Wenn der Schlaf fehlt

Rund ein Vier­tel al­ler Men­schen ist von Schlaf­stö­run­gen be­trof­fen. Län­ger an­dau­ern­der Schlaf­man­gel stellt ein ernst zu neh­men­des Ge­sund­heits­ri­si­ko dar, dem in der Me­di­zin zu­neh­mend mehr Auf­merk­sam­keit ge­schenkt wird.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - WER­NER STURMBERGER

Schlaf­stö­run­gen sind oft Aus­gangs­punkt von Er­kran­kun­gen

Esist­völ­li­gnor­mal,dass­man­ein­mal vor­über­ge­hend nicht so gut schläft. Häu­fig tritt das et­wa in ver­än­der­ten Le­bens­si­tua­tio­nen auf. Wenn sich die Si­tua­ti­on wie­der ein­ge­pen­delt hat, ge­ben sich in der Re­gel auch die Schlaf­stö­run­gen wie­der ganz von al­lein“, sagt Ger­da Sa­letuZyhlarz, Lei­te­rin der Schlaf­am­bu­lanz und des Schlaf­la­bors an der Wie­ner Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie. Bei vie­len Men­schen ist das aber nicht der Fall: In­ter­na­tio­na­le Um­fra­gen zei­gen, dass rund ein Vier­tel al­ler Men­schen schlaf­ge­stört ist. Krank­heits­wer­tig und be­hand­lungs­be­dürf­tig sind Schlaf­stö­run­gen dann, wenn sie über ei­nen Zei­t­raum von ei­nem Mo­nat min­des­tens drei Mal pro Wo­che auf­tre­ten.

OR­GA­NISCH, NICHT-OR­GA­NISCH.

Schlaf­stö­run­gen kön­nen sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ma­ni­fes­tie­ren: Sie um­fas­sen Pro­ble­me beim Ein- oder Durch­schla­fen, ein er­höh­tes Schlaf­be­dürf­nis, er­höh­te Ta­ges­mü­dig­keit und Ta­ges­schläf­rig­keit so­wie Stö­run­gen des Schlaf-Wach-Rhyth­mus. „Häu­fig stößt man auf schlaf­be­zo­ge­ne At­mungs­stö­run­gen, die vor al­lem in der Grup­pe der über 60-Jäh­ri­gen auf­tre­ten, und auf nächt­li­che Be­we­gungs­stö­run­gen wie das Rest­less-Legs-Syn­drom. Prin­zi­pi­ell kann aber je­de schwe­re­re or­ga­ni­sche Er­kran­kung mit Schlaf­stö­run­gen ver­bun­den sein“, er­klärt Sa­letu-Zyhlarz.

Ba­sie­rend auf ih­ren Er­fah­rungs­wer­ten spricht die Schlaf­me­di­zi­ne­rin aber von ei­nem Über­ge­wicht von nicht-or­ga­ni­schen ge­gen­über or­ga­ni­schen Schlaf­stö­run­gen. Sie ste­hen in Zu­sam­men­hang mit An­pas­sungs-, Be­las­tungs­und so­ma­to­for­men Stö­run­gen (kör­per­li­che Be­schwer­den, die nicht rein or­ga­nisch be­dingt sind), mit De­pres­sio­nen oder ma­nisch-de­pres­si­ven Er­kran­kun­gen so­wie mit Sub­stanz­miss­brauch. Ei­ne Schlaf­stö­rung kann et­wa in­fol­ge ei­ner Angs­ter­kran­kung auf­tre­ten oder ein ers­tes An­zei­chen ei­ner sich an­bah­nen­den De­pres­si­on oder ma­ni­schen Epi­so­de sein.

LANGZEITFOLGEN. Wenn­gleich Schlaf­stö­run­gen un­ter­schied­lichs­te Ur­sa­chen ha­ben kön­nen, sind ih­re Fol­gen doch sehr ähn­lich. Ab­ge­se­hen von den Ta­ges­fol­gen – Mü­dig­keit, ver­min­der­te Kon­zen­tra­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit, Stim­mungs­schwan­kun­gen – gibt es auch erns­te Langzeitfolgen: Sie füh­ren zu Blut­hoch­druck, Er­kran­kun­gen des Herz-Kreis­laufSys­tems und me­ta­bo­li­schen Fol­gen wie Dia­be­tes und Über­ge­wicht. Sie kön­nen Schmer­zen ver­stär­ken, das Im­mun­sys­tem schwä­chen und die Krank­heits­an­fäl­lig­keit er­hö­hen. Wird die Schlaf­stö­rung nicht be­han­delt, kommt zu­neh­mend ein er­lern­ter Ef­fekt hin­zu: „Es ent­steht Angst und Span­nung um den Schlaf her­um, dar­um, am nächs­ten Tag leis­tungs­fä­hig sein zu müs­sen, aber un­aus­ge­schla­fen zu sein.“

DIE DIA­GNO­SE. „Das Schlaf­la­bor als ers­te An­lauf­stel­le für ei­ne ex­ak­te Dia­gno­se wä­re wün­schens­wert. Es ist aber lei­der noch Zu­kunfts­mu­sik, dass je­der Pa­ti­ent mit Schlaf­stö­run­gen auch in ei­nem Schlaf­la­bor lan­det“, sagt Sa­letu-Zyhlarz. Nicht-or­ga­ni­sche Schlaf­stö­run­gen wer­den häu­fig am­bu­lant be­han­delt. Um den Ur­sa­chen auf den Grund zu ge­hen, ge­langt ei­ne Viel­zahl spe­zia­li­sier­ter Fra­ge­bö­gen zum Ein­satz, um et­wa den sub­jek­ti­ven Schlaf­ver­lauf, die Ta­ges­mü­dig­keit, das Vor­lie­gen von Angst­stö­run­gen oder De­pres­sio­nen ab­zu­klä­ren.

