Mein Le­ben mit De­pres­si­on

„Ich lie­be mich nicht. Ich has­se mich nicht. Ich bin mir re­la­tiv egal, meis­tens“, schreibt Mar­kus Bock auf sei­nem Blog. Der 35-Jäh­ri­ge be­zeich­net da­mit ein Ge­fühl, das vie­le Men­schen mit der Dia­gno­se De­pres­si­on tei­len.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MA­RIA SZMIT

So ge­hen Be­trof­fe­ne mit der Krank­heit um

„Ich wün­sche mir, dass Be­trof­fe­nen mehr Sen­si­bi­li­tät und Ver­ständ­nis ent­ge­gen­ge­bracht wird.“ No­ra Fie­ling (Pseud­onym)

„Die Zei­ten von Zwangs­ja­cken und Gum­mi­zel­len sind längst vor­bei. In den Kli­ni­ken wird man mit Men­schen­wür­de be­han­delt.“ Uwe Hauck

Der Weg zum Haus­arzt oder The­ra­peu­ten wird in vie­len Fäl­len erst be­schrit­ten, wenn der Ar­beits­all­tag durch kör­per­li­che und psy­chi­sche Sym­pto­me nicht mehr zu be­wäl­ti­gen ist. Mar­kus Bock wur­de aus­ge­rech­net von sei­nem Ar­beit­ge­ber das ers­te Mal auf die Mög­lich­keit an­ge­spro­chen, dass er an ei­ner De­pres­si­on lei­den könn­te. Ei­ne un­an­ge­neh­me Kon­fron­ta­ti­on, die ihm die Au­gen öff­ne­te: „Ich konn­te es da­vor nur nicht ein­ord­nen und ha­be es im­mer mit ir­gend­wel­chen Aus­re­den vor mir selbst ab­ge­tan.“Mitt­ler­wei­le spricht er onund off­line ehr­lich über sei­ne Er­fah­run­gen mit der Krank­heit: „Ich hat­te den Drang, mich nicht mehr ver­ste­cken zu wol­len. Ich brauch­te scho­nungs­lo­se Of­fen­heit für mich selbst, da­mit ich mich nicht mehr in ei­ne Schein­welt flüch­te. Ich woll­te sa­gen kön­nen, dass es mir nicht gut geht – mit mei­nen Wor­ten.“Mit sei­nem Blog möch­te er ge­sell­schaft­li­chen Stig­ma­ti­sie­run­gen ent­ge­gen­tre­ten: „Vie­le den­ken, dass ei­ne De­pres­si­on mit ein paar Ta­blet­ten, Sport und Freun­de tref­fen schon wie­der in den Griff zu be­kom­men ist. Das ist sie – lei­der – nicht. Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen brin­gen ei­ne The­ra­pie mit sich, und das ist Ar­beit. Je­den Tag. Das hat nichts mit Faul­heit zu tun. Die Men­schen soll­ten ver­ste­hen, dass De­pres­sio­nen so­gar töd­lich en­den kön­nen.“

SUI­ZID­GE­DAN­KEN. Um­fra­gen be­stä­ti­gen, dass tat­säch­lich ein Groß­teil der Er­krank­ten Sui­zid­ge­dan­ken hat, zir­ka die Hälf­te der Pa­ti­en­ten mit sehr schwe­ren De­pres­sio­nen be­ge­hen in ih­rem Le­ben ei­nen Sui­zid­ver­such. Bei Au­tor und Soft­ware­ent­wick­ler Uwe Hauck wur­de im Jahr 2010 ein Bur­nout dia­gnos­ti­ziert, aber trotz me­di­ka­men­tö­ser Be­hand­lun­gen und psy­cho­so­ma­ti­schen Lei­den woll­te er sich sei­ne Krank­heit lan­ge nicht ein­ge­ste­hen. „Erst ei­ne un­glück­li­che Ver­ket­tung be­ruf­li­cher Pro­ble­me führ­te 2015 im Fe­bru­ar zu mei­nem Sui­zid­ver­such und der Auf­nah­me in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik. Dort ge­stand ich mir nach vier Wo­chen zum al­ler­ers­ten Mal ein, krank zu sein und un­ter De­pres­sio­nen zu­lei­den“,sagt­derVa­ter­vond­reiKin­dern. In aku­ten Fäl­len stellt ei­ne Über­wei­sung in die Psych­ia­trie häu­fig die ein­zi­ge Mög­lich­keit dar, den Hei­lungs­pro­zess in Gang zu set­zen und wie­der Struk­tur in den All­tag der Be­trof­fe­nen zu brin­gen. Hier be­steht laut Hauck noch viel Auf­klä­rungs­be­darf: „Die Zei­ten von ‚Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest‘ – von Zwangs­ja­cken und Gum­mi­zel­len – sind längst vor­bei. Vie­le Kli­ni­ken äh­neln eher Sa­na­to­ri­en. Man wird dort mit Men­schen­wür­de be­han­delt.“Als ak­ti­ver Blog­ger und Twit­ter-Nut­zer be­rich­te­te Hauck un­ter dem Hash­tag #aus­der­klap­se so­gar „live“aus der Psych­ia­trie.

