich! Das the­ma nach­hal­tig­keit ist längst auch am Bau an­ge­kom­men und reicht von bio­lo­gi­schen ma­te­ria­li­en bis zu be­pflanz­ten Fas­sa­den.

Im Mai­län­der Ge­schäfts­vier­tel Por­ta Nuo­va wach­sen neu­er­dings die Bäu­me in den Him­mel – nicht bloß sprich­wört­lich. Tat­säch­lich ge­dei­hen hier Bäu­me und Pflan­zen in luf­ti­ger Hö­he, bis­wei­len so­gar auf 110 Me­tern. So hoch ist ei­ner der bei­den spek­ta­ku­lä­ren Wol­ken­krat­zer mit dem klin­gen­den Na­men „Bosco Ver­ti­ca­le“– zu Deutsch: „ver­ti­ka­ler Wald“. Ei­ne tref­fen­de Be­zeich­nung für zwei Him­mels­stür­mer, die durch ih­re ein­zig­ar­ti­ge grüne Ar­chi­tek­tur neue Mei­len­stei­ne im Be­reich des nach­hal­ti­gen Bau­ens set­zen. Tat­säch­lich zieht sich an den 76 und 110 Me­ter ho­hen Au­ßen­wän­den dich­ter Wald em­por. Gut 900 Bäu­me sind es, mit Wuchs­hö­hen zwi­schen drei, sechs und neun Me­tern. Un­ter­malt wird der uri­ge Wald von schub­la­den­ar­ti­gen Trö­gen, al­le voll mit Pflan­zen von 90 ver­schie­de­nen Gat­tun­gen. Zu ebener Er­de wür­de das ei­ner Flä­che von 10.000 Qua­drat­me­tern ent­spre­chen. Bloß, die­ser Wald ist ver­ti­kal und schon kurz nach sei­ner Fer­tig­stel­lung die grüne Vor­zei­ge­oa­se im Her­zen der nord­ita­lie­ni­schen Me­tro­po­le. Und obend­rein ein schö­nes Sym­bol für um­welt­freund­li­che Ar­chi­tek­tur, ver­wirk­licht von Ste­fa­no Boe­rie. Der Mai­län­der Ar­chi­tekt will „mit die­sem Pro­jekt Men­schen und Bäu­me in ei­ne neue Be­zie­hung zu­ein­an­der brin­gen.“Das ist löblich, aber im Kern der Sa­che so neu nun auch wie­der nicht. Die Idee, Pflan­zen als Teil der Ge­bäu­de­struk­tur zu ver- wen­den, hat­te Ken Yeang schon 1992 beim „Men­a­ra Me­si­n­ia­ga To­wer“im ma­lay­si­schen Su­bang Ja­ya. Er setz­te da­mit ers­te Maß­stä­be im Be­reich grü­ner Ar­chi­tek­tur. Sei­ne Fas­sa­de mit na­tür­li­cher Luft­zir­ku­la­ti­on mach­te den Turm zum ers­ten bio­kli­ma­ti­schen Hoch­haus der Welt. Nicht zu ver­ges­sen Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser, der schon im Wi­en der 1980er Jah­re Bäu­me aus Häu­sern wach­sen hat las­sen.

AN­SPRUCHS­VOL­LER. Was al­ler­dings we­sent­lich an Re­le­vanz ge­won­nen hat, ist der tat­säch­li­che öko­lo­gi­sche An­spruch, den „Gre­en Buil­dings“er­fül­len sol­len, so­wohl was die Er­rich­tung an sich, aber auch ih­re Nut­zung über die Jah­re hin­weg an­geht.

