War­um Psy­che und Kör­per nur ge­mein­sam ge­sund sind

Nur ge­mein­sam ge­sund

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAT­THI­AS HUMER

Noch fehlt der psy­cho­so­ma­ti­schen Me­di­zin Auf­merk­sam­keit

Stress, Ängst­lich­keit, De­pres­si­on. Der Ein­fluss der Psy­che auf kör­per­li­che Be­schwer­den ist längst be­kannt. Im Ge­sund­heits­we­sen wird der psy­cho­so­ma­ti­schen Me­di­zin aber noch nicht aus­rei­chend Platz ein­ge­räumt, sa­gen die Ex­per­ten.

En gros wis­sen wir, dass bei 30 Pro­zent al­ler Er­kran­kun­gen psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren ei­ne we­sent­li­che Rol­le in de­ren Ent­ste­hung oder Ver­lauf spie­len“, sagt Ga­b­rie­le Mo­ser, Fach­ärz­tin für In­ne­re Me­di­zin. Bei funk­tio­nel­len Stö­run­gen, wie dem Reiz­darm­syn­drom, lie­ge die­se Zahl so­gar bei 80 bis 90 Pro­zent. Das be­deu­tet nicht, dass ih­re Ur­sa­che aus­schließ­lich in der Psy­che liegt. Stress al­lei­ne löst noch kei­nen Reiz­darm aus. Das mo­der­ne Ver­ständ­nis der Psy­cho­so­ma­tik be­sagt viel­mehr, dass es sich bei­vie­lenKrank­hei­ten­u­mei­neWech­sel­wir­kung zwi­schen Kör­per und Psy­che han­delt. Beim Reiz­darm­syn­drom bei­spiels­wei­se ist die Darm-HirnAch­se zen­tral: Über de­ren Ner­ven, Hor­mo­ne und Bo­ten­stof­fe er­folgt ein stän­di­ger In­for­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen Kopf und Bauch. So kön­nen Stress­hor­mo­ne et­wa die Im­mun- und Ner­ven­zel­len in der Darm­wand ak­ti­vie­ren.

RISIKOFAKTOR STRESS. Be­son­ders bei Men­schen, die or­ga­nisch krank sind, lau­fen Me­di­zi­ner oft­mals Ge­fahr, psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren nicht aus­rei­chend zu be­rück­sich­ti­gen. Stress hat ei­nen ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Herz­ge­sund­heit. „Nach der an­ge­bo­re­nen Fett­stoff­wech­sel­stö­rung, dem Rau­chen und Dia­be­tes ist un­kon­trol­lier­ba­rer Stress der viert­wich­tigs­te Risikofaktor bei Herz­in­fark­ten“, sagt Eve­lyn Kun­schitz, Spe­zia­lis­tin für Psy­cho­kar­dio­lo­gie. Das ste­he im Wech­sel­spiel da­mit, dass stark ge­stress­te Men­schen häu­fi­ger rau­chen und sich we­ni­ger be­we­gen. So­zia­le Iso­la­ti­on und ein nied­ri­ges Bil­dungs­ni­veau ver­ur­sa­chen eben­so psy­cho­so­zia­len Stress, der in en­gem Zu­sam­men­hang mit un­ter­schied­li­chen Herz­er­kran­kun­gen steht.

Auch das sprich­wört­lich „ge­bro­che­ne Herz“gibt es wirk­lich: Das „bro­ken­he­art-syn­dro­me“wur­de erst­mals 1991 in ei­ner Stu­die be­schrie­ben. „Das ist ei­ne aku­te Herz­schwä­che, die sich wie­der zu­rück­bil­det und zu et­wa 50 Pro­zent durch aku­ten psy­chi­schen Stress­aus­ge­löst­wird“,sag­tKun­schitz. Die aku­te Aus­schüt­tung des Stress­hor­mons Cor­ti­sol löst Vor­gän­ge aus, die vor­über­ge­hend Tei­le des Herz­mus­kels läh­men.

Auch Rhyth­mus­stö­run­gen wie Vor­hof­flim­mern tre­ten bei akut ge­stress­ten Pa­ti­en­ten häu­fi­ger auf. Me­di­zi­ner wie­sen das an Men­schen mit im­plan­tier­tem De­fi­bril­la­tor wäh­rend der Ter­ror­an­schlä­ge am 11. Sep­tem­ber in New York nach. Als die Pa­ti­en­ten das Aus­maß der Ka­ta­stro­phe rea­li­siert hat­ten, be­nö­tig­ten sie ei­ne er­höh­te Zahl an Schock­ab­ga­ben.

ZU­WEN­DUNG IST WICH­TIG. In der Be­hand­lung ist es da­her wich­tig, die sub­jek­ti­ve Be­las­tung der Pa­ti­en­ten gleich­zei­tig mit der or­ga­ni­schen Er­kran­kung zu er­fas­sen. Bei­spiels­wei­se för­dert nach ei­nem aku­ten Herz­in­farkt in der kar­di­alen Re­ha­bi­li­ta­ti­on die Ein­be­zie­hung psy­cho­so­zia­ler Un­ter­stüt­zung die ra­sche Er­ho­lung. „Durch die tech­nisch ori­en­tier­te Hoch­leis­tungs­me­di­zin geht das, was Pa­ti­en­ten an per­sön­li­cher Zu­wen­dung und ge­mein­sa­mer The­ra­pie­pla­nung brau­chen, im All­tag lei­der oft un­ter“, be­dau­ert Kun­schitz.

