Mit dem Ba­by kommt die De­pres­si­on

Vie­le Frau­en er­le­ben nach der Ge­burt ein Stim­mungs­tief. Das ist so­mit nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Wird es aber stär­ker, kann ei­ne post­par­ta­le De­pres­si­on da­hin­ter­ste­cken.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MO­NI­KA DLUGOKECKI

Wie post­par­ta­le De­pres­si­on be­han­delt wer­den kann

Wenn nach neun Mo­na­ten Schwan­ger­schaft end­lich das Ba­by da ist, gä­be es ei­gent­lich al­len Grund, glück­lich zu sein. Und den­noch ist die­ses Ge­fühl nicht selbst­ver­ständ­lich, denn bei ei­ni­gen Frau­en ist das Mut­ter­glück nach der Ge­burt plötz­lich stark ge­trübt. „Ein Ba­by ist ei­ne enor­me Um­stel­lung im Le­ben. Das be­trifft ein­fach al­le Le­bens­be­rei­che, von der Part­ner­schaft bis hin zum Be­ruf“, sagt Clau­dia Rei­ner-La­wug­ger, Lei­te­rin der Spe­zi­al­am­bu­lanz für pe­ri­na­ta­le Psych­ia­trie im SMZ Baum­gart­ner Hö­he. Da­zu kom­men hor­mo­nel­le Um­stel­lun­gen so­wie­teils­feh­len­deUn­ter­stüt­zun­gaus dem so­zia­len Um­feld. Die­se Fak­to­ren kön­nen zu ei­ner post­par­ta­len De­pres­si­on – auch als post­na­ta­le De­pres­si­on be­kannt – füh­ren. Rund 15 Pro­zent al­ler Frau­en sind da­von be­trof­fen. „Die Dun­kel­zif­fer ist je­doch weit­aus hö­her“, weiß Rei­ner-La­wug­ger.

MEHR ALS NUR BA­BY-BLUES.

Doch wie un­ter­schei­det sich die post­par­ta­le De­pres­si­on von ei­nem harm­lo­sen Ba­by-Blues? Zwei­te­rer tritt in den ers­ten drei bis fünf Ta­gen nach der Ge­burt bei bis zu 75 Pro­zent al­ler Frau­en ein. Ex­per­ten ge­hen da­von aus, dass der Ba­by-Blues ei­ne Fol­ge­er­schei­nung der hor­mo­nel­len Um­stel­lung nach der Ge­burt ist. Die da­mit ein­her­ge­hen­den Heul­krämp­fe und de­pres­si­ven Ver­stim­mun­gen ver­ge­hen nach we­ni­gen Ta­gen wie­der. Ganz an­ders sieht es bei der post­par­ta­len De­pres­si­on aus, die erst Mo­na­te nach der Ent­bin­dung auf­tritt, wes­halb oft fälsch­li­cher­wei­se kein Zu­sam­men­hang ge­se­hen wird. „Freud­lo­sig­keit, star­ke Ängs­te, Schuld­ge­füh­le, in­ne­re Un­ru­he, Zwangs­ge­dan­ken und so­zia­ler Rück­zug sind An­zei­chen für ei­ne ernst­haf­te Er­kran­kung. Sehr häu­fig ent­wi­ckeln sich auch Be­zie­hungs­stö­run­gen zum Kind“, sagt die ge­prüf­te Lehr­heb­am­me Re­na­te Mit­ter­hu­ber. Ei­ni­ge Müt­ter kön­nen kind­li­che Zei­chen nicht rich­tig deu­ten. Weit­aus häu­fi­ger be­trof­fen sind aber je­ne Frau­en, die sich be­son­ders vie­le Ge­dan­ken um ihr Ba­by ma­chen und ei­nen Per­fek­tio­nis­mus ent­wi­ckeln, der mit Schlaf­stö­run­gen, Er­schöp­fung und ex­tre­men Sor­gen ein­her­geht. Kör­per­li­che An­zei­chen sind bei­spiels­wei­se Herz­ra­sen, Schwin­del und Zit­tern.

SCHWEREGRADE VA­RI­IE­REN.

Wie bei je­der de­pres­si­ven Er­kran­kung gibt es auch hier un­ter­schied­li­che Schweregrade. „Wenn aber Frau­en nicht schla­fen, wenn sie sich über das Kind nicht freu­en kön­nen oder sich ihm ge­gen­über fremd füh­len, muss man ge­nau­er hin­schau­en“, sagt Rei­ner-La­wug­ger. Bei et­wa ei­nem Pro­zent al­ler Frau­en kommt es zur schlimms­ten Form der nach­ge­burt­li­chen Kri­se, der post­par­ta­len Psy­cho­se. Die Be­trof­fe­nen ver­lie­ren den Be­zug zur Rea­li­tät, dies kann bis hin zu Hal­lu­zi­na­tio­nen und Wahn­vor­stel­lun­gen füh­ren. Ei­ne Psy­cho­se ent­steht meis­tens schon in den ers­ten zwei Wo­chen nach der Ge­burt, kann sich aber auch in­fol­ge ei­ner post­par­ta­len De­pres­si­on ent­wi­ckeln.

