Wenn uns der Kör­per im Stich lässt

In Ös­ter­reich le­ben der­zeit rund 30.000 Men­schen mit dem Par­kin­son-Syn­drom. Die lang­sam fort­schrei­ten­de Er­kran­kung des zen­tra­len Ner­ven­sys­tems führt zur Stö­rung der Be­we­gungs­ab­läu­fe, oft auch zu De­pres­sio­nen. Bis­her kann sie nur sym­pto­ma­tisch be­han­delt we

KURIER_PSYCHE - - INHALT - MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

War­um Mor­bus Par­kin­son ent­steht, wie er be­han­delt wird

Par­kin­son ist nach De­menz zwar die zweit­häu­figs­te neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ve Er­kran­kung, sie ist aber gleich­zei­tig auch die am bes­ten be­han­del­ba­re.

Schon in den 1960er-Jah­ren ent­deck­te man ei­ne ef­fek­ti­ve The­ra­pie: Den Er­satz von kör­per­ei­ge­nem Do­pa­min mit der Do­pa­min-Vor­stu­fe L-Do­pa. Das ist je­ner Bo­ten­stoff, der für die Steue­rung und Ko­or­di­na­ti­on der Be­we­gungs­ab­läu­fe wich­tig ist. Auch Mi­mik und Ges­tik sind von ihm be­ein­flusst. Ster­ben die Do­pa­min-pro­du­zie­ren­den Zel­len ab, kommt es zu den ty­pi­schen Par­kin­son-Sym­pto­men wie Zit­tern, Mus­kel­steif­heit, Hal­tungs­stö­run­gen und ei­ne ge­ne­rel­le Ver­lang­sa­mung der Be­we­gung. Die schlei­chend fort­schrei­ten­de Er­kran­kung kann bis­lang nur sym­pto­ma­tisch be­han­delt wer­den.

Die Me­di­ka­men­te ent­wi­ckel­ten sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aber maß­geb­lich wei­ter. So lässt sich mitt­ler­wei­le der Ein­satz von L-Do­pa mit neue­ren, do­pa­mi­n­ähn­li­chen Sub­stan­zen zeit­lich nach hin­ten schie­ben und so­mit wer­den Ne­ben­wir­kun­gen wie Über­schuss­be­we­gun­gen re­du­ziert.

NEUE PER­SPEK­TI­VE. In der For­schung hat au­ßer­dem ein Per­spek­ti­ven­wan­del statt­ge­fun­den:Und zwar hin zu Be­mü­hun­gen, ein Mit­tel zu fin­den, das auch schon den zu­grun­de lie­gen­den Krank­heits­pro­zess be­ein­flusst. Da­bei spielt laut ak­tu­el­lem Wis­sens­stand die An­häu­fung von Sy­nu­clein ei­ne Rol­le. Das ist ein Ei­weiß­stoff im Ge­hirn, der un­ter an­de­rem die Do­pa­min­aus­schüt­tung re­gu­liert. Im Lau­fe der Er­kran­kung bil­den sich Zu­sam­men­bal­lun­gen des Pro­te­ins in den Ner­ven­zel­len. Sie kön­nen nicht mehr durch die na­tür­li­chen Mecha­nis­men ab­ge­baut wer­den.

Wer­ner Poewe, Di­rek­tor der Inns­bru­cker Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie ge­hört welt­weit zu den füh­ren­den Par­kin­son-For­schern. Der­zeit sind der Pro­fes­sor und sein Team an ei­ner eu­ro­pa­wei­ten The­ra­pie­stu­die zur Sy­nu­clein-Im­mu­ni­sie­rung be­tei­ligt. Ein vom hei­mi­schen Bio­tech­un­ter­neh­men Af­firis ent­wi­ckel­ter Impf­stoff soll das Im­mun­sys­tem da­zu brin­gen, An­ti­kör­per ge­gen die ver­klump­te Form von Sy­nu­clein zu bil­den.

„Man hofft ei­ner­seits, dass so das falsch ge­bau­te Ei­weiß ent­fernt wird. An­de­rer­seits auch, dass die Wei­ter­ga­be die­ses krank­haft ver­än­der­ten Ei­wei­ßes von Zel­le zu Zel­le ver­hin­dert wird“, sagt Poewe.

Man wis­se be­reits durch Be­ob­ach­tun­gen von äl­te­ren Ko­hor­ten, dass das Im­mun­sys­tem nach der Imp­fung tat­säch­lich An­ti­kör­per bil­det. Ob die­se die Krank­heit auch maß­geb­lich ver­än­dern, kann man der­zeit aber noch nicht sa­gen. „Ei­ne wei­te­re Stu­die ist ge­ra­de be­en­det wor­den, die Er­geb­nis­se er­war­ten wir im Herbst“, sagt der Ex­per­te.

