Mein Le­ben mit Par­kin­son

Nur ein klei­ner Pro­zent­satz er­krankt noch vor dem 60. Le­bens­jahr an Par­kin­son. Gün­ther Wa­gen­tha­ler war 38 Jah­re alt, als sich die ers­ten An­zei­chen der Er­kran­kung be­merk­bar mach­ten.

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Be­trof­fe­ne er­zäh­len über ih­ren All­tag mit der Krank­heit

Wäh­rend ei­nes Trai­nings für ei­nen Halb­ma­ra­thon tauch­ten erst­mals die Krämp­fe in den Wa­den, Ober­schen­keln und in den Ze­hen­kral­len auf. Nach drei Jah­ren kam das Zit­tern da­zu. Die Dia­gno­se war ein har­ter Schlag für­denVa­ter­von­zweiTöch­tern.Mitt­ler­wei­le lebt Gün­ther Wa­gen­tha­ler seit 15 Jah­ren mit der Dia­gno­se Par­kin­son. Ei­ne an­hal­ten­de Stig­ma­ti­sie­rung er­schwert vie­len Be­trof­fe­nen ei­nen of­fe­nen Um­gang. Ge­ra­de jun­ge und noch be­rufs­tä­ti­ge Er­krank­te ha­ben Angst, plötz­lich als wert­los an­ge­se­hen zu wer­den – weiß Wa­gen­tha­ler aus Er­fah­rung zu er­zäh­len. Ih­nen will der Ober­ös­ter­rei­cher Mut ma­chen. Ge­le­gen­heit da­zu hat er bei den Tref­fen der Selbst­hil­fe­grup­pen in Bad Ischl und Wels, die er selbst lei­tet.

Wie lan­ge konn­ten Sie nach der Dia­gno­se Ih­ren Be­ruf als Koch wei­ter aus­füh­ren?

Gün­ther Wa­gen­tha­ler: Ich ha­be mei­nem Di­enst­ge­ber die Dia­gno­se von An­fang an nicht ver­heim­licht. Er war sehr loy­al, da hat­te ich Glück. Ich bin zu­erst in den ge­schütz­ten Be­reich ge­kom­men. 2006, al­so acht Jah­re nach den ers­ten An­zei­chen, bin ich dann in die Pen­si­on ge­gan­gen. Das hat mir schon sehr weh­ge­tan, denn ich lieb­te mei­nen Be­ruf.

Wie schaf­fen Sie es, trotz fort­schrei­ten­derKrank­heit­den­hu­mor­vol­lenUm­gang bei­zu­be­hal­ten?

Ich ha­be un­ge­fähr fünf Pha­sen pro Tag, da geht es mir gut und fünf Pha­sen, da geht es mir nicht so gut. Da bin ich eher dem Tod nä­her, als dem Le­ben. Aber ich weiß, ich kom­me im­mer wie­der zu­rück – und das ist wun­der­bar. Die Sym­pto­me sind fürch­ter­lich, das kann und soll man nicht schön­re­den. Aber mit La­chen ist die Krank­heit bes­ser zu be­wäl­ti­gen, als mit Trä­nen. Durch den Par­kin­son ha­be ich so vie­le Leu­te ken­nen­ge­lernt. Oh­ne die Krank­heit hät­te ich auch si­cher nicht die­sen Weit­blick be­kom­men und die­se Le­bens­freu­de. Ich bin grund­sätz­lich ein sehr po­si­ti­ver Typ und le­be in der Ge­gen­wart. Ich kann zwar in fünf Jah­ren­imRoll­stuhl­sit­zen,michkan­na­ber auch mor­gen der Schlag tref­fen. Die­se Ein­stel­lung ist wich­tig: Man soll nicht dar­auf schau­en, was man nicht mehr kann, son­dern dar­auf, was man noch kann. Je­den Tag ma­che ich Übun­gen, um mei­ne Be­we­gung best­mög­lich zu er­hal­ten. Man muss aber den in­ne­ren Schwei­ne­hund über­win­den.

Ko­chen Sie noch?

Ich be­rei­te im­mer das Mit­tag­es­sen zu. In letz­ter Zeit kann ich zeit­wei­se nicht mehr um­rüh­ren. Auch wenn ich mitt­ler­wei­le­viel­mehrZeit­füral­les­brau­che

„Die Sym­pto­me sind fürch­ter­lich. Aber mit La­chen sind sie bes­ser zu be­wäl­ti­gen als mit Trä­nen.“ Gün­ter Wa­gen­tha­ler, pen­sio­nier­ter Koch und Par­kin­son-Pa­ti­ent

und die Vor­be­rei­tung ei­ni­ge St­un­den dau­ert – Ko­chen ist mein Le­ben.

