Das fins­te­re Tal der De­pres­si­on

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

War­um De­pres­sio­nen so ge­fähr­lich sind

Freud­lo­sig­keit, in­ne­re Er­schöp­fung, Ver­zagt­heit. Mehr als 600.000 Per­so­nen lei­den der­zeit in Ös­ter­reich un­ter ei­ner be­hand­lungs­be­dürf­ti­gen De­pres­si­on. Die Dun­kel­zif­fer ist we­sent­lich hö­her.

Oft mer­ken es An­ge­hö­ri­ge als Ers­te, wenn ein Mensch sich ver­än­dert hat. Manch­mal gibt es ei­nen lo­gi­schen Grund, wie bei­spiels­wei­se den Ver­lust des Ar­beits­plat­zes oder ei­ne Tren­nung. Ver­stim­mung und Trau­er sind nor­ma­le Re­ak­tio­nen der Psy­che. Als Freund oder Part­ne­rin ver­sucht man, die Per­son auf­zu­bau­en. Wenn dies aber mit der Zeit auch nicht hilft, soll­te man ge­nau­er nach­fra­gen. Die Wahr­schein­lich­keit, im Lau­fe des Le­bens an ei­ner de­pres­si­ven Er­kran­kung zu lei­den, be­trägt 15 bis 17 Pro­zent, an ei­ner schwe­ren De­pres­si­on zu er­kran­ken, ein bis vier Pro­zent. Im Ex­trem­fall in­ter­pre­tiert der Be­trof­fe­ne die Rea­li­tät völ­lig falsch und meint, kei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ven mehr zu ha­ben. Dann emp­fiehlt sich der Gang zum Psy­cho­the­ra­peu­ten, auch wenn es für man­che kei­ne ein­fa­che Ent­schei­dung ist. „Oft be­steht ei­ne Scham­schwel­le“, sagt Pe­ter Stippl, Prä­si­dent des Ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­ver­ban­des für Psy­cho­the­ra­pie:„Wir­be­mü­hen­un­sals

Be­rufs­grup­pe, Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en. Bei Ge­lenks­schmer­zen geht man zum Or­tho­pä­den, bei der kran­ken See­le eben zum Psy­cho­the­ra­peu­ten.“Laut Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO wer­den De­pres­sio­nen – nach Krebs und Herz-Kreis­lauf-Pro­ble­men – in den kom­men­den 20 Jah­ren zur Volks­krank­heit.

Je nach Ur­sa­che, Schwe­re­grad und Sym­pto­men wird zwi­schen ver­schie­de­nen For­men der De­pres­si­on un­ter­schie­den. Es gibt die sai­so­na­le De­pres­si­on, um­gangs­sprach­lich auch Herbst- oder Win­ter­de­pres­si­on ge­nannt. Wäh­rend der kal­ten Jah­res­zeit geht man we­ni­ger ins Freie. Da­durch kommt der neu­ro­lo­gi­sche Stoff­wech­sel in­so­fern aus dem Gleich­ge­wicht, als dass man zur Bil­dung von Neu­ro­trans­mit­tern Son­nen­licht braucht. Die klas­si­sche Ant­wort dar­auf ist die Licht­the­ra­pie. „Das Pro­blem ist, vie­le Men­schen ge­hen über­haupt nicht raus. Da­bei nimmt man auch bei Ne­bel viel Licht über die Au­gen auf“, sagt Stippl.

Bei re­ak­ti­ven De­pres­sio­nen gibt es ei­nen klar zu­or­den­ba­ren Aus­lö­ser. Man hat bei­spiels­wei­se den Ar­beits­platz ver­lo­ren und nicht da­mit ge­rech­net, oder ei­ne krän­ken­de Schei­dung hin­ter sich. Neu­ro­ti­sche De­pres­sio­nen hin­ge­gen ha­ben ih­ren Ur­sprung meist in der Kind­heit oder Ju­gend: „Wenn man in ei­ner Er­zie­hung auf­ge­wach­sen ist, in der man nie die Freu­de ge­lernt hat und da­her ein grund­sätz­li­ches Miss­trau­en ge­gen die Welt hat“, er­klärt Stippl. In ei­ner Psy­cho­the­ra­pie kön­nen Be­trof­fe­ne die Ur­sa­chen er­ken­nen und ler­nen, da­mit um­zu­ge­hen.

