Mein Le­ben in Angst

Es hat mit Pa­nik­at­ta­cken be­gon­nen, führ­te zur Ab­hän­gig­keit von Me­di­ka­men­ten und schließ­lich zu Schlaf­stö­run­gen. Wie ein Be­trof­fe­ner mit sei­ner Er­kran­kung lebt und wie­so er sein Le­ben jetzt än­dern möch­te.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Pa­ti­en­ten er­zäh­len über Ängs­te – und de­ren Über­win­dung

Je­der, der schon ein­mal ei­ne Pa­nik­at­ta­cke er­lebt hat, weiß, in wel­chen be­ängs­ti­gen­den Zu­stand sie ei­nen bringt. Hat­te man noch nie ei­ne, ist es schwie­rig, sich vor­stel­len zu kön­nen, was ein Be­trof­fe­ner da­bei durch­lebt. Mar­kus Ber­ger (Anm.: Na­me ge­än­dert)ver­sucht,es­den­nochnä­her­zu brin­gen: „Es ist nicht ver­gleich­bar mit ir­gend­ei­nem an­de­ren Zu­stand. Man be­kommt Herz­ra­sen, es wird ei­nem schwarz vor Au­gen und auf ko­mi­sche Art schwin­de­lig. Ich dach­te bei mei­ner ers­ten Atta­cke, ich ha­be ei­nen Schlag­an­fall oder ei­nen Herz­in­farkt. Und ich hat­te das Ge­fühl, ich wer­de ver­rückt“, schil­dert­der32-Jäh­ri­ge.Seit­zehnJah­ren schon lebt Ber­ger mit Pa­nik­at­ta­cken. Mitt­ler­wei­le kom­men sie nur mehr sel­ten vor. Er hat ge­lernt, da­mit um­zu­ge­hen: „Mit der Zeit konn­te ich be­mer­ken, wann ein An­fall kommt – so wie beim Nie­sen. Wenn ich ent­spannt ge­nug bin, fällt es mir mitt­ler­wei­le leicht, mich zu kon­trol­lie­ren und ihn ab­zu­wen­den.“Der Schlüs­sel da­für sei die Ge­wohn­heit: „Man kann sich vor Au­gen füh­ren, wel­cher Mecha­nis­mus aus­ge­löst wird. Und, dass ei­gent­lich eh al­les ok ist.“Gleich­zei­tig hat der Wie­ner in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne Ab­hän­gig­keit von Be­ru­hi­gungs­mit­teln ent­wi­ckelt. Seit Kur­zem sind Schlaf­stö­run­gen da­zu ge­kom­men. Das In­ter­view möch­te er an­onym füh­ren. War­um? „In ei­ner Ge­sell­schaft, die so auf Leis­tung be­dacht ist, ist es pro­ble­ma­tisch mit po­ten­zi­el­len Ar­beit­ge­bern. Es geht dar­um, wie an­de­re dich wahr­neh­men in dei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit. Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen ha­ben die­ses ko­mi­sche Stig­ma, von kei­ne-ech­te-Er­kran­kung-sein. Es wird nicht ernst ge­nom­men.“

MEN­SCHEN, LICHT UND LÄRM. Die Chan­ce für ei­ne Atta­cke ist bei Ber­ger stark er­höht durch sei­ne Um­ge­bung. Wo man un­ter Men­schen ist, wo man still sit­zen muss, sich nicht frei be­we­gen kann, wo hel­les Licht und Lärm sind. Als Bei­spie­le nennt er Re­stau­rants, öf­fent­li­che Ver­kehrs­mit­tel und die Uni­ver­si­tät. Ob er sich er­klä­ren kann, wie­so er die Atta­cken hat? „Ei­ne Mi­schung aus psy­chi­schen und phy­si­schen Dis­po­si­tio­nen“, ist Ber­ger über­zeugt. In den ers­ten Mo­na­ten mit den Pa­nik­at­ta­cken hat er mit nie­man­den dar­über ge­re­det, hat die Krank­heit lan­ge Zeit mit sich al­lei­ne her­um­ge- tra­gen. „Ich ha­be lan­ge Zeit ver­sucht, al­lei­ne da­mit klar­zu­kom­men. Es war so schwer, das sub­jek­ti­ve Ge­fühl zu ver­mit­teln. Aber da­mit al­lei­ne zu sein, war si­cher­lich kon­tra­pro­duk­tiv. Wenn man dar­über re­det, be­merkt man erst, wie ver­brei­tet das ist.“Ber­ger, da­mals noch Stu­dent, wuss­te selbst nicht wirk­lich, was mit ihm los war. Erst als er die Sym­pto­me ge­goo­gelt und Er­fah­rungs­be­rich­te von Leu­ten ge­le­sen hat­te, wur­de es ihm be­wusst.

