Ge­wit­ter im Kopf

Epi­lep­sie hat vie­le ver­schie­de­ne Ge­sich­ter. Die meis­ten da­von las­sen sich gut the­ra­pie­ren und be­deu­ten kei­ne we­sent­li­che Ein­schrän­kung in der Le­bens­wei­se.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Was Epi­lep­sie aus­löst, wie man sie mil­dern kann

„Zwei Drit­tel der Pa­ti­en­ten wer­den mit Me­di­ka­men­ten an­falls­frei, ein Drit­tel hat trotz­dem wei­ter An­fäl­le. Das heißt nicht, dass sie nicht wir­ken. Man hat aber leich­te­re oder we­ni­ger An­fäl­le.“ Christoph Baum­gart­ner, Vor­stand der 2. Neu­ro­lo­gi­schen Abteilung im Neu­ro­lo­gi­schen Zen­trum Ro­sen­hü­gel

Nor­ma­ler­wei­se ar­bei­ten Ner­ven­zel­len im Ge­hirn gut auf­ein­an­der ab­ge­stimmt. Bei ei­nem epi­lep­ti­schen An­fall aber „feu­ern“sie in ei­nem um­schrie­be­nen oder ei­nem grö­ße­ren Teil­be­reich des Ge­hirns plötz­lich zu viel und syn­chron – ei­ne un­kon­trol­lier­te elek­tri­sche Ent­la­dung. Des­halb kann der be­trof­fe­ne Teil des Ge­hirns nicht mehr rich­tig funk­tio­nie­ren.

Je nach­dem, wel­che Auf­ga­be die be­trof­fe­ne Hirn­re­gi­on in­ne­hat, kommt es zu be­stimm­ten Funk­ti­ons­stö­run­gen. Mehr als die Hälf­te der Atta­cken ent­ste­hen an ei­nem um­schrie­be­nen Ort im Ge­hirn und wer­den des­halb als fo­ka­le An­fäl­le be­zeich­net. Da­von ge­hen ei­ni­ge mit ei­ner Be­wusst­sein­s­ein­schrän­kung ein­her und äu­ßern sich durch Au­ren. Da­bei kommt es zu ab­nor­men Emp­fin­dun­gen: ein ko­mi­sches Ge­fühl aus der Ma­gen­ge­gend auf­stei­gend, ein un­be­grün­de­tes und in­ten­si­ves Angst­ge­fühl, vi­su­el­le Hal­lu­zi­na­tio­nen. Das sind Ab­we­sen­hei­ten,wo­derBe­trof­fen­ein­sLee­re­schaut. Häu­fig kann man wäh­rend des An­falls ein Schmat­zen bei der Per­son be­ob­ach­ten, sie wird mög­li­cher­wei­se bleich oder schwitzt. Bei so­ma­to­sen­so­ri­schen Au­ren emp­fin­det die Per­son ein Krib­beln oder Taub­heits­ge­fühl. Trifft die elek­tro­ni­sche Ent­la­dung den mo­to­ri­schenKor­tex­kön­nen­ein­sei­ti­ge Zu­ckun­gen des Ge­sichts, ei­nes Ar­mes oder Bei­nes auf­tre­ten – so­ge­nann­te fo­kal-mo­to­ri­sche An­fäl­le. Die­se For­men der Atta­cken dau­ern in der Re­gel nur ei­ni­ge Se­kun­den. Er­fasst die epi­lep­ti­sche Ak­ti­vi­tät von Be­ginn an bei­de Hirn­hälf­ten gleich­zei­tig, spricht man von ge­ne­ra­li­sier­ten An­fäl­len. Da­zu zäh­len bei­spiels­wei­se Ab­sen­cen: Be­trof­fe­ne ver­har­ren starr in ei­ner Kör­per­po­si­ti­on und re­agie­ren nur ver­zö­gert. Die meis­ten chro­ni­schen ge­ne­ra­li­sier­ten An­fäl­le sind die, bei de­nen der mo­to­ri­sche Kor­tex auf bei­den Hirn­hälf­ten in­vol­viert ist. Sie dau­ern bis zu zwei Mi­nu­ten und zei­gen sich in Be­wusst­lo­sig­keit, Zu­ckun­gen und Ver­kramp­fung des ge­sam­ten Kör­pers.