STUFENMODELL. Bei der Be­hand­lung des Reiz­darm­syn­droms setzt Mo­ser, die von 2013 bis 2015 Prä­si­den­tin der Ös­ter­rei­chi­schen Ge­sell­schaft für Psy­cho­so­ma­tik­in­derIn­ne­renMe­di­zin war, auf ein Stufenmodell. Psy­cho­phar­ma­ka sind nur äu­ßerst sel­ten ein Teil da­von. „Zu­erst füh­ren wir ein Sym­ptom­ta­ge­buch und klä­ren die psy­cho­so­zia­len­Fak­to­ren“,sag­tMo­ser. So kann be­reits 70 Pro­zent der Pa­ti­en­ten ge­hol­fen wer­den. In den nächs­ten Stu­fen wer­den spe­zi­el­le Er­näh­rungs­be­ra­tun­gen an­ge­bo­ten oder Sym­pto­me me­di­ka­men­tös be­han­delt. Dann führt­dieFach­ärz­tin­pro­blem­ori­en­tier­te, an die Psy­cho­the­ra­pie an­ge­lehn­te Ge­sprä­che und bie­tet zehn Sit­zun­gen ei­ner spe­zi­ell auf den Bauch ge­rich­te­ten Hyp­no­se an. Erst bei the­ra­pie­re­sis­ten­ten Be­schwer­den oder wenn of­fen­sicht­lich ei­ne Angst­stö­rung zu er­ken­nen ist, kom­men Psy­cho­phar­ma­ka zum Ein­satz.

„Na­tür­lich darf man Pa­ti­en­ten nicht sa­gen: ‚Das ist psy­chisch und Sie ge­hö­ren zum Psych­ia­ter‘. Lei­der wird das ver­ein­zelt im­mer noch so ge­macht“, sagt Mo­ser. Ih­rer Er­fah­rung nach freu­en sich die meis­ten Pa­ti­en­ten dar­über, dass der Arzt end­lich et­was an­spricht, das sie selbst schon ver­spürt ha­ben. Denn­vie­leBe­trof­fe­ne­ha­ben­be­reits­ei­nen lan­gen Lei­dens­weg hin­ter sich. „Der ir­re­ge­lei­te­te Pa­ti­ent ist manch­mal sie­ben oder acht Jah­re auf der Su­che, bis er ei­ne ent­spre­chen­de Dia­gno­se be­kommt“, sagt die Ex­per­tin.

Laut Sta­tis­ti­ken spie­len psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren be­son­ders bei Frau­en ei­ne gro­ße Rol­le: Zwei Drit­tel der Be­trof­fe­nen des Reiz­darm­syn­droms sind weib­lich. „Das dürf­te ei­ner­seits ein so­zio­kul­tu­rel­ler Aspekt sein, an­de­rer­seits sind hor­mo­nel­le Ein­flüs­se we­sent­lich“, er­klärt Mo­ser. Auch Trau­ma­ti­sie­run­gen, wie et­wa durch Ver­ge­wal­ti­gun­gen, er­hö­hen das Ri­si­ko. Nach Ös­ter­reich ge­zo­ge­ne Flücht­lin­ge, die an Kriegs­trau­ma­ta lei­den, wer­den den Be­darf an Ärz­ten, die et­was von psy­cho­so­ma­ti­scher Me­di­zin ver­ste­hen, stei­gern.

FÜR AL­LE EIN GE­WINN. Doch das ös­ter­rei­chi­sche Ge­sund­heits­sys­tem denkt psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren noch nicht in al­len Fä­chern aus­rei­chend mit. „Wir sind am Weg, er ist aber schon lan­ge“, sagt Mo­ser. Mo­men­tan über­legt die Ärz­te­kam­mer, in der neu­en Aus­bil­dungs­ord­nung ei­ne psy­cho­so­ma­ti­sche Spe­zia­li­sie­rung in je­dem Be­reich ein­zu­füh­ren.

Ei­ne bes­se­re Ver­an­ke­rung der Psy­cho­so­ma­ti­schen Me­di­zin wä­re für al­le Be­tei­lig­ten ein Ge­winn. Denn Pa­ti­en­ten, die über lan­ge Zeit kei­ne rich­ti­ge Dia­gno­se er­hal­ten, ge­ben viel Geld für al­ter­na­ti­ve Heil­me­tho­den aus.

GÜNS­TIGS­TE THE­RA­PIE. Der öf­fent­li­chen Hand kom­men wie­der­um Pa­ti­en­ten, de­ren Sym­pto­me aus­schließ­lich me­di­ka­men­tös be­han­delt wer­den, oh­ne psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren mit­zu­den­ken, am teu­ers­ten. „Die er­folg­reichs­te Be­hand­lung, näm­lich psy­cho­so­ma­ti­sche The­ra­pie­me­tho­den zu in­te­grie­ren, wo sich die Lei­den­den ein­fin­den, ist die güns­tigs­te“, ist Mo­ser über­zeugt. Auch die Ärz­te müss­ten we­ni­ger Pa­ti­en­ten be­treu­en, die „ho­s­pi­tal-hop­ping“oder „doc­tor­shop­ping“be­trei­ben, al­so von Arzt zu Ärz­tin lau­fen.

„En gros wis­sen wir, dass bei 30 Pro­zent al­ler Er­kran­kun­gen psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren ei­ne Rol­le in de­ren Ent­ste­hung oder Ver­lauf spie­len.“ Ga­b­rie­le Mo­ser, Fach­ärz­tin für In­ne­re Me­di­zin

Das „bro­ken-heart­syn­dro­me“wird durch aku­ten psy­chi­schen Stress aus­ge­löst

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