Le­ben nach dem Burn-out

Es war ein schlei­chen­der Pro­zess, den Ger­hard Hu­ber über Jah­re hin­weg zu ver­drän­gen ver­such­te – bis zum kom­plet­ten Zu­sam­men­bruch. Im In­ter­view er­zählt der Buch­au­tor, wie er sein Le­ben wie­der neu sor­tiert hat.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MO­NI­KA DLUGOKECKI

Wie ehe­ma­li­ge Burn-out-Pa­ti­en­ten die Krank­heit über­wan­den

Herr Hu­ber, wie fing Ihr Lei­dens­weg an? Ger­hard Hu­ber: Ich ha­be die Sym­pto­me zu Be­ginn nicht er­kannt. An­ge­fan­gen hat es da­mit, dass ich be­gon­nen ha­be­zu­zit­tern.Ich­hat­teSchlaf­stö­run­gen. Durch den Schlaf­ent­zug be­gann ich, ein­fa­che Din­ge zu ver­ges­sen. Ich hat­te Schweiß­aus­brü­che, es wur­de im­mer schlim­mer.

Und Sie sind nicht zum Arzt ge­gan­gen?

Nein, ich ha­be die­se Sym­pto­me ver­drängt, woll­te nicht als Weich­ei da­ste­hen. Ich ha­be al­les weg­ge­drückt, bis zum voll­kom­me­nen Zu­sam­men­bruch. Drei Jah­re lang. Ich war in der Ar­beit nicht mehr leis­tungs­fä­hig, ha­be zu­letzt nur noch vor­ge­ge­ben, et­was zu tun. Ich nahm viel ab und ver­such­te auch in die­ser Pha­se noch, den Schein zu wah­ren und sag­te mei­nem Ar­beit­ge­ber, ich hät­te ei­nen hart­nä­cki­gen Vi­rus er­wischt. Ir­gend­wann ließ ich mir die Haa­re kom­plett schnei­den, das war rück­bli­ckend ein Hil­fe­schrei nach au­ßen.

Wie­ha­tIh­reFa­mi­lie­auf­dieVe­rän­de­rung reagiert?

Mei­ne Frau hat na­tür­lich mit­be­kom­men, dass es mir schlech­ter ging und mach­te sich Sor­gen. Ich sprach aber nicht über mei­ne Zu­stän­de, weil ich es ge­wohnt war, al­les al­lei­ne auf die Rei­he zu be­kom­men. Ein schwe­rer Feh­ler, wie ich im Nach­hin­ein fest­stell­te. Erst viel­spä­ter,imZu­ge­mei­nerGe­ne­sung, ist mir klar ge­wor­den, was ich durch die­se Stur­heit mei­ner Fa­mi­lie an­ge­tan hat­te.

Wer oder was hat Sie letzt­end­lich ge­ret­tet?

Ir­gend­wann ging es ein­fach nicht mehr und ich ha­be den Weg zu mei­nem Arzt ge­fun­den. Wie, weiß ich nicht mehr. Ich wur­de so­fort ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert. Die Dia­gno­se: schwers­te De­pres­si­on, schwers­tes Burn-out, kurz vor ei­nem Herz­in­farkt. Es war auch der Zeit­punkt, an dem ich zum ers­ten Mal an Selbst­mord ge­dacht hat­te.

Wie lan­ge blie­ben Sie im Kran­ken­haus?

Sta­tio­när wur­de ich zwei Mo­na­te be­han­delt. An­fangs wur­de ich ru­hig­ge­stellt. Das klingt schlim­mer, als es ist. Durch die Me­di­ka­men­te bin ich nach Jah­ren end­lich wie­der zur Ru­he ge­kom­men und mein Kör­per konn­te sich er­ho­len. Die­se Pha­se war na­tür­lich schreck­lich für mei­ne Frau und mei­ne Kin­der. Nach ein paar Wo­chen tat mei­ne Frau das ein­zig Rich­ti­ge und for­der­te das Ab­set­zen der Tran­qui­li­zer. Sie woll­te, dass ich die Chan­ce be­kom­me, mein Le­ben wie­der neu zu sor­tie­ren.

Wie­ging­dieThe­ra­pie­wei­ter,nach­dem­die Be­ru­hi­gungs­mit­tel ab­ge­setzt wur­den?

Ich kam dann für drei Mo­na­te in ei­ne Kli­nik, wur­de dort mit Ein­zel- und Grup­pen­ge­sprä­chen so­wie Ent­span­nungs­übun­gen be­han­delt. Es hat ins­ge­samt sechs Jah­re ge­dau­ert, bis ich wie­der be­last­bar war. Ei­ne sehr lan­ge Zeit – nicht nur für mich, son­dern für die ge­sam­te Fa­mi­lie.

Stich­wort Fa­mi­lie: Wie hat sie die­se schwie­ri­ge Zeit über­stan­den?

Ich bin unend­lich dank­bar für all das Ver­ständ­nis und die Un­ter­stüt­zung mei­ner Frau und mei­ner Kin­der. Vie­le Fa­mi­li­en ge­hen in so ei­ner schwie­ri­gen Zeit in die Brü­che. Des­halb ist es auch so wich­tig, nicht nur die Be­trof­fe­nen zu se­hen, son­dern auch die An­ge­hö­ri­gen.