BILDGEBUNGSINSTRUMENT. Im Vi­sier der Inns­bru­cker For­scher ste­hen au­ßer­dem viel­ver­spre­chen­de bild­ge­ben­de Ver­fah­ren, et­wa im EU-

Pro­jekt Mul­tiSyn.Im Ge­gen­satz zu Alz­hei­mer gibt es bei Par­kin­son noch kein ent­spre­chen­des Bildgebungsinstrument, mit dem man das krank­haft ver­än­der­te Ei­weiß sicht­bar und mess­bar ma­chen könn­te.

Das wä­re aber sehr wich­tig, denn Par­kin­son be­ginnt lan­ge, be­vor die ers­ten mo­to­ri­schen Früh­sym­pto­me auf­tre­ten. Die Be­ein­träch­ti­gun­gen wer­den des­we­gen erst im Krank­heits­ver­lauf stär­ker und kla­rer er­kenn­bar. Da­her wird in­ten­siv an ei­ner mo­le­ku­la­ren Bild­ge­bung ge­forscht, die das früh­zei­ti­ge Er­ken­nen von Sy­nu­cleinKlum­pen so­wie nicht-mo­to­ri­schen Krank­heits­zei­chen er­mög­li­chen soll. „Da­durch könn­te man Ef­fek­te viel bes­ser und frü­her be­ur­tei­len. Wir su­chen au­ßer­dem in­ten­siv nach früh­zeit­li­chen Mar­kern, die uns Hin­wei­se auf ei­ne Er­kran­kung ge­ben könn­ten. Die For­schung be­wegt sich ins­ge­samt in Rich­tung Krank­heits­vor­beu­gung und Früh­er­ken­nung“, sagt Neu­ro­lo­ge Wer­ner Poewe. Kon­kre­te Aus­lö­ser für ei­ne Er­kran­kung sind kaum be­kannt: In bis zu 80 Pro­zent der Fäl­le fin­det man kei­ne greif­ba­ren Grün­de. Bei et­wa fünf Pro­zent wird das Syn­drom ver­erbt. Ei­ni­ge an­de­re Krank­hei­ten, Gift­stof­fe und Me­di­ka­men­te kön­nen eben­falls Par­kin­son-Sym­pto­me aus­lö­sen.

LE­BENS­QUA­LI­TÄT. Durch ei­ne in­di­vi­du­ell an­ge­pass­te – me­di­ka­men­tö­se und phy­sio­the­ra­peu­ti­sche– The­ra­pie kann die Le­bens­qua­li­tät im All­tag der Be­trof­fe­nen sehr lan­ge er­hal­ten blei­ben.Ei­ne­so­ge­nann­teTie­fen­hirn­sti­mu­la­ti­on wird nur bei Pa­ti­en­ten ein­ge­setzt, de­nen die klas­si­schen Me­di­ka­men­te nach jah­re­lan­ger Ein­nah­me nicht­mehr­aus­rei­chend­hel­fenoder­mo­to­ri­sche Kom­pli­ka­tio­nen ver­ur­sa­chen. Die The­ra­pie, bei der aus­ge­wähl­te Hirn­re­gio­nen mit­tels Elek­tro­den an­ge­regt wer­den, kann die An­zahl der not­wen­di­gen Me­di­ka­men­te re­du­zie­ren und die Fä­hig­kei­ten der Be­trof­fe­nen wie­der ver­bes­sern.

Prä­ven­tiv ver­mei­den kann man ei­ne Er­kran­kung an Par­kin­son nicht. Stu­di­en zei­gen aber, dass das Ri­si­ko ge­rin­ger ist, je kör­per­lich ak­ti­ver man ist. „Was schwer zu ver­ste­hen ist: Das Ri­si­ko ist bei Rau­chern ge­rin­ger als bei strik­ten Nicht­rau­chern. Da beißt sich die Wis­sen­schaft der­zeit noch die Zäh­ne aus, um zu ver­ste­hen, wie­so das so ist“, sagt Poewe. Of­fen­bar hat auch der Kon­sum von Kaf­fee ei­nen Schutz­ef­fekt, so der Par­kin­son-Spe­zia­list.

„Die For­schung be­wegt sich ins­ge­samt in Rich­tung Krank­heits­vor­beu­gung und Früh­er­ken­nung.“ Wer­ner Poewe, Di­rek­tor der Inns­bru­cker Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie

Durch ei­ne in­di­vi­du­ell an­ge­pass­te The­ra­pie kann die Le­bens­qua­li­tät im All­tag der Be­trof­fe­nen sehr lan­ge er­hal­ten blei­ben

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