Vom Selbst­mord be­droht

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

War­um De­pres­sio­nen die Sui­zid­ge­fahr er­hö­hen

Nimmt die Ver­zweif­lung über­hand, en­den De­pres­sio­nen nicht sel­ten im Sui­zid. Meist wird er an­ge­kün­digt, An­ge­hö­ri­ge soll­ten da­her je­de Äu­ße­rung in die­se Rich­tung ernst neh­men.

Was bringt ei­nen Men­schen da­zu, sich selbst um­zu­brin­gen? Ver­zweif­lung und die to­ta­le Ei­n­en­gung der Mög­lich­kei­ten, so die The­se des be­rühm­ten ös­ter­rei­chi­schen Sui­zid­for­schers Erwin Rin­gel. Er führ­te den Be­griff des prä­sui­zi­da­len Syn­droms ein: Der Mensch sieht im­mer we­ni­ger Aus­we­ge aus sei­ner schwie­ri­gen Si­tua­ti­on. Er kann sich kaum mehr mit et­was an­de­rem als mit sei­nen Schwie­rig­kei­ten be­schäf­ti­gen, kann kei­ne Lust und kei­ne Freu­de mehr er­le­ben.

In den meis­ten Fäl­len ge­schieht die Sui­zid­hand­lung im Rah­men ei­ner Kri­se. „Ich wer­de nie wie­der ei­ne Ar­beit fin­den, nie wie­der ei­ne Part­ne­rin fin­den, nie wie­der mei­ne Kin­der se­hen und ich kann mir mei­ne Woh­nung nicht mehr leis­ten“– sol­che Ge­dan­ken las­sen die Hoff­nun­gim­mer­mehr­schwin­den,die Kri­se noch be­wäl­ti­gen zu kön­nen.

MEIST AN­GE­KÜN­DIGT. Hun­de die bel­len, bei­ßen nicht – die­se Re­dens­art stimmt im Fall ei­ner Sui­zi­dan­kün­di­gung nicht. Denn das Ge­gen­teil ist der Fall: „Na­he­zu al­le Sui­zi­de wer­den nie­der­schwel­lig an­ge­kün­digt“, sagt Pe­ter Stippl, Prä­si­dent des Ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­ver­bands für Psy­cho­the­ra­pie. Aus­sa­gen wie „Wenn ich mei­nen Ar­beits­platz auch noch ver­lie­re, dann hau ich den Hut drauf!“oder „Wenn jetzt auch noch die Su­si geht, dan­nis­tal­les­vor­bei!“soll­ten­al­sWarn­zei­chen ge­deu­tet wer­den. An­ge­hö­ri­ge nei­gen oft da­zu, sie aus ei­ner Über­for­de­rung her­aus zu ba­ga­tel­li­sie­ren. Doch die­se War­nun­gen zu hö­ren, wä­re ein sehr wich­ti­ger Punkt. Fragt­da­sGe­gen­über­nach,gib­tes­dem Be­trof­fe­nen die Mög­lich­keit, über sei­ne schwär­zes­ten Ge­dan­ken re­den zu kön­nen. Feed­back und Ide­en von au­ßen zu be­kom­men, hilft enorm und re­du­ziert das Ri­si­ko. Das ist wis­sen­schaft­lich be­wie­sen, be­tont der Ex­per­te. Un­freund­li­che Re­ak­tio­nen oder Zu­rück­wei­sun­gen von­sei­ten des Sui­zid­ge­fähr­de­ten soll­te man nicht per­sön­lich neh­men und dar­auf mög­lichst ge­las­sen und ge­dul­dig re­agie­ren.

GE­DULD UND VER­TRAU­EN. Dann geht es dar­um, da zu sein. Das be­deu­tet für An­ge­hö­ri­ge auch, sie müs­sen be­reit sein, die Per­son für meh­re­re Mo-

na­te re­la­tiv in­ten­siv zu be­glei­ten. Oft hilft ein Blick zu­rück in die Ver­gan­gen­heit zu schlim­me­ren Pha­sen, rät Stippl: „Man kann aus dem Le­bens­be­reich Bei­spie­le her­aus­neh­men und da­durch zei­gen, dass man schon so vie­le Schwie­rig­kei­ten be­wäl­tigt hat. Des­halb schafft man mit Ge­duld und Ver­trau­en auch die­se Hür­de.“Da­bei kann man auch per­sön­lich wer­den: „Ich ha­be dich gern, du bist ein wich­ti­ger Mensch für mich. Die­se Her­aus­for­de­rung neh­men wir an. Su­chen wir ge­mein­sam nach ei­nem pas­sen­den The­ra­peu­ten.“Pro­fes­sio­nel­le Hil­fe zu or­ga­ni­sie­ren ist der wich­tigs­te Schritt über­haupt, um ei­nen Men­schen vor dem Sui­zid zu ret­ten. „Hier kann man aus­spre­chen, was man nicht ein­mal der bes­ten Freun­din er­zählt. Ich kann vor­Ge­richt­nicht­ein­ma­l­al­sZeu­ge­ver­wen­det wer­den“, schlägt Stippl sei­ne be­ruf­li­che Ver­schwie­gen­heits­pflicht als Ar­gu­ment vor.

Die Te­le­fon­seel­sor­ge un­ter der Num­mer 142 (oh­ne Vor­wahl) kann eben­falls ei­ne Form der Kri­sen­hil­fe sein. Die­ses Ser­vice ist ein An­ge­bot für Men­schen, die ei­nen kom­pe­ten­ten und ver­schwie­ge­nen Ge­sprächs­part­ner su­chen. An­ge­hö­ri­ge kön­nen au­ßer­dem auf Un­ter­stüt­zung durch Selbst­hil­fe­grup­pen zu­rück­grei­fen. Fühlt man sich durch den Sui­zid­ge­fähr­de­ten über­for­dert oder be­steht un­mit­tel­ba­re Selbst- oder Fremd­ge­fähr­dung, soll­te man nicht zö­gern, so­fort ei­nen psych­ia­tri­schen Not­dienst, den Ret­tungs­dienst oder die Po­li­zei zu ver­stän­di­gen.

SUI­ZID IST MÄNN­LICH. Jähr­lich wer­den in Ös­ter­reich drei Mal so viel Sui­zid­to­te als Ver­kehrs­to­te ge­zählt: rund 1350 Men­schen. 80 Pro­zent der Men­schen, die sich selbst tö­ten, sind Män­ner. Der Grund, so die Fach­me­i­nung: Ih­re Fremd- und Au­to­ag­gres­si­on ist hö­her.Der­höchs­teAn­teil­an­sui­zi­da­ler Ge­fähr­dung liegt bei den Be­trof­fe­nen von schwe­ren re­zi­di­ven bi­po­la­ren Stö­run­gen. Nach ei­ner Pha­se von De­pres­si­on kommt zwar wie­der die Ma­nie, doch dann könn­te die Per­son aus Angst vor der nächs­ten de­pres­si­ven Pha­se zu ei­ner Kurz­schluss­hand­lung nei­gen. „15 bis 18 Pro­zent der Men­schen, die lan­ge Zeit schwer bi­po­lar krank sind, en­den so“, sagt Pe­ter Stippl.

Pe­ter Stippl: „Na­he­zu al­le Sui­zi­de wer­den nie­der­schwel­lig an­ge­kün­digt“

Wenn das Le­ben schein­bar kei­ne Per­spek­ti­ven mehr bie­tet, kann ra­sches Han­deln Le­ben ret­ten

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