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KURIER_PSYCHE - - INHALT - YASMIN VIHAUS

Wie De­menz ent­steht, war­um die Krank­heit zu­nimmt

Die Zahl der De­menz-Pa­ti­en­ten wird sich in den kom­men­den 30 Jah­ren in Ös­ter­reich auf 270.000 mehr als ver­dop­peln. Wie sich Me­di­zi­ner und So­zi­al­sys­tem dar­auf vor­be­rei­ten. Mit wel­chen neu­en Me­tho­den Be­trof­fe­nen ge­hol­fen wer­den kann.

Ein ver­ges­se­ner Ter­min, ein ver­lo­re­ner Schlüs­sel, ei­ne un­be­wuss­te Hand­lung – De­menz ist ei­neEr­kran­kung,die­sich­lang­sa­mein­schleicht. Welt­weit lei­den 46,8 Mil­lio­nen Men­schen an De­menz, die Zah­len stei­gen auf­grund der de­mo­gra­fi­schen Al­te­rung der Be­völ­ke­rung al­ler­dings im­mer wei­ter an. Ak­tu­ell le­ben in Ös­ter­reich et­wa 130.000 Men­schen mit de­men­zi­el­len Er­kran­kun­gen – laut Pro­gno­sen soll sich die­se Zahl bis zum Jahr 2050 ver­dop­peln.

LANG­SA­MER AB­BAU. De­menz als Über­be­griff be­schreibt Krank­hei­ten, bei de­nen es zu ei­nem Ab­bau

ko­gni­ti­ver, emo­tio­na­ler und so­zia­ler Fä­hig­kei­ten kommt, der zu ei­ner Be­ein­träch­ti­gung von so­zia­len und be­ruf­li­chen Funk­tio­nen führt. Da­durch sind die Er­krank­ten ir­gend­wann nicht mehr in der La­ge, selbst­stän­dig für sich zu sor­gen.

Ty­pi­sche Sym­pto­me sind die Stö­rung des Ge­dächt­nis­ses, die Stö­rung des Denk­ver­mö­gens und die Stö­rung der emo­tio­na­len Kon­trol­le. Da de­men­zi­el­le Er­kran­kun­gen von vie­len ver­schie­de­nen Fak­to­ren be­stimmt sind, lässt sich der in­di­vi­du­el­le Ver­lauf nicht mit Si­cher­heit vor­her­sa­gen. Dass ge­ra­de De­menz in Zu­kunft ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung dar­stellt, ist bei Ex­per­ten un­um­strit­ten – nicht zu­letzt, weil die Krank­heit als be­son­ders pfle­gein­ten­siv gilt.

Das Grund­wis­sen über Sym­pto­me in den­ver­schie­de­nenPha­sen­kan­nAn­ge­hö­ri­gen und Be­treu­ungs­per­so­nen al­ler­dings hel­fen, mit den zu er­war­ten­denVe­rän­de­run­genim­täg­li­chenUm­gang mit der er­krank­ten Per­son bes­ser um­zu­ge­hen.

ALZ­HEI­MER IST NICHT GLEICH DE­MENZ. Ak­tu­ell sind nicht al­le Ur­sa­chen für de­men­zi­el­le Er­kran­kun­gen ge­klärt. Ei­ni­ge For­men kön­nen me­di­ka­men­tös­be­han­deltwer­den,um­dieSym­pto­me zu­min­dest ab­zu­schwä­chen. Un­ter­schie­den wird zwi­schen ei­ner di­rek­ten Er­kran­kung des Ge­hirns, der pri­mä­ren De­menz und se­kun­dä­ren De­men­zen, bei de­nen die Sym­pto­me durch an­de­re Er­kran­kun­gen ver­ur­sacht wer­den. Zur pri­mä­ren De­menz zäh­len ne­ben neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Er­kran­kun­gen wie der Alz­hei­mer-De­menz, der Le­wy-Bo­dy-De­menz oder Par­kin­son auch die vas­ku­lä­re De­menz, die durch Ge­rinn­sel im Ge­hirn ver­ur­sacht wird.

Die mit 70 bis 80 Pro­zent am häu­figs­ten auf­tre­ten­de De­menz­form ist die Alz­hei­mer-Krank­heit. Ei­ne voll­stän­di­ge Hei­lung gibt es ak­tu­ell noch nicht,an­ei­nerVer­bes­se­rungderSi­tua­ti­on für die Pa­ti­en­ten wird je­doch mit Nach­druck ge­forscht.

