Das Ge­hirn heilt sich selbst

Neu­ro­feed­back holt De­pres­si­ve aus dem Tief und gibt dem Zap­pel­phil­ipp Ru­he. Die Me­tho­de funk­tio­niert oh­ne Ta­blet­ten. Sie ver­traut auf die Selbst­hei­lungs­kraft des Ge­hirns.

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So för­dert Neu­ro­feed­back die Selbst­hei­lungs­kraft des Ge­hirns

Kon­zen­triert sitzt Kon­rad vor dem Bild­schirm, auf dem ein Raum­schiff ru­ckelnd durch ein recht bun­tes Wel­tall fliegt. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten wird der Flug ru­hi­ger. Das Raum­schiff weicht plötz­lich auf­tau­chen­den Me­teo­ri­ten ele­gant aus und lan­det schließ­lich sanft auf ei­nem Wüs­ten­pla­ne­ten. Kon­rad lä­chelt. Der an ADHS lei­den­de 11-Jäh­ri­ge ist zu­frie­den – und ru­hig.

Ge­dan­ken sind nicht in St­ein ge­mei­ßelt, eher ganz im Ge­gen­teil. Un­ser Ge­hirn bleibt bis ins ho­he Al­ter „plas­tisch“, al­so ver­än­der­bar. Ge­nau dar­auf baut Neu­ro­feed­back. Die­se The­ra­pie­me­tho­de setzt bei der Be­hand­lung von De­pres­sio­nen, Angst­zu­stän­den oder ADHS bei der Hirn­ak­ti­vi­tät an. Den­ken, Füh­len und un­ser Ver­hal­ten be­ein­flus­sen die neu­ro­na­len Ver­schal­tun­gen im Ge­hirn, al­so mehr Abteilung Soft- statt Hard­ware.

HEI­LE DICH SELBST. Tho­mas Flatz, Do­zent am BrainBa­lan­ce Neu­ro­feed­back In­sti­tut in Wi­en, er­klärt die Me­tho­de: „Wir mes­sen die Hirn­strö­me des Pa­ti­en­ten, die vom Com­pu­ter vi­sua­li­siert und auf ei­nem Bild­schirm dar­ge­stell­twer­den.“InKon­rad­sFal­list es das Raum­schiff vor dem bun­ten Wel­tall. Die Pa­ti­en­ten er­hal­ten auch über Sen­so­ren in Stoff­tie­ren zu­sätz­lich Im­pul­se, die das Ge­hirn an­re­gen. Vor je­der The­ra­pie er­hält der Pa­ti­ent ei­ne Auf­ga­be – bei Kon­rad eben, das Raum­schiff al­lei­ne mit der Kraft sei­ner Ge­dan­ken zu steu­ern. Flatz:„DerPa­ti­ent­denkt­an­s­ei­neAuf­ga­be, das Ge­hirn reagiert. Die Selbst­hei­lungs­kräf­te, über die un­se­re Psy­che ver­fügt, wer­den ak­ti­viert.“Ziel ist es, durch die­se Ani­ma­ti­on Re­gu­la­ti­ons­stö­run­gen und Blo­cka­den im Ge­hirn, ver­gleich­bar mit Fehl­schal­tun­gen beim Com­pu­ter, auf­zu­lö­sen oder zu re­pa­rie­ren. „Das pas­siert al­les im Un­ter­be­wusst­sein, der Pa­ti­ent kann be­wusst, au­ßer sich zu kon­zen­trie­ren, los­zu­las­sen oder zu ent­span­nen, kei­ne Ak­tio­nen set­zen,“be­schreibt Flatz die Vor­gän­ge im Kopf.

Die Pa­ti­en­ten se­hen das na­tur­ge­mäß an­ders. Da ih­re sich durch ihr Ver­hal­ten än­dern­den Ge­hirn­strö­me auch vom Com­pu­ter in pas­sen­de Bil­der am Schirm um­ge­wan­delt wer­den, glau­ben sie, dass sie die dort statt­fin­den­den Vor­gän­ge tat­säch­lich mit ih­ren Ge­dan­ken „steu­ern“kön­nen. So wie Kon­rad, der sich je­des Mal freut, wenn er sein Raum­schiff oh­ne ei­nen Krat­zer durch ein Me­teo­ri­ten­feld „ge­steu­ert“hat. „Ich wer­de hier nicht be­han­delt, ich be­hand­le mich hier selbst“, sagt der 11-Jäh­ri­ge selbst­be­wusst.

ME­THO­DE AUS DEN 1960ERN. Neu­ro­feed­back ist seit den 1960er-Jah­ren be­kannt, als der ame­ri­ka­ni­sche Neu­ro­lo­ge Bar­ry Ster­man mit der Hirn­strom­mes­sung er­folg­reich Epi­lep­ti­ker be­han­del­te, de­ren An­fall­s­häu­fig­keit sich da­durch stark re­du­zier­te. Dann wur­den Psy­cho­phar­ma­ka er­fun­den und Neu­ro­feed­back ge­riet in Ver­ges­sen­heit. Nicht sehr hilf­reich war auch, dass Hip­pies die Hirn­strom­mes­sung als Weg zur Be­wusst­seins­er­wei­te­rung pro­pa­gier­ten, als Me­tho­de zur Er­lan­gung des „In­stant Zen“, der schnel­len Er­leuch­tung. Flatz: „Das hat der auf rei­ner Phy­sik ba­sie­ren­den Me­tho­de schnell den Ruf der Schar­la­ta­ne­rie ver­lie­hen.“Zu Un­recht, wie sich heu­te zeigt, denn Neu­ro­feed­back gilt welt­weit als Hoff­nungs­feld bei der Be­hand­lung der im­mer häu­fi­ger auf­tre­ten­den psy­chi­schen Er­kran­kun­gen.

Denn mit Me­di­ka­men­ten al­lei­ne sind dieFall­zahlen­nicht­zu­re­du­zie­ren.Nur mehr je­des zwölf­te psy­cho­phar­ma­ko­lo­gi­sche Mit­tel schafft es zur Markt­rei­fe. Neue ef­fi­zi­en­te Mit­tel zur Be­kämp­fung der im­mer häu­fi­ger wer­den­den De­pres­sio­nen feh­len am Markt. Flatz: „In Kom­bi­na­ti­on mit me­di­ka­men­tö­ser The­ra­pie er­zie­len wir mit Neu­ro­feed­back bei vie­len Pa­ti­en­ten be­ein­dru­cken­de Er­geb­nis­se.“Neu­ro­feed­back ist kein All­heil­mit­tel und funk­tio­niert auch nicht bei al­len Pa­ti­en­ten, aber es er­wei­tert die Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Al­ler­dings dau­ert die The­ra­pie lan­ge. Bis zu 20 40-mal müs­sen sich Pa­ti­en­ten vor den Bild­schirm set­zen, bis die neu­ro­na­len Net­ze „ler­nen“– bei Epi­lep­ti­kern, An­fäl­le zu ver­mei­den, bei ADHS-Pa­ti­en­ten, ih­re Auf­merk­sam­keit zu stei­gern. Für Kon­rad zählt al­ler­dings nur das Er­geb­nis: „Ich kann jetzt in der Schu­le schon viel län­ger ru­hig sit­zen.“

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