Ein Land brennt aus

Nicht je­de be­las­ten­de Pha­se be­deu­tet so­fort ei­ne Er­kran­kung. Die emo­tio­na­le Er­schöp­fung und das Er­le­ben von Miss­er­folg sind Kern­sym­pto­me des Burn-out-Syn­droms. Ein Be­griff, der ge­sell­schafts­fä­hig ge­wor­den ist.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

War­um Burn-out-Fäl­le in Ös­ter­reich so stark zu­neh­men

Wenn der Zu­stand der to­ta­len Er­schöp­fung, so­wohl kör­per­lich als auch emo­tio­nal, Mo­na­te oder so­gar Jah­re an­hält – dann spricht man von ei­nem Burn-ou­tSyn­drom. Bis­her gibt es kei­ne an­er­kann­te Klas­si­fi­ka­ti­on im Sin­ne der in­ter­na­tio­na­len Sche­ma­ta, wie es als Krank­heit­ein­ge­stuft­wer­de­soll.Frü­her spra­chen Ex­per­ten von ei­nem Er­schö­pheu­te fungs­syn­drom. Burn-out ist ein Be­griff, der in den 60er-Jah­ren erst von Abra­ham Mas­low und dann vom Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert Freu­den­ber­ger be­grün­det wur­de. Die Be­zeich­nung wur­de so po­pu­lär, dass das Burn-out mitt­ler­wei­le – im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren psy­chi­schen Lei­den – ei­ne ge­wis­se Ge­sell­schafts­fä­hig­keit er­langt hat. Wer sich aus­ge­brannt fühlt, geht schnel­ler zum Arzt. Das kann in je­dem Fall hel­fen, psy­chi­sche Fol­ge­er­kran­kun­gen zu ver­mei­den. Burn-out kann de­pres­si­ve Sym­pto­me ha­ben. Es gib­tAu­to­ren,die­sa­genBurn-out­sei­die Vor­stu­fe der De­pres­si­on. „Das ist nicht wis­sen­schaft­lich halt­bar“, sagt Ur­su­la Wi­si­ak von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz.

VE­HE­MEN­TE STRESSREAKTION.

Nach­dem es kei­ne Er­kran­kung im en­ge­ren Sinn ist, gibt es noch we­ni­ge For­schungs­er­geb­nis­se da­zu, was Bur­nout im Kör­per ge­nau aus­löst. Grob ge­sagt han­delt sich da­bei um ei­ne ve­he­men­te Stressreaktion, die sich stark im Psy­chi­schen ma­ni­fes­tiert oder ei­ne ge­wis­se Or­gan­sen­si­bi­li­tät fest­macht. „Nor­ma­ler­wei­se, wenn wir Stress ha­ben, ent­span­nen wir uns und es kommt zur Ho­möo­stase, da­nach ar­bei­ten wir ent­spre­chend wei­ter. Die­se Re­gu­lie­rung der Er­schöp­fung funk­tio­niert bei ei­nem Burn-out im­mer schwie­ri­ger“, er­klärt die Ex­per­tin. Nicht je­de Über­las­tung be­deu­tet au­to­ma­tisch ein Burn-out. Die ers­ten An­zei­chen ei­nes Burn-outs sind Er­schöp­fungs­zu­stän­de, die sich psy­chisch und phy­sisch zei­gen. Die Er­schöp­fung wird im Lau­fe der Zeit im­mer grö­ßer und greift im­mer mehr auf den Men­schen ein.

12 PHA­SEN. Wenn die Be­las­tung über Mo­na­te oder Jah­re an­hält, sind nach­hal­ti­ge Kon­se­quen­zen für den Or­ga­nis­mus vor­pro­gram­miert. Pio­nier Her­bert Freu­den­ber­ger hat

das Aus­bren­nen in zwölf Pha­sen ein­ge­teilt. „Wenn wir die­ses Kon­zept von Freu­den­ber­ger und North mit den Pha­sen neh­men, sind wir al­le im­mer wie­der in leich­ten Sta­di­en des Bur­nouts“, sagt Wi­si­ak (sie­he Gra­fik). Den Drang, et­was be­wei­sen zu wol­len, hat je­der mo­ti­vier­te Mensch. Vor­über­ge­hen­de Stress­si­tua­tio­nen kann man fol­gen­los weg­ste­cken. Auch den Rück­gang so­zia­ler Kon­tak­te und die Ver­nach­läs­si­gung per­sön­li­cher Be­dürf­nis­se­kennt­je­derStu­dent­vor­schwe­ren Prü­fun­gen. Es gibt al­so be­stimm­te Etap­pen zum Burn-out-Syn­drom, die Men­schen im­mer wie­der im Le­ben er­rei­chen. Wenn man je­doch kei­ne Mecha­nis­men hat, sie zu re­gu­lie­ren, geht die Spi­ra­le im­mer wei­ter. Ne­ben der emo­tio­na­len Er­schöp­fung ist ein wei­te­res Zei­chen die De­per­so­na­li­sie­rung: „Das be­deu­tet, man ist über­las­tet und glaubt, nichts mehr schaf­fen, so­dass man ei­ne Dis­tanz als Schutz­me­cha­nis­mus auf­baut. Man ent­wi­ckelt ei­ne ge­wis­se Gleich­gül­tig­keit“, sagt Wi­si­ak. Was sehr ge­schlech­ter­spe­zi­fisch ist: Män­ner wer­den in so­zia­len Kon­tak­ten im­mer zy­ni­scher. Sie las­sen Pro­ble­me nicht mehr an sich her­an und kon­zen­trie­ren sich eher auf den sach­li­chen Aspekt. Frau­en hin­ge­gen ge­hen stark in ein emo­tio­na­les Er­le­ben, so die Ex­per­tin. „Um dies zu er­klä­ren, muss man die Psy­cho­so­ma­tik mit rein­neh­men: Wenn ei­ne Frau Kon­flik­te über den Kör­per löst, be­kommt sie bei­spiels­wei­se ver­mehrt Kopf­schmer­zen oder Rü­cken­schmer­zen. Sie prä­sen­tiert et­was Kör­per­li­ches, aber da­hin­ter steckt gro­ße psy­chi­sche Pro­ble­ma­tik.“