Wie hat sich Ihr Le­ben seit­her ver­än­dert?

„Ich ha­be ge­lernt, mir kei­nen Druck zu ma­chen. Je­der hat ein Recht auf Ge­sund­heit und dar­auf, die er­for­der­li­che Zeit da­für zu be­kom­men.“

Ich ha­be vie­le Din­ge ge­än­dert, woll­te wie­der ge­sund wer­den und ar­bei­ten. Ich be­gann Bü­cher zu schrei­ben, und zwar noch in der Kli­nik – in der größ­ten Pha­se mei­ner De­pres­si­on. Vie­le all­täg­li­che Din­ge sind mir da­mals schwer­ge­fal­len, aber Schrei­ben war mög­lich. Es gab Tage, da konn­te ich durch­schrei­ben und dann Wo­chen, in de­nen ich kein ein­zi­ges Wort zu

Ger­hard Hu­ber, Burn-out-Be­trof­fe­ner und Buch­au­tor

Pa­pier ge­bracht ha­be. Im Zu­ge der The­ra­pie ha­be ich aber ge­lernt, mir kei­nenD­ruck­zu­ma­chen­und­mi­rauch­kei­nen ma­chen zu las­sen. Vie­le Be­trof­fe­ne wer­den viel zu schnell wie­der in den Ar­beits­pro­zess rein­ge­drückt, mit der Fol­ge, dass es ih­nen dann um­so schlech­ter geht. So wird die Hei­lung nach hin­ten ver­scho­ben und das Lei­den für den Be­trof­fe­nen, für de­ren Fa­mi­li­en und auch für den Ar­beit­ge­ber ver­län­gert.

Den­ken Sie, dass von Burn-out Be­trof­fe­ne zu we­nig Wert­schät­zung er­hal­ten?

Ja. Man wird so­fort als Ar­beits­ver­wei­ge­rer ab­ge­stem­pelt. Je­der hat ein Recht auf Ge­sund­heit und dar­auf, die er­for­der­li­che Zeit da­für zu be­kom­men. Man ist des­halb kein schlech­ter Men­schund­mit­ein­em­schlech­tenGe­wis­sen kommt man da nie raus.

Wer ist denn Ih­rer Mei­nung nach be­son­ders ge­fähr­det?

Burn-out hat im­mer mit ex­tre­mem Druck oder Stress zu tun, über Jah­re hin­weg. Vie­le Be­trof­fe­ne ha­ben das Ge­fühl, et­was Sinn­lo­ses zu tun, wer­den von Exis­tenz- und Ver­sa­gens­ängs­ten über­häuft.

Wie hoch ist die Ge­fahr ei­nes Rück­falls?

Es gibt die per­ma­nen­te Ge­fahr, dass man zu­rück­fällt, so­wohl in der Den­kals auch in der Ver­hal­tens­wei­se. Wenn man aber ge­wis­se Din­ge er­kannt hat, dann kann man mit die­sem Wis­sen und Be­wusst­sein nicht nur Rück­fäl­le ver­mei­den, son­dern auch in ein bes­se­res und schö­ne­res Le­ben fin­den.

Wel­che Tipps ha­ben Sie für Burn-ou­tPa­ti­en­ten?

Sie soll­ten Zeit für ih­re Ge­sund­heit ein­for­dern und ak­zep­tie­ren, dass sie in ei­ne De­pres­si­on hin­ein­ge­schlit­tert sind und sich Hil­fe ho­len müs­sen. Was ich im Zu­ge mei­ner Hei­lung ge­lernt ha­be: Mut für ei­ge­ne Ge­dan­ken zu ha­ben. Ich ha­be mein Le­ben und mich neu auf­ge­stellt, je­der Mensch kann das.

Set­zen Sie all das auch um?

Ja, ich tref­fe mei­ne Ent­schei­dun­gen nur noch aus dem Bauch her­aus. Wenn sich et­was nicht stim­mig an­fühlt, dann ma­che ich es nicht. Der Ver­stand führt uns in die Ir­re, in die Angst. Ich mei­de Stress jeg­li­cher Art, auch den „po­si­ti­ven“, den es mei­ner Mei­nung nach gar nicht gibt.

Wor­aus schöp­fen Sie neue Ener­gie?

Ich ge­he oft in die Na­tur hin­aus, um mich wie­der zu spü­ren und ge­nie­ße die Stil­le. Ich war auch ei­ni­ge Wo­chen als Sen­ner in ei­ner Hüt­te und merk­te, wie we­nig ein Mensch braucht, um glück­lich zu sein und um gut le­ben zu kön­nen.

„Mei­ne Fa­mi­lie hat­te viel Ver­ständ­nis. Da­für bin ich unend­lich dank­bar“

Sei­ne Er­fah­run­gen mit dem Burn-out hat Ger­hard Hu­ber in be­reits drei Bü­chern ver­ar­bei­tet. (In­fos: www.bur­nout­de­pres­si­onfluch-oder­se­gen.at)

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