So stop­pen Sie die Angst

Ei­ne Angst­stö­rung ist kein Zei­chen von Schwä­che – dar­über sind sich Ex­per­ten ei­nig. Mit­hil­fe von Ver­hal­tens­the­ra­pi­en kön­nen sie hel­fen, krank­haf­te Ängs­te wie­der um­zu­ler­nen.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - NA­DI­NE OBERMÜLLER

Wie man sei­ne Ängs­te er­folg­reich be­kämpft

Angst ist nicht gleich Angst: „Wer von ei­nem Hund ge­bis­sen wur­de, wird sich ge­gen­über Vier­bei­nern ver­mut­lich vor­sich­ti­ger ver­hal­ten – den Vor­fall in der Re­gel aber gut ver­ar­bei­ten. Ist es ei­nem je­doch un­mög­lich, wei­ter­zu­ge­hen, so­bald ein Hund den Weg kreuzt, muss von ei­ner Angst­stö­rung aus­ge­gan­gen wer­den“, er­klärt Jo­han­nes Wan­ca­ta, Lei­ter der Kli­ni­schen Abteilung für So­zi­al­psych­ia­trie an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en, den Un­ter­schied zwi­schen an­ge­mes­se­ner und krank­haf­ter Angst.

Ad­äqua­te Angst ist ein Schutz­me­cha­nis­mus, der das Über­le­ben

der Mensch­heit schon seit über Mil­lio­nen von Jah­ren si­chert. Ge­ra­de bei Kin­dern sind aus­ge­präg­te Ängs­te häu­fig ent­wick­lungs­be­dingt. „Die Furcht vor Dun­kel­heit oder Tren­nungs­angst von der Mut­ter sind grund­sätz­lich kei­ne pa­tho­lo­gi­schen Ängs­te. Die Kin­der ler­nen im Lau­fe der Zeit, mit die­sen um­zu­ge­hen und sie zu über­win­den“, er­läu­tert Sa­bi­ne Völkl-Kern­stock, spe­zia­li­siert auf die Ar­beit mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen im Be­reich der Kli­ni­schen Psy­cho­lo­gie an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en. Erst wenn El­tern be­mer­ken, dass ih­re Kin­der bei­spiels­wei­se oft Bauch­weh ha­ben, ob­wohl der Kin­der­arzt nichts fin­det, müs­se man auf­hor­chen, so die Ex­per­tin.Ge­ne­rell sei es aber wich­tig, vor der Dia­gno­se ei­ner Angst­stö­rung al­le mög­li­chen or­ga­ni­schen Ur­sa­chen aus­zu­schlie­ßen.

THE­RA­PIE­ME­THO­DEN. Ei­nen kon­kre­ten Aus­lö­ser für zwang­haf­te Ängs­te ding­fest zu ma­chen, ist schwie­rig. „Ängs­te las­sen sich sehr leicht ver­stär­ken“, warnt Völkl-Kern­stock: „Emp­feh­lens­wert ist es, die Kin­der nicht durch über­vor­sich­ti­ges Ver­hal­ten in ih­rer Furcht zu un­ter­stüt­zen, son­dern ih­nen ein ge­sun­des Maß an Auf­merk­sam­keit zu ge­ben. Ge­ge­be­nen­falls soll­te ärzt­li­che Hil­fe auf­ge­sucht wer­den.“Wenn die Furcht krank­haft wird, kön­nen The­ra­pi­en Ab­hil­fe schaf­fen. Wel­che Be­hand­lun­gen die wir­kungs­volls­ten sind, ist ei­ne heik­le Fra­ge, auf die es kei­ne ein­fa­che Ant­wort gibt. Am meis­ten er­forscht ist die Ver­hal­tens­the­ra­pie, aber auch tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche An­sät­ze fin­den An­wen­dung in der Psy­cho­the­ra­pie. Je nach den Be­dürf­nis­sen der Be­trof­fe­nen wer­den ein­zel- oder grup­pen­the­ra­peu­ti­sche Me­tho­den mit­ein­be­zo­gen. „Wich­tig ist, sich ge­nü­gend Zeit für die Dia­gno­se und die Be­stim­mung des The­ra­pie­an­sat­zes zu neh­men. Bei Kin­der­nun­dJu­gend­li­chen­müs­senEl­tern ver­stärkt mit­ein­be­zo­gen wer­den und manch­mal auch die Schu­le, wenn es sich zum Bei­spiel um ei­ne leis­tungs­be­zo­ge­ne Angst han­delt“, so die Psy­cho­lo­gin, „bei jün­ge­ren Pa­ti­en­ten greift man ger­ne zu spielthe­ra­peu­ti­schen An­sät­zen.“