Es wird ver­mu­tet, dass vor al­lem Frau­en mit psy­chi­schen Vo­r­er­kran­kun­gen, hor­mo­nel­len Schwie­rig­kei­ten oder fa­mi­liä­ren Vor­be­las­tun­gen ge­fähr­det sind. Es sind aber meh­re­re Fak­to­ren, die zu­sam­men­spie­len. Da­zu kön­nen auch ei­ne trau­ma­ti­sche Ent­bin­dung zäh­len, feh­len­der so­zia­ler Halt oder Zu­kunfts­ängs­te. „Es kann je­de Frau tref­fen“, warnt Rei­ner-La­wug­ger. Auch ei­ne vor­an­ge­gan­ge­ne In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on (IVF) könn­te ein Aus­lö­ser sein, da die künst­li­che Be­f­ruch­tung mit viel Stress und Druck ver­bun­den ist. „Ne­ben Te­enagerMüt­tern trifft es häu­fig Frau­en ab 35 Jah­ren, da die­se be­reits an ein struk­tu­rier­tes Le­ben ge­wöhnt sind, das mit ei­nem Neu­ge­bo­re­nen plötz­lich so nicht mehr funk­tio­niert“, sagt Mit­ter­hu­ber.

„Freud­lo­sig­keit, star­ke Ängs­te, Schuld­ge­füh­le, in­ne­re Un­ru­he, Zwangs­ge­dan­ken und so­zia­ler Rück­zug sind An­zei­chen für die­se ernst­haf­te Er­kran­kung.“

AUS­WIR­KUNG AUF DAS BA­BY .

Ob­wohl die meis­ten er­krank­ten Müt­ter­trotz­de­mei­nen­sehr­gu­ten­Kon­takt zum Kind ha­ben und ver­su­chen, al­les rich­tig zu ma­chen, sind die Klei­nen den­noch ge­fähr­det, im spä­te­ren Al­ter an ei­ner De­pres­si­on zu er­kran­ken. Ein Neu­ge­bo­re­nes be­nö­tigt viel Zu­wen­dung

Re­na­te Mit­ter­hu­ber, Lehr­heb­am­me

und Pfle­ge, die ihm ei­ne er­krank­te Mut­ter oft nur be­dingt bie­ten kann. Bleibt ei­ne post­par­ta­le De­pres­si­on un­be­han­delt, kann das Ver­hält­nis nach­hal­tig ge­stört wer­den. „Die The­ra­pie der Mut­ter ist gleich­zei­tig Prä­ven­ti­on für das Kind“, so Mit­ter­hu­ber, die den Rat­ge­ber „Ei­gent­lich soll­te ich glück­lich sein“mit­ent­wi­ckelt hat. Der Rat­ge­ber steht kos­ten­los auf der Home­page des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums zur Ver­fü­gung. Doch kann man ei­ner post­na­ta­len De­pres­si­on vor­beu­gend ent­ge­gen­steu­ern? „Nein. Man

kann­sich­a­ber­in­for­mie­ren,da­mit­man die An­zei­chen be­reits früh er­kennt und schnell han­deln kann.“

GU­TE HEI­LUNGS­CHAN­CEN.

Die Hei­lungs­chan­cen sind gut: „Ei­ne Ver­bes­se­rung stellt sich be­reits nach ein bis zwei Wo­chen ein“, so Rei­nerLa­wug­ger. In schwe­re­ren Fäl­len dau­ert es meh­re­re Mo­na­te bis zu ei­nem Jahr. Die post­par­ta­le De­pres­si­on wird mit Psy­cho- und So­zi­al­the­ra­pie so­wie Grup­pen­the­ra­pi­en mit an­de­ren Be­trof­fe­nen be­han­delt. Ist ei­ne me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung not­wen­dig, wer­den an­ti­de­pres­si­ve Me­di­ka­men­te ver­schrie­ben, trotz de­ren Ein­nah­me die Mut­ter wei­ter­hin stil­len kann. Bei der Psy­cho­se ist in je­dem Fall ei­ne me­di­ka­men­tö­se Be­hand­lung mit Neu­ro­lep­ti­ka oder mit An­ti­de­pres­si­va not­wen­dig. Auch ei­ne sta­tio­nä­re Auf­nah­me in ei­nem Kran­ken­haus mit psych­ia­tri­scher Abteilung ist in den meis­ten Fäl­len un­um­gäng­lich.

Ist ei­ne Frau ge­heilt, kann es bei 60 Pro­zent auch nach der zwei­ten Schwan­ger­schaft wie­der zu ei­ner post­par­ta­len De­pres­si­on kom­men. Ver­hin­dern lässt sich das lei­der nicht, aber, so Mit­ter­hu­ber: „Die­se Frau­en ha­ben meist ei­nen viel kür­ze­ren Lei­dens­weg, denn sie kön­nen die Sym­pto­me rich­tig deu­ten und wis­sen, an wen sie sich wen­den kön­nen.“Da­mit die Glücks­ge­füh­le ganz schnell wie­der­kom­men.

-

Bleibt ei­ne post­par­ta­le De­pres­si­on un­be­han­delt, kann das Mut­terKind-Ver­hält­nis nach­hal­tig ge­stört wer­den

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.