UR­SA­CHEN. In Ös­ter­reich sind der­zeit 65.000 Men­schen von Epi­lep­sie be­trof­fen. Das höchs­te Ri­si­ko, an ei­ner Epi­lep­sie zu er­kran­ken, liegt im Klein­kind­al­ter so­wie ins­be­son­de­re im hö­he­ren Le­bens­al­ter. „Ei­ne Epi­lep­sie kann prin­zi­pi­ell in je­dem Le­bens­al­ter auf­tre­ten“sagt Christoph Baum­gart­ner, Vor­stand der 2. Neu­ro­lo­gi­schen Abteilung im Neu­ro­lo­gi­schen Zen­trum Ro­sen­hü­gel.

Ein Teil der Er­kran­kun­gen ist kom­plex po­ly­ge­ne­tisch ver­ur­sacht: Es gibt ei­ne Viel­falt von Ge­nen, die bei ei­nem Zu­sam­men­tref­fen­ei­neDis­po­si­ti­on­für Epi­lep­sie dar­stel­len kön­nen. Wo­bei ge­ne­tisch hier nicht un­be­dingt Ver­er­bung be­deu­tet. Je­der Mensch be­sitzt ein Ri­si­ko von drei bis fünf Pro­zent, im Lau­fe des Le­bens ei­ne Epi­lep­sie zu ent­wi­ckeln. Wenn die Mut­ter dar­an er­krankt ist, steigt das Ri­si­ko für das Kind nur um ein bis zwei Pro­zent­punk­te. „Ge­ne­tisch zu tes­ten macht da­her kei­nen Sinn“, gibt Christoph Baum­gart­ner, der au­ßer­dem als Lei­ter des Karl Land­stei­ner In­sti­tuts für Kli­ni­sche Epi­lep­sie­for­schung und Ko­gni­ti­ve Neu­ro­lo­gie fun­giert, Ent­war­nung.

An­de­re mög­li­che Grün­de lie­gen in ei­ner struk­tu­rel­len Ve­rän­de­rung im Ge­hirn: Das kann nach ei­nem Schlagan-

fall, ei­nem Schä­del-Hirn-Trau­ma, ei­ner Ge­hirn­haut­ent­zün­dung oder durch ei­ne Stö­rung der Hirn­rin­den­struk­tur auf­tre­ten. Auch Stoff­wech­sel­krank­hei­ten kön­nen das Hirn in die­se Rich­tung be­ein­flus­sen – die Ur­sa­che ist al­so me­ta­bo­lisch. „Ein ganz neu­es The­ma sind Au­to­im­mun-En­ze­pha­lo­pa­thi­en, die sich in Epi­lep­sie ma­ni­fes­tie­ren und ei­ne Im­mun­the­ra­pie er­for­der­lich ma­chen“, sagt Baum­gart­ner. In­fek­tiö­se Ur­sa­chen sind in der west­li­chen, in­dus­tria­li­sier­ten Welt eher we­ni­ger von Re­le­vanz. Am häu­figs­ten muss man aber von Epi­lep­si­en un­be­kann­ter Ur­sa­che spre­chen.

DIA­GNO­SE. Die Dia­gno­se er­folgt erst durch ein Ge­spräch: Die ge­naue Be­ob­ach­tung und Be­schrei­bung der An­fäl­le ist von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Dann wer­den zwei we­sent­li­che Un­ter­su­chun­gen durch­ge­führt: Ein Elek­tro­en­ze­pha­lo­gramm (EEG), das die Hirn­funk­ti­on un­ter­sucht. Und ei­ne Ma­gnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie (MRT), bei der Schnitt­bil­der des Ge­hirns an­ge­fer­tigt wer­den und so auch kleins­te struk­tu­rel­le Ve­rän­de­run­gen er­fasst wer­den kön­nen. Be­steht der Ver­dacht auf ei­ne spe­zi­fi­sche Ur­sa­che, macht man zu­sätz­lich ei­ne Kern­spin­to­mo­gra­fie. Un­ge­fähr 40 Pro­zent ha­ben nach ei­ner ers­ten Atta­cke auch ei­nen zwei­ten An­fall. Die rest­li­chen 60 Pro­zent hat­ten ei­nen so­ge­nann­ten iso­lier­ten An­fall. Nach Baum­gart­ner er­lebt ihn je­der zehn­te Mensch. Da­bei spricht man aber noch nicht von ei­ner Epi­lep­sie.