Wich­ti­ge Hin­wei­se lie­fern auch häu­fig An­ge­hö­ri­ge, die den Schlaf­platz mit dem Pa­ti­en­ten tei­len. In Kom­bi­na­ti­on mit de­ren ei­ge­nen Aus­füh­run­gen über Be­schwer­den und Sym­pto­me er­gibt sich für er­fah­re­ne Schlaf­me­di­zi­ner meist rasch ei­ne ers­te Ver­dachts­dia­gno­se. Auf de­ren Ba­sis er­folgt die an­fäng­li­che Be­hand­lung. Bleibt der ge­wünsch­te Er­folg aus, muss der Weg bei kom­ple­xe­ren Fäl­len frü­her oder spä­ter ins Schlaf­la­bor füh­ren. „Schlaf­stö­run­gen tre­ten sel­ten al­lein auf. Wenn man Pa­ti­en­ten dann im Schlaf­la­bor un­ter­sucht, stößt man nicht sel­ten auf ei­ne Kom­bi­na­ti­on or­ga­ni­scher und nicht-or­ga­ni­scher Schlaf­stö­run­gen. Das er­schwert die Be­hand­lung na­tür­lich“, er­klärt die Me­di­zi­ne­rin.

SCHLAFHYGIENE ALS SCHLÜS­SEL.

Die The­ra­pie ori­en­tiert sich im­mer an den Be­dürf­nis­sen des je­wei­li­gen Pa­ti­en­ten, den spe­zi­fi­schen Ur­sa­chen und der Au­s­prä­gung der Schlaf­stö­rung. „Schla­fe­du­ka­ti­on spielt aber im­mer ei­ne zen­tra­le Rol­le. Das ist ei­ne ei­ge­ne Form der The­ra­pie, in de­ren Rah­men mit den Pa­ti­en­ten Schlafhygiene-Re­geln be­spro­chen wer­den, die es ein­zu­hal­ten gilt“, er­klärt Sa­letu-Zyhlarz. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Rei­he ein­fa­cher Emp­feh­lun­gen, wie das Ein-

„Schlaf­stö­run­gen tre­ten sel­ten al­lein auf, son­dern in Kom­bi­na­ti­on.“ Ger­da Ma­ria Sa­letu-Zyhlarz, Lei­te­rin der Schlaf­am­bu­lanz an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie am AKH Wi­en

hal­ten fi­xer Schlaf­zei­ten und ei­ner ge­wis­sen Schlaf­dau­er: „Zwi­schen fünf und zehn St­un­den Schlaf pro Tag sind nor­mal. Wie viel man tat­säch­lich braucht um aus­ge­ruht zu sein, weiß man selbst am bes­ten“, sagt die Ex­per­tin. Die Schla­f­um­ge­bung soll­te nicht zu hell und zu laut sei. Auch die be­vor­zug­te Tem­pe­ra­tur kann stark va­ri­ie­ren. Wer da­für emp­fäng­lich ist, soll­te es auch ver­mei­den, vor dem Schla­fen­ge­hen ak­ti­vie­ren­de Sub­stan­zen, wie Kof­f­e­in, zu sich zu neh­men. Zu­sätz­lich kön­nen Ent­span­nungs­tech­ni­ken hilf­reich sein, um vor dem Ein­schla­fen Stress ab­zu­bau­en.

Die Schlaf­me­di­zi­ne­rin rät da­zu, ein Schlaf­ri­tu­al zu fin­den, das zu Schlaf­be­reit­schaft und Ent­span­nung bei­trägt. Ak­ti­vi­tä­ten, die ei­ne ho­he ko­gni­ti­ve Ak­ti­vi­tät be­inhal­ten sind da­bei al­ler­dings zu ver­mei­den. Glei­ches gilt für Bild­schir­me: Der ho­he An­teil an blau­em Licht blo­ckiert die Aus­schüt­tung von Me­la­to­nin, das oft als Schlaf­hor­mon be­zeich­net wird. Und auch bei Schlaf­stö­run­gen gilt: Al­ko­hol ist kei­ne Lö­sung, wie Sa­letu-Zyhlarz er­klärt: „Al­ko­hol er­leich­tert zwar das Ein­schla­fen, der dar­auf­fol­gen­de Schlaf ist aber we­ni­ger tief, häu­fi­ger un­ter­bro­chen und da­mit we­ni­ger er­hol­sam.“

In Schlaf­la­bors wird den Ur­sa­chen für die Schlaf­stö­rung auf den Grund ge­gan­gen

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