DIE PAS­SEN­DE THE­RA­PIE. Im An­schluss an die voll­sta­tio­nä­re Be­hand­lung folgt ge­wöhn­lich der Be­such ei­ner Ta­ges­kli­nik, die den Pa­ti­en­ten mit Grup­pen­ge­sprä­chen oder Er­go- und Kunst­the­ra­pi­en in ei­nen re­gel­mä­ßi­gen Ta­ges­ab­lauf ein­glie­dert. Form und Ver­lauf von De­pres­sio­nen sind so ver­schie­den wie die Be­trof­fe­nen und eben­so in­di­vi­du­ell ge­stal­ten sich die The­ra­pie­ar­ten. Emp­foh­len wird in den meis­ten Fäl­len ei­ne Be­hand­lung mit Psy­cho­phar­ma­ka in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner Ge­sprächs­the­ra­pie.

No­ra Fie­ling* hat mit 31 Jah­ren be­reits ei­nen Auf­ent­halt in der psych­ia­tri­schen Kli­nik, meh­re­re Be­hand­lungs­pe­ri­oden in ei­ner Ta­ges­kli­nik, ver­schie­de­ne Me­di­ka­men­te und Psy­cho­the­ra­pi­en hin­ter sich. Schon als Kind fühl­te sie sich an­ders, im Al­ter von 15 Jah­ren in­ter­pre­tier­te sie nach der Lek­tü­re von Be­trof­fe­nen­bü­chern ihr selbst­ver­let­zen­des Ver­hal­ten und ih­re To­des­sehn­sucht das ers­te Mal als De­pres­si­on. Es folg­te spä­ter ei­ne Ver­hal­tens­the­ra­pie, die Fie­ling je­doch als un­zu­rei­chend emp­fand, da die­se The­ra­pie­form haupt­säch­lich auf die un­mit­tel­ba­re Be­wäl­ti­gung der Sym­pto­me ab­ziel­te. Vor zwei Jah­ren fand sie schließ­lich ei­ne The­ra­peu­tin mit tie­fen­psy­cho­lo­gi­schem Schwer­punkt: „Ich füh­le mich von ihr ge­se­hen und un­ter­stützt. Sie hat mir Fra­gen ge­stellt, die mir sonst noch nie ein Arzt oder The­ra­peut ge­stellt hat­te – viel da­zu, wie mei­ne Kind­heit, die Be­zie­hung zu mei­nen El­tern, die Schul­zeit war.

No­ra Fie­ling (Pseud­onym) „Vie­le den­ken, dass ei­ne De­pres­si­on mit ein paar Ta­blet­ten, Sport und Freun­de tref­fen schon wie­der in den Griff zu be­kom­men ist. Das ist sie lei­der nicht.“ Mar­kus Bock „Ich glau­be dar­an, dass ich mit der Un­ter­stüt­zung der The­ra­peu­tin mein Le­ben bes­ser sor­tie­ren und mit ihr trau­ma­ti­sche Er­fah­run­gen auf­ar­bei­ten kann.“

Ich glau­be dar­an, dass ich mit ih­rer Un­ter­stüt­zung er­rei­chen kann, mich und mein Le­ben bes­ser zu sor­tie­ren und dass ich mit ihr trau­ma­ti­sche Er­fah­run­gen auf­ar­bei­ten kann.“

VER­AR­BEI­TUNG UND AUS­TAUSCH.

Der schrift­li­che Aus­tausch auf Blogs und so­zia­len Me­di­en ist für Mar­kus Bock, Uwe Hauck und No­ra Fie­ling ein zen­tra­les Mit­tel zur ei­ge­nen Re­fle­xi­on und Ver­ar­bei­tung, zum Aus­tausch mit an­de­ren Be­trof­fe­nen und nicht zu­letzt ein Weg, An­ge­hö­ri­gen und nicht de­pres­si­ven Men­schen zu ver­mit­teln, wie es tat­säch­lich ist, mit ei­ner De­pres­si­on zu le­ben. Fa­mi­lie, Freun­de und Le­bens­part­ner sind ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze für Be­trof­fe­ne, auch wenn sich die­se oft selbst als Be­las­tung emp­fin­den oder Ge­füh­le wie Schuld und Scham ei­nen of­fe­nen Um­gang er­schwe­ren. Be­rüh­rungs­angst be­steht auf bei­den Sei­ten, De­pres­si­ve kön­nen und wol­len sich laut No­ra Fie­ling erst ih­rer Um­welt an­ver­trau­en, wenn die Men­schen da­rin so­wohl In­ter­es­se als auch Ak­zep­tanz zei­gen: „Ich wün­sche mir, dass den Be­trof­fe­nen mehr Sen­si­bi­li­tät und Ver­ständ­nis ent­ge­gen­ge­bracht wird. Und, dass an­de­re die Au­gen auf­ma­chen, da­für, was psy­chi­sche Ge­walt mit ei­nem an­rich­tet. Emo­tio­na­ler Miss­brauch und emo­tio­na­le Ge­walt, da­mit kön­nen vie­le noch nichts an­fan­gen. Zu­gleich man­gelt es an Be­reit­schaft von Nicht­be­trof­fe­nen, sich mit der The­ma­tik aus­ein­an­der­zu­set­zen und auch wei­ter über den Tel­ler­rand zu schau­en.“

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