THE­RA­PIE. Die Be­hand­lung der Epi­lep­sie er­folgt zu­nächst im­mer mit Me­di­ka­men­ten – so­ge­nann­te An­tie­pi­lep­ti­ka. Je nach Er­schei­nungs­form der Krank­heit kann man sich ih­rer ver­schie­de­nen Wir­kungs­me­cha­nis­men be­die­nen: Die ei­nen funk­tio­nie­ren über ei­nen sta­bi­li­sie­ren­den Ein­fluss an den Ner­ven­zell­mem­bra­nen. Sie wir­ken al­so di­rekt an den Io­nen­ka­nä­len, die un­ter epi­lep­ti­schen Be­din­gun­gen schnell feu­ern. An­de­re be­ein­flus­sen den Neu­ro­trans­mit­ter-Stoff­wech­sel: Die Bo­ten­stof­fe wer­den un­ter­drückt oder ge­för­dert. Durch die me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie ver­sucht man, die Ent­ste­hung als auch die Aus­brei­tung von epi­lep­ti­schen Ent­la­dun­gen zu ver­hin­dern. „Zwei Drit­tel der Pa­ti­en­ten wer­den mit Me­di­ka­men­ten an­falls­frei, ein Drit­tel hat trotz­dem wei­ter An­fäl­le. Das heißt nicht, dass sie nicht wir­ken. Man hat aber leich­te­re oder we­ni­ger An­fäl­le“, sagt Baum­gart­ner. An­tie­pi­lep­ti­ka sind nicht ne­ben­wir­kungs­frei. Am häu­figs­ten kom­men Mü­dig­keit und Schwin­del vor. Man­che lö­sen Ge­müts­ver­än­de­run­gen oder Ge­wichts­ver­än­de­run­gen aus. Ist ein Be­trof­fe­ner the­ra­pie­re­sis­tent oder reagiert all­er­gisch, gibt es noch die Mög­lich­keit der Epi­lep­sie­chir­ur­gie. Im Fall ei­ner fo­ka­len Epi­lep­sie, wenn man den um­schrie­be­nen Teil lo­ka­li­sie­ren kann und sich dort kei­ne wich­ti­ge Hirn­funk­ti­on be­fin­det, kann man ihn ent­fer­nen. „Das ist aber Spe­zi­al­zen­tren

vor­ent­hal­ten“, so der Ex­per­te. Falls we­der Me­di­ka­men­ten hel­fen noch ei­ne Ope­ra­ti­on mög­lich ist, kann man­chen Pa­ti­en­ten durch die Va­gusNerv-Sti­mu­la­ti­on ge­hol­fen wer­den. Da­bei wird im Hals­be­reich ein Im­puls­ge­ber – ähn­lich ei­nem Herz­schritt­ma­cher – un­ter­halb des Schlüs­sel­beins im­plan­tiert.

Ei­nen we­sent­li­chen Teil der Be­hand­lung ma­chen au­ßer­dem Ge­sprä­che aus. „Ich sa­ge mei­nen Pa­ti­en­ten, sie sol­len ein mög­lichst nor­ma­les Le­ben füh­ren. Die we­ni­gen Ein­schrän­kun­gen be­tref­fen zum Bei­spiel das Au­to­fah­ren oder ge­wis­se Sport­ar­ten, wie Schwim­men oder Klet­tern“, sagt Christoph Baum­gart­ner. Vor sinn­lo­sen Ver­bo­ten rät er ab: Die Krank­heit sei oh­ne­hin schon zur Ge­nü­ge stig­ma­ti­siert. -

Bei ei­nem epi­lep­ti­schen An­fall kommt es im Ge­hirn zu ei­ner un­kon­trol­lier­ten elek­tri­schen Ent­la­dung

Nach dem Krampf­an­fall soll­te man ei­ne Sei­ten­la­ge­rung durch­füh­ren, so­fern die be­trof­fe­ne Per­son an­sprech­bar ist

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