Auf der Su­che nach dem per­fek­ten Ma­te­ri­al

KURIER_PRET-A-PORTER - - Editorial - VON NI­CO­LA SCHWEN­DIN­GER

EI­NE FRA­GE, DIE SICH WOHL JE­DER AB UND AN STELLT UND AUF DIE ES KEI­NE EIN­DEU­TI­GE ANT­WORT GIBT.

EI­NE AN­NÄ­HE­RUNG AN EIN KOM­PLE­XES THE­MA DURCH EIN PAAR EIN­FA­CHE ENT­SCHEI­DUNGS­HIL­FEN.

Wir le­ben in ei­ner Welt, in der fast al­les so gut wie im­mer zu ha­ben ist. Bes­tes Bei­spiel: der Kon­sum von Klei­dung – in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten um 400 % ge­stie­gen. Ein Wahn­sinns­wert. Oh­ne jetzt in die klas­si­sche Män­ner Tot­schlä­ger­ar­gu­ments Ker­be schla­gen zu wol­len: Ein oder zwei Stü­cke trägt man so gut wie nie. War­um? Weil es ir­gend­wie nicht passt, selt­sam fällt oder un­an­ge­nehm auf der Haut ist. Oft kann man es gar nicht wirk­lich be­nen­nen – ist es viel­leicht ein schlech­tes Ma­te­ri­al? Ei­ne schlam­pi­ge Ver­ar­bei­tung? Zehn bis 20 Ver­ar­bei­tungs­schrit­te sind nö­tig, bis ein Kleid auf dem Bü­gel des Lieb­lings­la­dens hängt. Bis zu 8.000 Hilfs­mit­tel und 4.000 Farb­sto­fe um­fasst das Re­per­toire der In­dus­trie. Viel Po­ten­zi­al für klei­ne Feh­ler und gro­ßen Pfusch bzw. End­pro­duk­te, die ein­fach nicht den ei­ge­nen Er­war­tun­gen ent­spre­chen. Die Fra­ge nach „Was ist ein gu­ter Stof?“kann de fac­to nicht letzt­gül­tig be­ant­wor­tet wer­den. Die wich­tigs­te Bot­schaft: Es kommt dar­auf an, was man will.

KUNST­FA­SER HÄLT EI­NI­GES AUS

„Ich ver­glei­che es ger­ne mit Wein“, sagt Pe­ter Ko­mol­ka vom größ­ten Tex­til­ein­zel­händ­ler Eu­ro­pas in der Wie­ner Ma­ria­hil­fer Stra­ße. „Der teu­ers­te Wein kann dem ei­nen schme­cken, dem an­de­ren aber nicht. Das­sel­be gilt für bil­li­gen Wein.“Stof – und auch Klei­dung – zu kau­fen ist ein höchst emo­tio­na­ler und per­sön­li­cher Akt. Den­noch eint die Kun­den ei­nes, so der Händ­ler: „Al­le möch­ten et­was Be­son­de­res, das toll aus­sieht und we­nig kos­tet.“Aber da­bei bleibt es nicht. Die neue Ja­cke oder Ho­se soll bit­te auch stra­pa­zier­fä­hig und wasch­bar sein – oh­ne ein­zu­ge­hen oder sich zu ver­fär­ben, ver­steht sich. „Je hö­her der An­teil an Kunst­fa­sern, des­to eher ist das ge­ge­ben.“Die star­re Ein­tei­lung in gu­te Na­tur- und bö­se Kunst­fa­sern funk­tio­niert so nicht. Ers­tens: Na­tur­fa­sern sind nicht un­end­lich ver­füg­bar, ergo kommt man gar nicht um Kunst­fa­sern her­um. Zwei­tens: „Es gibt Kunst­fa­sern, da mer­ken Sie kaum mehr ei­nen Un­ter­schied zu Sei­de.“Und selbst wenn doch: Mit ei­nem dicht ge­wo­be­nen Sei­den­hemd kann man – um nur ein Bei­spiel zu nen­nen – stär­ker schwit­zen als mit ei­ner ofe­nen Kunst­fa­ser. Und wie kom­men ei­gent­lich die Som­mer 2016-Trend­far­ben „Se­re­ni­ty“und „Ro­se Quartz“zu­stan­de? Far­ben, die so in der Na­tur si­cher nicht vor­kom­men? Ei­ne Fra­ge, die uns zu den ein­gangs er­wähn­ten zehn bis 20 Ar­beits­schrit­ten zu­rück­führt. Ko­mol­ka: „Klei­dung wird teils mit che­mi­schen Mit­teln ge­schmei­dig ge­macht, das steht aber na­tür­lich nicht auf dem Eti­kett – je­den Ar­beits­schritt nach­zu­voll­zie­hen ist kaum mög­lich. Des­we­gen bie­te ich trotz gro­ßer Nach­fra­ge auch kei­ne Bio-Baum­wol­le an.“Der Tipp des Prois: selbst vom Lai­en zum Wis­sen­den wer­den. Soll hei­ßen: Sto­fe an­grei­fen, füh­len, rie­chen – und ver­ste­hen, was für ei­nen selbst rich­tig ist – und was nicht. Ob auf dem Eti­kett der Na­me ei­ner Hig­hS­treet- oder High-End-Mar­ke steht, hat üb­ri­gens – wen wun­dert’s – nicht im­mer et­was über die Stof­qua­li­tät zu sa­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.