Erst zwei Jah­re nach der ers­ten Pa­nik­at­ta­cke hat er es Freun­den er­zählt. Bis zum Ter­min beim Arzt sind noch ein­mal drei Jah­re ver­gan­gen. War­um er so lan­ge Angst da­vor ge­habt hat­te, die­sen Schritt zu wa­gen? Die Krank­heit wä­re of­fi­zi­ell ge­wor­den. Er hät­te sich tat­säch­lich ein­ge­ste­hen müs­sen, ein schwe­res Pro­blem zu ha­ben, wie er selbst sagt. „Ich ha­be ei­ne Psy­cho­the­ra­pie ge­macht, die ich aber nach zwei Mo­na­ten ab­ge­bro­chen ha­be, weil ich sie­mi­raufDau­er­nicht­leis­ten­konn­te.“DerThe­ra­peut­blick­te­zu­rück­bis­in­die frü­he Kind­heit und half ihm, sich selbst zu er­for­schen.

IN­DI­VI­DU­EL­LE ME­DI­KA­MEN­TE.

Vom All­ge­mein­me­di­zi­ner be­kam er ein Be­ru­hi­gungs­mit­tel als Not­fall­me­di­ka­ment. Da­von nahm er mit der Zeit im­mer mehr. Ber­ger hat­te ei­nen Arzt er­wischt, der Re­zep­te leicht­fer­tig ver­schreibt - „Teil­wei­se be­kam ich es von der Or­di­na­ti­ons­hil­fe, oh­ne über­haupt mit dem Arzt ge­re­det zu ha­ben.“Ein­mal be­sucht er ei­ne an­de­re Ärz­tin, sie ver­schrieb ihm An­ti­de­pres­si­va. „Die hat­ten so hef­ti­ge Ne­ben­wir­kun­gen, dass ich sie nach vier Wo­chen wie­der ab­ge­setzt ha­be. Ich dach­te mir, ich le­be lie­ber mit Pa­nik­at­ta­cken als mit die­sen Ne­ben­wir­kun­gen.“Erst spä­ter ha­be er er­fah­ren, dass es län­ger dau­ern kann, bis man das in­di­vi­du­ell pas­sen­de Me­di­ka­ment fin­det. „Ich ha­be mich dem nicht ge­stellt, son­dern bin wie­der zur schein­bar ein­fachs­ten Lö­sung zu­rück­ge­gan­gen.“

„Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen ha­ben die­ses Stig­ma, von kei­ne-ech­te-Er­kran­kung­sein.“ Mar­kus Ber­ger, Pa­ti­ent

Die Be­ru­hi­gungs­mit­tel wir­ken als Ein­schlaf­hil­fe. Mitt­ler­wei­le wir­ken die Trop­fen in nor­ma­ler Do­sis kaum mehr. „Ich ha­be lan­ge Zeit ver­sucht, die Ba­lan­ce zu hal­ten, aber mitt­ler­wei­le mer­ke ich, dass die Ge­wöh­nung zu stark ge­wor­den ist.“Sein Plan ist es jetzt, ei­nen Ent­zug zu ma­chen und be­glei­tend ei­ne Psy­cho­the­ra­pie. „Jetzt könn­te ich sie mir leis­ten.“Er hat aber Angst. Vor er­neu­ten Pa­nik­at­ta­cken. Und:„Ich­ha­be­k­ei­nenJob,bei­de­mich in Kran­ken­stand ge­hen kann“, so der Selbst­stän­di­ge. -

Öf­fent­li­che Plät­ze, hel­les Licht und Lärm er­hö­hen die Wahr­schein­lich­keit ei­ner Pa­nik­at­ta­cke er­heb­lich

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