ÄNGS­TE UMLERNEN. Auch Jo­han­nes Wan­ca­ta ist der Mei­nung, dass die ko­gni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie zu den am bes­ten un­ter­such­ten The­ra­pi­en ge­hö­re. „Ver­ein­facht ge­sagt ist das Ziel, krank­haf­te Ängs­te wie­der um­zu­ler­nen. In ei­nem ers­ten Schritt sol­len da­bei die Ge­dan­ken, die die Angst her­vor­ru­fen, be­wusst ge­macht wer­den, um die­se im nächs­ten Schritt suk­zes­si­ve ab­zu­schwä­chen. Zum Bei­spiel mit Ent­span­nungs­übun­gen. Auch die Tech­nik der so­ge­nann­ten sys­te­ma­ti­schen De­sen­si­bi­li­sie­rung fin­det hier­bei häu­fig Ver­wen­dung. „Wer bei­spiels­wei­se vor dem Fah­ren mit der UBahn Angst hat, soll­te sich vor Au­gen füh­ren, dass in den letz­ten 100 Jah­ren kein U-Bahn-Schacht ein­ge­stürzt ist – das heißt, die Chan­cen, dass das pas­sie­ren könn­te, sind bei­na­he gleich Null“. Gleich­zei­tig stellt sich der Pa­ti­ent ak­tiv sei­ner Angst, was in un­ter­schied­li­chem Tem­po von­stat­ten ge­hen kann. „Je­mand, der sich vor dem U-Bahn fah­ren fürch­te, kann bei­spiels­wei­se mit ei­ner kur­zen Fahrt von nur ei­ner Sta­ti­on be­gin­nen“, sagt Wan­ca­ta.

KEIN ZEI­CHEN VON SCHWÄ­CHE. Der frü­he Gang zum Arzt ist bei Angs­ter­kran­kun­gen be­son­ders wich­tig. Denn je kür­zer ei­ne Angst­stö­rung vor­han­de­nist,um­soleich­ter­kann­sie­mit­ei­ner rei­nen Psy­cho­the­ra­pie be­han­delt wer­den. Lei­den die Be­trof­fe­nen be­reits län­ger an der krank­haf­ten Furcht, er­for­dert dies häu­fig den Ein­satz von Me­di­ka­men­ten.„Oft­war­ten­sie­so­lan­ge, weil es ih­nen pein­lich ist, an Angst zu lei­den“, sagt Wan­ca­ta. Es sei wich­tig zu ver­ste­hen, dass ei­ne Angst­stö­rung kein Zei­chen von Schwä­che ist. „Ge­nau­so we­nig, wie ein Bein­bruch ein Zei­chen von Schwä­che ist.“

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„Im ers­ten Schritt sol­len die Ge­dan­ken, die die Angst her­vor­ru­fen, be­wusst ge­macht wer­den, um sie dann suk­zes­si­ve ab­zu­schwä­chen.“ Jo­han­nes Wan­ca­ta, Lei­ter der Kli­ni­schen Abteilung für So­zi­al­psych­ia­trie an der Me­dU­ni Wi­en

Bei Angst­stö­run­gen wird zwi­schen Pa­nik­stö­rung, ge­ne­ra­li­sier­ter Angst und Pho­bie – wie bei­spiels­wei­se der Ophio­pho­bie – un­ter­schie­den

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