De­pres­sio­nen kön­nen au­ßer­dem auf­grund ei­ner Schwach­stel­le im en­do­ge­nen Im­mun­sys­tem auf­tre­ten. Im Kör­per sind zu we­ni­ge Neu­ro­trans­mit­ter – wie En­dor­phi­ne – in der Pro­duk­ti­on oder­sie­schal­ten­an­denSy­nap­sen­nicht rich­tig. Bei schwe­ren For­men ha­ben Be­trof­fe­ne nicht ein­mal mehr die Ener­gie, um aus dem Bett auf­zu­ste­hen, Kör­per­pfle­ge zu ma­chen, ge­schwei­ge denn ar­bei­ten zu ge­hen. Da­her ist die Vor­aus­set­zung ei­ne Sta­bi­li­sie­rung durch Me­di­ka­ti­on, dann erst kann ei­ne In­ter­ven­ti­on durch ei­nen The­ra­peu­ten hilf­reich sein. „Bei be­son­ders­schwe­renFäl­le­nist­mög­li­cher­wei­se

„Wir be­mü­hen uns, Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en. Bei Ge­lenks­schmer­zen geht man zum Or­tho­pä­den, bei der kran­ken See­le eben zum Psy­cho­the­ra­peu­ten.“ Pe­ter Stippl, Prä­si­dent des Ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­ver­ban­des für Psy­cho­the­ra­pie

ein kli­ni­scher Auf­ent­halt not­wen­dig.“Ab­hän­gig von Ver­lauf und The­ra­pie­er­folg un­ter­schei­det man zwi­schen ei­ner de­pres­si­ven Epi­so­de, ei­ner chro­ni­schen De­pres­si­on oder ei­ner De­pres­si­on mit un­voll­stän­di­ger Ge­ne­sung. Die exis­ten­zi­ell ge­fähr­lichs­te Form ist die de­pres­si­ve Pha­se ei­ner bi­po­la­ren Stö­rung – ein Wech­sel zwi­schen Ma­nie und De­pres­si­on. Dies be­deu­tet ein le­bens­lan­ges Ein­neh­men von Psy­cho­phar­ma­ka.

GE­DULD HA­BEN. Der Schlüs­sel zum Be­hand­lungs­er­folg liegt in der Com­p­li­an­ce des Pa­ti­en­ten und sei­ner Fä­hig­keit, selbst mit­zu­ar­bei­ten. Die Pro­ble­ma­tik: „Be­trof­fe­ne nei­gen da­zu, in gu­ten Pha­sen mit den Me­di­ka­men­ten auf­zu­hö­ren. Dann kom­men oft schwe­re Rück­schlä­ge.“Wie über­zeugt man den Men­schen von der Sinn­haf­tig­keit der Me­di­ka­men­te? „Man kann das mit ei­ner schwe­ren Ver­let­zung ver­glei­chen. Man muss erst ein paar Sa­chen in Ord­nung brin­gen, und dann kann man mit­tels Phy­sio­the­ra­pie die Be­weg­lich­keit wie­der er­ler­nen“, er­klärt Stippl. Man muss Ge­duld ha­ben: Je nach Dia­gno­se und je nach Me­di­ka­ment dau­ert es ei­ni­ge Tage,bis­dieWir­kungein­tritt.„Für­je­de Her­aus­for­de­rung gibt es meh­re­re We­ge, die nicht so­fort klar sind, son­dern erst in­di­vi­du­ell ge­fun­den und an­ge­passt wer­den müs­sen. Um ein Me­di­ka­ment gut ein­stel­len zu kön­nen, muss der Pa­ti­ent je­den­falls ehr­lich sein und die An­wei­sun­gen des Fach­arz­tes be­fol­gen.“So ha­ben auch Men­schen mit schwe­ren Stö­rungs­bil­dern Aus­sich­ten, wie­der ei­ne gu­te Le­bens­qua­li­tät zu er­lan­gen. Kommt man ir­gend­wann auch wie­der oh­ne Me­di­ka­men­te aus? Stippl: „Bis auf die schwe­ren re­zi­di­ven und bi­po­la­ren Stö­run­gen ist das ei­ne rea­lis­ti­sche Hoff­nung.“

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De­pres­sio­nen zäh­len zu den am wei­tes­ten ver­brei­te­ten und zu­gleich am stärks­ten ta­bui­sier­ten psy­chi­schen Krank­hei­ten

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