So ver­rin­gert Ste­fa­no Boeris städ­ti­sches „Wald­haus“nach­weis­lich die Be­las­tun­gen durch Smog und Lärm. Gleich­wohl wird CO2 ab­sor­biert, im Ge­gen­zug Sau­er­stoff pro­du­ziert und, als an­ge­neh­mer Ne­ben­ef­fekt, die Tem­pe­ra­tur im In­ne­ren der Tür­me re­gu­liert. Beim „Bosco Ver­ti­ca­le“ge­hen Op­tik und Nut­zen ei­ne ge­lun­ge­ne Sym­bio­se ein. Aus gu­tem Grund wur­de die­ser Bau al­so jüngst mit dem zwei­ten Platz des re­nom­mier­ten Ar­chi­tek­tur­prei­ses für Wol­ken­krat­zer, dem „Em­po­ris Sky­scra­per Award“, be­lohnt. Die Sie­ger­tro­phäe hol­te sich aber das Ge­bäu­de­en­sem­ble Wang­jing So­ho in Pe­king. Das Trio ein­drucks­vol­ler Wol­ken­krat­zer mit Hö­hen von 118 bis 200 Me­ter, ent­wor­fen von Za­ha Ha­did Architects, über- zeug­te die Ju­ry ne­ben dem De­sign weich­flie­ßen­der For­men durch her­aus­ra­gen­de Ener­gie­ef­fi­zi­enz. „Das zeigt, dass Kri­te­ri­en wie Nach­hal­tig­keit und klu­ges De­sign ei­ne we­sent­lich wich­ti­ge­re Rol­le spie­len, als die Er­rich­tung neu­er Su­per­la­ti­ven“, sagt Da­ni­el Schuld von der Ar­chi­tek­tur­platt­form Em­po­ris. Dar­in klingt an, wor­um es in Zu­kunft auch beim Bau­en ge­hen wird: um Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz bei Ener­gie, Was­ser, Ma­te­ri­al. Und da­mit ist weit mehr ge­meint, als das her­kömm­li­che Ener­gie­spar­haus. Es geht um„in­ne­re Wer­te“. Das be­ginnt beim Um­gang mit Ma­te­ria­li­en aus nach­wach­sen­den Roh­stof­fen, sol­chen, die kreis­lauf­fä­hig sind und für schad­stoff­freie Wohn­um­ge­bung sor­gen.

Ein hei­mi­sches Pro­jekt, das sich um­fas­send mit die­ser fa­cet­ten­rei­chen The­ma­tik in­ten­siv be­fasst, ist der ha­sel­hof süd­lich von Sar­leins­bach im mühl­vier­tel. Da­bei han­delt es sich um ein Eco-haus des re­gio­na­len netz­wer­kes „Eco­for­ma“, das Bau­leu­te, Be­trie­be, for­schungs­ein­rich­tun­gen un­ter ein Dach bringt und folg­lich be­wei­sen will, dass na­tür­li­che Bau­stof­fe durch­aus mit kom­fort und Tech­nik kom­pa­ti­bel sind. Bis­wei­len be­gibt man sich da­bei auf ganz un­ge­wohn­te Pfa­de, in­dem man viel neu­es tes­tet: Brand­schutz­mit­tel aus Sa­men der lu­pi­nie et­wa, Zel­lu­lo­se­däm­mun­gen mit Was­ser und Bio-kle­ber, hei­zungs­put­ze auf kalk- und lehm­ba­sis, kalk­spach­tel fürs Bad oder Pro­te­in­kle­ber aus Top- fen. Vie­les da­von ist noch im lang­zeit-test, doch es gibt ei­ne Ah­nung, wie man viel­leicht in hin­kunft noch nach­hal­ti­ger bau­en will.

grüne Ar­chi­tek­tur heißt aber auch, dass man äs­the­tisch agiert. Aber nicht in dem Sinn, dass man Au­ßen- und in­nen­räu­me bloß schnell ein­mal be­hüb­scht, son­dern wirk­lich um­welt­be­wusst nach­hal­tig be­grünt. Da­bei er­weist sich neu­er­dings ei­ne ir­di­sche Ur­pflan­ze als ech­ter Zau­ber­stoff: moos. Der Ös­ter­rei­cher nor­bert ma­chek-klein von green­wall­tec (sie­he Bei­trag links) ist Pro­fi auf dem ge­biet. Sein er­fri­schen­des Cre­do: „Wer nach vor­ne blickt, soll­te nicht in grau­en Be­ton, son­dern im­mer in sat­tes grün schau­en!“

Ge­ni­al: Das Ho­tel „Par­kroy­al on Pi­cke­ring“in Sin­ga­pur ver­zau­bert mit 15.000 Qua­drat­me­ter „Sky­gar­dens“

Oben und kl. Bild: „Par­kroy­al Pi­cke­ring

Sin­ga­pur“: grün in al­len

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Au­gen­wei­de: Das Mu­sée du Quai Br­an­ly in Pa­ris von Je­an Nou­vel steht auf Pfos­ten mit­ten in ei­nem rie­si­gen Park

„Bosco Ver­ti­ca­le“: Mai­lands grü­nes Vor­zei­ge­pro­jekt

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