Wel­che Rol­le spielt die Er­kran­kung in Ih­rem fa­mi­liä­ren Um­feld?

Mei­ne Frau vergisst im­mer wie­der, dass ich krank bin. (lacht) Das ist gut, denn die Krank­heit ist nicht zu do­mi­nant. Zum Bei­spiel plant sie ein Ge­burts­tags­es­sen für 13 Uhr. Dann muss ich sie er­in­nern, dass das nicht geht. Denn ich darf bis um halb drei we­gen der Me­di­ka­men­te nichts es­sen. Die Ta­blet­ten-Ein­nah­me be­stimmt so­zu­sa­gen mein Le­ben. Manch­mal, wenn ich Zit­ter­at­ta­cken ha­be, la­chen wir al­le. Auch wenn es mir schlecht geht, der Um­gang mei­ner Fa­mi­lie hilft mir sehr.

Ru­fen die Me­di­ka­men­te Ne­ben­wir­kun­gen her­vor?

Üb­li­che Ne­ben­wir­kun­gen sind Schweiß­aus­brü­che, Schwin­del, Spei­chel­fluss, Na­cken­schmer­zen, Schluck­stö­run­gen. Nach ei­ner lan­gen Ein­nah­me der Ta­blet­ten kommt auch die­se Über­be­we­gung. Ein Me­di­ka­ment hat bei mir so­gar ei­ne Spiel­sucht aus­ge­löst. Aber als ich ein­mal je­man­den ne­ben mir Tau­sen­de von Eu­ros bei ei­nem ein­ar­mi­gen Ban­di­ten ver­lie­ren sah, hat mich das so scho­ckiert. Ich bin heim­ge­fah­ren, ha­be mei­ner Frau die Sucht ge­stan­den und sie um Hil­fe ge­be­ten.

Fah­ren Sie noch mit dem Au­to?

In der Früh fah­re ich mei­ne Frau in die Ar­beit. Da geht es mir gut und kein Mensch wür­de er­ken­nen, dass ich krank bin. Aber um 9 Uhr brau­che ich wie­der Ta­blet­ten. Wenn ich aber mit mei­ner Frau in un­se­rem klei­nen Wohn­wa­gen her­um­rei­se bei­spiels­wei­se, fährt nur sie.

Sie sind sehr en­ga­giert in der Par­kin­sonSze­ne. Wie­weit kön­nen die Selbst­hil­fe­grup­pen hilf­reich sein?

Wenn man jung ist und noch voll im Ar­beits­le­ben steht, trifft ei­nen die Dia­gno­se schon bein­hart. Man kann sich ge­gen­sei­tig hel­fen und Tipps ge­ben, zum Bei­spiel für die Be­an­tra­gung der Pen­si­on. Bei den Tref­fen sit­zen Men­schen un­ter­schied­lichs­ter Be­völ­ke­rungs­schich­ten zu­sam­men und re­den – die Krank­heit eint sie. Manch­mal or­ga­ni­sie­re ich Vor­trä­ge oder Grup­pen­the­ra­pi­en für Lo­go­pä­die. Auch in der Ge­mein­de bin ich als stell­ver­tre­ten­der Ge­mein­de­rat viel für So­zia­les zu­stän­dig. So­mit sind mei­ne Tage aus­ge­füllt.

Wel­che Re­ak­tio­nen Ih­res Um­felds är­gern Sie im All­tag mit Par­kin­son be­son­ders?

Wenn ich auf ei­nem Be­hin­der­ten­park­platz par­ke und Leu­te kom­men her, um zu prü­fen, ob ich wirk­lich ei­nen Aus­weis ha­be. Ich ha­be seit 15 Jah­ren Par­kin­son aber das sieht man mir nicht im­mer an. Manch­mal pas­siert es mir, dass ich in ei­ne plötz­li­che Star­re ver­fal­le und nicht wei­ter­ge­hen kann. Leu­te ru­fen dann „He, was ist? Geh wei­ter!“Ich ha­be aber kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te und fra­ge um Hil­fe. Auch, wenn ich in der Stra­ßen­bahn sit­ze und ei­ne al­te Frau sieht mich bö­se an, weil ich ihr kei­nen Platz ma­che: Man muss im­mer re­den und sich ou­ten. -

„Bei den Tref­fen sit­zen Men­schen un­ter­schied­lichs­ter Be­völ­ke­rungs­schich­ten zu­sam­men – die Krank­heit eint sie.“

Bei der Lan­des­gar­ten­schau in Bad Ischl or­ga­ni­sier­te Wa­gen­tha­ler ei­nen Par­kin­son-Park, um Be­wusst­sein zu schaf­fen

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