„Mit den rich­ti­gen Maß­nah­men kön­nen kli­ni­sche Sym­pto­me der Alz­hei­mer-De­menz ver­zö­gert und ers­te Sym­pto­me wie Ver­gess­lich­keit po­si­tiv be­ein­flusst wer­den“, be­ton­te Pe­ter Dal-Bi­an­co, Alz­hei­mer-Ex­per­te der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie an der Me­dU­ni Wi­en erst kürz­lich an­läss­lich des Welt-Alz­hei­mer-Tags. Laut ei­ner fin­ni­schen Stu­die wür­de sich ein „mul­ti­moda­les All­tags­trai­ning“po­si­tiv auf die ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten aus­wir­ken. Im Rah­men der Stu­die wur­den 1.260 Per­so­nen zwi­schen 60 und 77 Jah­ren, die be­reits an Ver­gess­lich­keit lit­ten, in zwei Grup­pen ein­ge­teilt. Ei­ne Grup­pe er­hielt über 24 Mo­na­te ein all­tags­an­ge­pass­tes, re­gel­mä­ßi­ges kör­per­li­ches Trai­ning mit Spa­zier­gän­gen und gleich­zei­ti­gem Dia­log, ei­nem Ba­lan­ce- und Ge­dächt­nis­trai­ning am Com­pu­ter, so­zia­len Ak­ti­vi­tä­ten und ei­ner ge­sun­den Di­ät. Da­bei zeig­te sich ei­ne si­gni­fi­kan­te Ver­bes­se­rung der ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten bei der ak­ti­ve­ren Grup­pe im Ver­gleich zur Kon­troll­grup­pe.

BE­WE­GUNG STOPPT DE­MENZ. Die Stu­die un­ter­streicht auch die For­schungs­er­geb­nis­se an der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en. Um­ge­kehrt

„Mit den rich­ti­gen Maß­nah­men kön­nen kli­ni­sche Sym­pto­me der Alz­hei­mer-De­menz ver­zö­gert wer­den.“ Pe­ter Dal-Bi­an­co, Alz­hei­mer-Ex­per­te der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Neu­ro­lo­gie an der Me­dU­ni Wi­en

wird auch das Er­kran­kungs­ri­si­ko vom Le­bens­stil be­ein­flusst: „Be­we­gungs­trä­ge Men­schen ha­ben ein um 80 Pro­zent er­höh­tes Alz­hei­mer-Ri­si­ko im Ver­gleich mit kör­per­lich ak­ti­ven Men­schen. Wei­te­re Fak­to­ren, die den kli­ni­schen Be­ginn ei­ner De­menz be­schleu­ni­gen kön­nen sind Über­ge­wicht, Dia­be­tes mel­li­tus, Blut­hoch­druck und Rau­chen“, fasst der Ex­per­te zu­sam­men.

FRÜH­ER­KEN­NUNG WICH­TIG. Wich­tig für die Be­hand­lung ist auch die frü­he Er­ken­nung, denn die neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Ge­webs­ver­än­de­run­gen im Ge­hirn ent­wi­ckeln sich lang­sam und be­gin­nen be­reits et­wa 30 Jah­re vor den ers­ten kli­ni­schen De­menz­sym­pto­men. Wird die Er­kran­kung bald er­kannt, gibt es un­ter­schied­li­che Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Ziel ist der weit­ge­hen­deEr­halt­derSelbst­stän­dig­keit und die Selbst- und Mit­be­stim­mung bei ei­ner ei­gen­stän­di­gen Le­bens­füh­rung. An der Uni­ver­si­tät Wi­en wird zu­sätz­lich zur me­di­ka­men­tö­sen The­ra­pie im frü­hen Sta­di­um im Rah­men ei­ner kli­ni­schen Stu­die ei­ne Hirn­sti­mu­la­ti­on mit Ul­tra­schall­wel­len ein­ge­setzt. Ziel ist es letzt­end­lich, das Fort­schrei­ten der Er­kran­kung im­mer wei­ter ein­zu­schrän­ken. „Wenn wir in ei­nem frü­hen Sta­di­um die rich­ti­gen Maß­nah­men er­grei­fen und wis­sen­schaft­lich nach­wei­sen kön­nen, dass sie auch wir­ken, könn­ten vie­le Men­schen den kli­ni­schen Aus­bruch der Er­kran­kung so lan­ge hin­aus­zö­gern, dass sie die­sen vor ih­rem al­ters­be­ding­ten Tod nicht er­le­ben müs­sen“, er­klärt Dal-Bi­an­co. Lei­der ver­ge­hen auch meist ein bis zwei Jah­re ab Auf­tre­ten ers­ter de­menz­ty­pi­scher Sym­pto­me, be­vor ein Arzt auf­ge­sucht wird und ei­ne ent­spre­chen­de spe­zi­fi­sche The­ra­pie ein­ge­lei­tet wird. Da­bei wä­ren fünf bis zehn Pro­zent al­ler Fäl­le von Ver­gess­lich­keit ei­ne be­han­del­ba­re Er­kran­kung. Oh­ne ra­sche Er­fol­ge in der De­menz­for­schung wer­den je­den­falls auf die So­zi­al­sys­te­me enor­me Kos­ten zu­kom­men, denn durch die stei­gen­de Le­bens­er­war­tung sind im­mer mehr De­menz-Er­krank­te zu ver­sor­gen.

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