Wenn Angst das Le­ben be­stimmt

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Me­di­zi­ner über das Ent­ste­hen von Angst

Mehr als 20 Pro­zent der Men­schen er­lei­den min­des­tens ein Mal in ih­rem Le­ben ei­ne Pa­nik­at­ta­cke. Be­trof­fe­ne durch­le­ben da­bei nicht sel­ten To­des­angst. Tritt sie wie­der­holt auf, stellt sie ei­ne enor­me Be­las­tung dar.

Wenn das Ge­hirn so ein­fach wä­re, dass wir es ver­ste­hen wür­den, dann wä­ren wir so ein­fach, dass wir es nicht ver­ste­hen wür­den“, sagt der deut­sche Pro­fes­sor für Psych­ia­trie, Bor­win Ban­de­low, auf die Fra­ge, wie­so man den Ur­sprung von Pa­nik­at­ta­cken im Ge­hirn noch nicht kennt. Pa­nik­at­ta­cken zäh­len zu denAngst­stö­run­gen.Angs­ti­s­tei­gent­lich ei­ne na­tür­li­che Emo­ti­on des Men­schen. Auch wenn sie nicht an­ge­nehm ist, sie ist sinn­voll. Denn Furcht löst Mecha­nis­men im Kör­per aus, die es uns er­mög­li­chen, auf ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen schnell re­agie­ren zu kön­nen. Über­schrei­tet sie je­doch ein nor­ma­les Maß, ver­wan­delt sie sich in über­trie­be­ne Be­fürch­tun­gen. Denkt man den hal­ben Tag dar­über nach oder be­täubt man sich mit Be­ru­hi­gungs­mit­tel­nun­dAl­ko­hol,nimmt­sie­krank­haf­te Zü­ge an. Ist die Angst zwar ein stän­di­ger Be­glei­ter, aber nicht greif­bar, und man nicht ge­nau weiß, wo­vor man sich fürch­tet, lei­det man ver­mut­lich un­ter ei­ner ge­ne­ra­li­sier­ten Angst­stö­rung. Taucht sie plötz­lich und at­ta­cken­ar­tig in be­stimm­ten Mo­men­ten auf, spricht man von ei­ner Pa­nik­stö­rung.

„Bei Men­schen mit Pa­nik­at­ta­cken ist das Zen­trum für Ge­fah­ren­ab­wehr im Ge­hirn zu sen­si­bel ein­ge­stellt“, sagt Ban­de­low, der auch

stell­ver­tre­ten­der Di­rek­tor der Kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie an der Uni­ver­si­täts­me­di­zin Göt­tin­gen ist. Grob ein­ge­teilt gibt es be­stimm­te Le­bens­um­stän­de und ge­ne­ti­sche Fak­to­ren, die als Ur­sa­che in Fra­ge kom­men kön­nen. Laut dem Angst-Spe­zia­lis­ten sind haupt­säch­lich die ge­ne­ti­schen Fak­to­ren zu­stän­dig – wo­bei nicht nur ei­ner son­dern meh­re­re ei­ne Rol­le spie­len. Wel­che ge­nau, wis­se man aber noch nicht. Ex­per­ten ver­mu­ten au­ßer­dem ein noch un­be­kann­tes Zen­trum im Ge­hirn, das ei­ne Ge­fahr mel­det ob­wohl kei­ne be­steht. „So als wür­de in ei­nem Au­to, das auf ei­nem Park­platz steht, der Air­bag ex­plo­die­ren“, ver­gleicht Ban­de­low.

PLÖTZLICHES AUF­TRE­TEN. Pa­nik­at­ta­cken tre­ten plötz­lich und meist un­ab­hän­gig von ei­nem Ort oder ei­ner Si­tua­ti­on auf. Sie wer­den von hef­ti­gen kör­per­li­chen Re­ak­tio­nen be­glei­tet – Herz­ra­sen, Übel­keit, Schwin­del, Zit­tern, Atem­not, Schweiß­aus­brü­che und Emp­fin­dungs­stö­run­gen. Ei­ne Atta­cke kann zwi­schen zehn Mi­nu­ten und zwei St­un­den dau­ern, im Durch­schnitt hält sie 30 Mi­nu­ten an. Be­trof­fe­ne fürch­ten sich da­vor, die Kon­trol­le zu ver­lie­ren, in Ohn­macht zu fal­len oder im schlimms­ten Fall zu ster­ben. Man­che glau­ben wäh­rend­des­sen auch, dass sie ver­rückt wer­den. Die ent­ste­hen­de Angst vor ei­ner er­neu­ten Atta­cke oder vor ei­ner schwe­ren Er­kran­kung, löst die­se im Lau­fe der Zeit er­neut aus.

Au­ßen­ste­hen­de be­kom­men von all­dem oft gar nichts mit. „Be­trof­fe­nen wis­sen meist selbst nicht, dass es sich um ei­ne Pa­nik­at­ta­cke han­delt. Sie ver­mu­ten ei­ne Herz­er­kran­kung oder ei­nen Ge­hirn­scha­den und ge­hen erst ein­mal zum In­ter­nis­ten“, sagt Ban­de­low. Da­bei liegt die Ur­sa­che ganz wo an­ders. Ei­ne Pa­nik­at­ta­cke ist ei­gent­lich ei­ne Kampf- oder Flucht­re­ak­ti­on. Al­le Sym­pto­me, die man hat, die­nen die­sem Zweck und las­sen sich phy­sio­lo­gisch er­klä­ren: Das Herz rast, weil mehr Blut ins Ge­hirn ge­pumpt wird. Die Atem­not tritt auf, weil man mehr Sau­er­stoff braucht, um Ener­gie zu ha­ben.

Be­vor die Dia­gno­se ei­ner Angst­stö­rung ge­si­chert ist, müs­sen zu­erst an­de­re kör­per­li­che Er­kran­kun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den. Denn Pa­nik­at­ta­cken kön­nen auch im Rah­men von Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, Schild­drü­sen­funk­ti­ons­stö­run­gen oder an­de­rer psy­chi­scher Lei­den auf­tre­ten. Angs­ter­kran­kun­gen sol­len laut Leit­li­ni­en mit ei­ner Ver­hal­tens­the­ra­pie und/oder Me­di­ka­men­ten be­han­delt wer­den. „Aber ich plä­die­re in den meis­ten Fäl­len für ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus bei­den“, sagt Ban­de­low. Je frü­her ei­ne Pa­nik­stö­rung be­han­delt wird, des­to bes­ser sind die The­ra­pie­er­geb­nis­se. Sta­tis­tisch ge­se­hen fan­gen Pa­nik­at­ta­cken im Durch­schnitt mit En­de 20 an, sind mit 36 am Schlimms­ten und wer­den ab 40 lang­sam we­ni­ger. Durch spe­zi­ell auf die Angst aus­ge­rich­te­te Ver­hal­tens­the­ra­pi­en lässt sich er­ler­nen, mit den Atta­cken um­zu­ge­hen und auch, Angst ab­zu­bau­en. Die wich­tigs­te Vor­aus­set­zung für die Wirk­sam­keit ei­ner The­ra­pie bei ei­ner Angst­stö­rung ist die Be­reit­schaft des Er­krank­ten, Hil­fe von au­ßen an­zu­neh­men. -

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