Aus die­ser De­per­so­na­li­sie­rung her­aus er­le­ben Be­trof­fe­ne ge­wis­se Be­las­tun­gen, ge­gen die sie nichts tun kön­nen. Sie ha­ben in der Re­gel auch we­ni­ger Er­folgs­er­leb­nis­se oder be­kom­men we­ni­ger Rück­mel­dun­gen über ih­re Leis­tun­gen. Da­mit ist nicht nur der Be­ruf ge­meint, son­dern auch Be­zie­hun­gen. Die emo­tio­na­le Er­schöp­fung, De­per­so­na­li­sie­rung und das Er­le­ben von Miss­er­folg sind die drei Kern­sym­pto­me, die die­ses Syn­drom er­klä­ren. Man­che Men­schen über­sprin­gen ei­ne Pha­se oder be­fin­den sich in meh­re­ren gleich­zei­tig. Doch bis je­mand in die Pha­se der De­per­so-

„In je­dem Fall müs­sen die Be­trof­fe­nen zu­erst or­ga­nisch durch­un­ter­sucht wer­den, be­vor ei­ne Dia­gno­se Burn-out ge­stellt wer­den kann.“ Ur­su­la Wi­si­ak, Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz

na­li­sie­rung kommt, bei ei­ner De­pres­si­on an­ge­langt ist, oder auch den Sui­zid als Aus­weg sieht – das ist ein lan­ger Weg. Noch im­mer wird die psy­chi­sche Sym­pto­ma­tik oder Er­kran­kung in ho­hem Ma­ße mit ei­ge­ner Ver­feh­lung, Cha­rak­ter­schwä­che und zu­rück­lie­gen­den bio­gra­fi­schen Pan­nen in Ver­bin­dung ge­bracht.

KAUM AUS­GE­AR­BEI­TE­TE DA­TEN. Bei den Grün­den für die Ge­wäh­rung von Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­geld lie­gen die psych­ia­tri­schen Krank­hei­ten ganz vor­ne. Egal ob Mann oder Frau, jung oder alt – es kann je­den tref­fen, der durch sei­ne be­ruf­li­che oder pri­va­te Si­tua­ti­on ex­trem be­las­tet ist und kei­ne Mög­lich­keit fin­det, sich aus­rei­chend zu ent­span­nen. „Selbst Schü­ler kön­nen schon ein Burn-out ha­ben“, sagt Ur­su­la Wi­si­ak. Wie vie­le Per­so­nen da­von be­trof­fen sind, weiß man nicht. Ex­per­ten rech­nen aber in den nächs­ten Jah­ren mit ei­nem An­stieg der Er­kran­kungs­fäl­le – be­dingt durch den wach­sen­den wirt­schaft­li­chen Druck und die da­mit ein­her­ge­hen­den Neu­struk­tu­rie­run­gen des Ar­beits­le­bens. „Schaut man sich die Ar­beits­markt­ana­ly­sen an, wird ge­schätzt, dass un­ge­fähr 74 Pro­zent der Men­schen, die im Ar­beits­pro­zess sind, im­mer wie­der zu­min­dest ei­ne psy­chi­sche Be­las­tung ha­ben“, sagt Wi­si­ak. Es fehlt die Au­f­ar­bei­tung der Zah­len, die vor­han­den sind, so die Psy­cho­lo­gin.

HIL­FE HO­LEN. Wann soll man sich Hil­fe ho­len? „Die idea­le Be­hand­lung wä­re die Prä­ven­ti­on. Je frü­her die Pa­ti­en­ten kom­men, des­to bes­ser. Man kann sich den Le­bens­stil an­schau­en und sie ein Stück weit coa­chen“, rät Wi­si­ak. Da wür­den auch vie­le Be­rufs­grup­pen ein­grei­fen, die ei­gent­lich nicht pro­fes­sio­nell da­für aus­ge­bil­det sind – kri­ti­siert sie. Es gibt Ein­schät­zungs­ska­len, durch die man sich selbst ein­schät­zen kann. In je­dem Fall müs­sen die Be­trof­fe­nen zu­erst or­ga­nisch durch­un­ter­sucht wer­den, be­vor ei­ne Dia­gno­se Burn-out ge­stellt wer­den kann.

„Ein Re­ha-Auf­ent­halt bringt schon ei­ni­ges, aber der Be­trof­fe­ne muss mo­ti­viert sein, was er dort ge­lernt hat, auch in sei­nem All­tag kon­se­quent um­zu­set­zen. Zum Bei­spiel soll­te man den ei­ge­nen Zeit­ka­len­der ent­rüm­peln. Durch Be­we­gung, Er­näh­rung und so­zia­le Kon­tak­te er­hält man ei­ne ho­he Le­bens­qua­li­tät und bleibt ge­ne­rell ge­sün­der“, rät Ur­su­la Wi­si­ak. Sie ist über­zeugt: Ein hal­bes bis drei­vier­tel Jahr soll­te ein von Burn-out Be­trof­fe­ner auch nach der Re­ha noch kon­ti­nu­ier­lich ge­coacht wer­den.

Kind, Haus­halt, und Be­ruf un­ter ei­nen Hut zu brin­gen, ge­lingt nicht je­dem . Über­be­las­tung kann zum Bur­nout füh­ren

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